Nahverkehr in Berlin

Michael Müller will Jahresticket für 365 Euro

Bus und Bahn für einen Euro am Tag: Berlins Senatschef will diesen Preis in Berlin anbieten. Die Reaktionen fallen skeptisch aus.

Berlins Senatschef Michael Müller (SPD) will ein Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr zum Preis  von 365 Euro pro Jahr "Schritt für Schritt"   anbieten.

Berlins Senatschef Michael Müller (SPD) will ein Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr zum Preis von 365 Euro pro Jahr "Schritt für Schritt" anbieten.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) will mittelfristig ein Jahresticket für den öffentlichen Nahverkehr zum Preis von 365 Euro anbieten. Das sagte Müller in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung", das er gemeinsam mit seinen Amtskollegen aus Zürich und Wien gegeben hat und das am Wochenende veröffentlicht wurde.

Wörtlich sagte Müller: "Tatsächlich habe ich mich von diesem 365-Euro-Jahresticket in Wien anstecken lassen. Ich will Schritt für Schritt auch das Ziel verfolgen, ein Jahresticket für den öffentlichen Personennahverkehr für 365 Euro anbieten zu können." Für das Berliner Stadtgebiet kostet die Umweltkarte des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg bislang 761 Euro im Jahr. Von August an bekommen Azubis für 365 Euro die Jahreskarte.

In Deutschland testen derzeit Bonn und Reutlingen 365-Euro-Karten. Diese sollen mehr Menschen dazu bringen, das Auto stehen zu lassen und stattdessen Bus und Bahn zu fahren. Die SPD macht sich auch auf Bundesebene dafür stark.

Die Berliner CDU-Fraktion ist hingegen skeptisch. "Anders als in Österreichs Hauptstadt ist unser Nahverkehr leider unterfinanziert", hieß es in einer Mitteilung. Es fehlten Fahrzeuge. Müller müsse klar machen, wie er seinen Vorschlag finanzieren wolle.

Lesen Sie auch: BVG-Chefin Sigrid Nikutta - „Ich wünsche mir einen Sturm der Entrüstung“

365-Euro-Ticket - BVG: „Am Ende muss es halt auch einer bezahlen“

"Interessant, aber ..." - so lassen sich die Reaktionen auf das 365-Euro-Ticket des Regierenden Bürgermeisters zusammenfassen.

Grundsätzlich begrüße man bei der BVG die Idee. Aber Sprecherin Petra Nelken sagt: „Am Ende muss es halt auch einer bezahlen.“ Derzeit kostet ein Jahresticket 728 Euro. Eigenen Schätzungen zufolge würden der BVG mit dem 365-Euro-Ticket 170 Millionen Euro an Einnahmen wegfallen. Beziehe man die S-Bahn ein, gälte es 270 Millionen Euro zu kompensieren. Würde die Zahl der Fahrgäste steigen, müsse laut der BVG zudem massiv investiert werden – in Personal etwa, Fahrzeuge oder Werkstätten.

Dabei ist strittig, ob das verbilligte Jahresabo viele zum Umsteigen auf die Bahn bewegt. So hat erst vor wenige Tagen das Beratungsunternehmen Civity eine Studie zum „Wiener Weg“ veröffentlicht. Quintessenz: „Die 365-Euro-Jahreskarte sorgt nicht für mehr Fahrgäste“. Vielmehr hätten wachsende Bevölkerungszahlen, Linienausbau und eine deutliche Erhöhungen der Parkgebühren für Zuwächse beim Wiener Nahverkehr gesorgt. In Wien war das Jahresabo schon zuvor deutlich billiger als in Berlin. Und: Bei allen anderen Tickets stiegen die Preise deutlich.

Jahresticket für 365 Euro: Die Grünen setzen auf Flatrate für alle

„Der Schlüssel ist die Parkraumbewirtschaftung und ein massiver Ausbau des ÖPNV“, sagt die Fraktionssprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus Antje Kapek. Den Vorstoß von der Spitze des Koalitionspartners SPD nennt Kapek einen „interessanten Ansatz. Aber effektiver sei vermutlich das eigene Konzept für ein umlagefinanziertes, solidarisches Ticketangebot: Das Bärenticket. Demnach sollen alle volljährigen Berliner 15 Euro für eine Art Flatrate auf ÖPNV zahlen und somit auch mehr Investitionen ermöglichen. Die Reaktionen der Opposition fallen heftiger aus. Die FDP mahnt eine Verbesserung von Sicherheit und Qualität an. Dann seien Fahrgäste auch bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen. Die AfD nennt Müllers Vorstoß populistisch.

Müller bleibt dabei, das 365-Euro-Ticket sei ein mittelfristiges Ziel. „Ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis wird wie in Wien auch in Berlin zum Umdenken führen“, sagt Müller der Berliner Morgenpost. Parallel müssten Voraussetzungen bei der Finanzierung, bei den Fahrzeugkapazitäten und beim Fahrpersonal geschaffen werden.