"Dringender Bedarf"

Gewalt gegen Polizisten: Berlin richtet Anlaufstelle ein

Immer öfter werden in Berlin Polizisten selbst zu Opfern von Gewalt. Nun sollen sie sich an eine zentrale Ansprechstelle wenden können.

Angriff auf einen Polizisten

Angriff auf einen Polizisten

Foto: Carsten Rehder / dpa

Berlin. Angesichts der steigenden Anzahl von Angriffen auf Polizisten will die Berliner Polizei intern eine bessere psychologische Betreuung und Beratung der Opfer ermöglichen. Dazu soll demnächst eine interne "Ansprechstelle Gewalt gegen Polizisten" eingerichtet werden. Das kündigte Polizeipräsidentin Barbara Slowik der Deutschen Presse-Agentur an. "Dort können sich unsere Kollegen hinwenden, wenn sie Gewalt erfahren." Slowik betonte: "Ich halte das für sehr wichtig, weil die Zahlen steigen. Es gibt einen dringenden Bedarf, das brauchen wir für unsere Leute, davon bin ich überzeugt."

Im Jahr 2018 wurden in Berlin 6959 Polizisten im Dienst angegriffen oder wie es offiziell hieß "Opfer einer Straftat gegen die Freiheit und körperliche Unversehrtheit". Ein Jahr zuvor waren es 6811. Von den Polizisten aus dem Jahr 2018 wurden 1608 leicht verletzt und 11 schwer verletzt.

Gewalt schon bei routinemäßigen Fahrzeugkontrollen

Slowik sagte, die Ansprechstelle mit zunächst zwei oder drei Leuten solle ganz konkret Hilfe leisten. Dazu gehöre psychologische Unterstützung und in schweren Fällen auch Hinweise zu einer tiefergehenden Beratung. Ebenso sollen Fragen zur Unfallversicherung und Beihilfe für Beamte geklärt werden. Auch der Wunsch, eine Dienststelle oder einen Einsatzbereich zu wechseln, könne eine Rolle spielen, ohne dass direkt der Vorgesetzte eingeschaltet werde. Die Ansprechstelle solle direkt per Telefon und Mail erreichbar sein.

Am meisten seien die Besatzungen der Streifenwagen der Gewalt von aggressiven Angreifern auf der Straße und in Wohnungen ausgesetzt, sagte Slowik. "Die Kollegen wissen bei einem Alarm vorher nie, in welche Situation sie da reingeraten: eine Schlägerei oder Gewalt in einer Familie und plötzlich zieht einer ein Messer." Schon bei routinemäßigen Fahrzeugkontrollen müssten die Polizisten inzwischen höchst achtsam sein, weil der Respekt vor der Polizei in Teilen der Bevölkerung geschwunden sei. Das gelte besonders auch für jüngere Menschen, sogar Jugendliche.

Tatsächlich kommen die Berichte wöchentlich und manchmal fast täglich:

- Polizeistreife in Nikolassee von zwei jungen betrunkenen Männern beleidigt, bespuckt und getreten; zwei Polizisten leicht verletzt

- wegen Lärmbelästigung herbeigerufene Polizisten in Neukölln in einem Hausflur unversehens angegriffen

- Vermummte werfen in Friedrichshain mit Farbe gefüllte Gegenstände und Flaschen von Hausdach auf Polizisten

- ein Polizist und seine Kollegin bei einer Kontrolle von drei Geschwistern massiv angegriffen und verletzt. Zwei Männer schlagen den Polizisten nieder und treten weiter auf ihn ein. Die Polizistin wird ebenfalls geschlagen und kann nur mit ihrer gezogenen Pistole die drei Angreifer in Schach halten und ihren Kollegen retten.

Aber auch die Bereitschaftspolizisten von den Einsatzhundertschaften, die Gewaltausbrüche bei Demonstrationen erlebten, könnten sich bei der Ansprechstelle melden, sagte Slowik. Auch Mitgliedern der Spezialeinsatzkommandos (SEK), die zur Festnahme von Gewalttätern gerufen würden, stehe die Beratung offen.

Die neue Beratungsstelle solle an die schon vorhandene Sozialbetreuung angegliedert werden. Man werde klein anfangen und dann beobachten, wie groß der Bedarf und die Nachfrage seien.