Vivantes-Klinikum

Chefarzt-Visite mit dem Telemedizin-Roboter

Das Vivantes-Klinikum Auguste Viktoria testet Telemedizin erfolgreich. So bleibt mehr Zeit für Patientengespräche.

Stationspflegeleiterin Manuela Pietschmann kümmert sich im Auguste-Viktoria-Klinikum um Sheila Jungnischke und Baby Can. Chefärztin Mandy Mangler ist per Televisite-Roboter zugeschaltet und kann Anweisungen geben.

Stationspflegeleiterin Manuela Pietschmann kümmert sich im Auguste-Viktoria-Klinikum um Sheila Jungnischke und Baby Can. Chefärztin Mandy Mangler ist per Televisite-Roboter zugeschaltet und kann Anweisungen geben.

Foto: David Heerde

Berlin. Einen Namen hat die jüngste Hilfskraft der Gynäkologie im Vivantes-Klinikum Auguste Viktoria noch nicht, aber gut ins Team aufgenommen wurde sie schon. Die Hilfskraft ist ein Roboter, der Chefärztin Dr. Mandy Mangler ermöglicht, eine Visite bei Patientinnen vorzunehmen, auch wenn sie nicht im Hause ist – mittels Telemedizin.

Der Roboter kommt recht unscheinbar daher, ist aber sehr wendig. Er sieht aus wie ein Segway und besteht aus zwei elektrisch betriebenen Rädern und einer höhenverstellbaren Stange, an der ein Tablet befestigt ist. Über ein Smartphone oder ein Tablet kann das Gerät von jedem beliebigen Ort aus gesteuert werden. Mangler kann sich auf das Roboter-Tablet einwählen und per Telekonferenz mit Patientinnen oder ihrem Team kommunizieren.

Die Chefärztin der Gynäkologie und der Klinik für Geburtsmedizin am Schöneberger Krankenhaus des landeseigenen Gesundheitsversorgers konnte „Double Robot“, wie ihn die Herstellerfirma sehr sachlich getauft hat, jetzt einen Monat lang testen. Sie ist sehr angetan. „Der ,Double Robot’ ermöglicht viel flexibleres Arbeiten. Wenn ich mich zum Beispiel nach einer Operation erkundigen möchte, wie es einer Patientin geht, aber keine Visite mehr geplant ist, schalte ich mich zu jeder Zeit und ortsunabhängig zu“, erklärte Mangler am Donnerstag bei einer Pressekonferenz.

Sie kann mit dem Roboter autonom über Flure und in Zimmer bis ans Krankenbett rollen. Dann kann sie sich die Patientin anschauen und Fragen zu ihrem Befinden stellen. Ein Arzt oder eine Pflegekraft assistiert ihr. Dabei geht es nicht nur um das Öffnen von Türen, sondern vor allem darum, die Patientin bei Bedarf zu berühren oder zu untersuchen, also den Part des „verlängerten Arms“ der Chefärztin zu übernehmen.

Der Vorteil gegenüber einem herkömmlichen Video-Telefonat besteht darin, dass die Ärztin alles steuert. Sie entscheidet, was sie von der Patientin sieht und wie die Patientin sie selbst auf dem Roboter-Tablet sieht. Der Einsatz des Roboters solle die persönliche Visite keinesfalls ersetzen, betont Mangler. Er ermögliche vielmehr, die Zahl der Visiten deutlich zu erhöhen.

Patientenkontakte auch vom Flughafen aus möglich

Die Medizinerin hat während der einmonatigen Testphase zehn Visiten und eine Konferenz mit dem Tele-Assistenten absolviert. Das Feedback der Patientinnen sei durchweg positiv gewesen, berichtet Mangler. Eine typische Situation: Sie habe eine Ärztetagung außerhalb Berlins besucht, aber dennoch nach einer Patientin sehen wollen. Allein der Weg ins Auguste-Viktoria-Klinikum (AVK) und anschließend nach Hause hätte sie mindestens eine Stunde zusätzliche Fahrzeit gekostet. Noch am Flughafen habe sie via „Double Robot“ mit der Frau gesprochen. Ergebnis: Nach wenigen Minuten waren Ärztin und Patientin gleichermaßen beruhigt.

Für die Testphase musste das AVK 500 Euro Miete an die Herstellerfirma zahlen. Die Gynäkologische Klinik möchte das Gerät auch künftig nutzen und hat deshalb beschlossen, für 3000 Euro einen „Double Robot“ zu kaufen. Mandy Mangler geht davon aus, die Zahl ihrer Visiten damit um rund 30 Prozent erhöhen zu können, insbesondere abends und an Wochenenden. Auf die Frage, ob das nicht ihre Arbeitszeit sehr verlängere, winkt sie ab. „Man ist doch ohnehin gewohnt, immer erreichbar zu sein“, sagt sie. Und ehe sie zu Hause sitze und sich Sorgen mache, setze sie lieber kurz eine Televisite an.

Sheila Jungnischke hat auch bereits Bekanntschaft mit dem Roboter geschlossen. Die 29-Jährige hat am 24. Juni im Auguste-Viktoria-Klinikum ihr erstes Kind zur Welt gebracht. An den ersten beiden Tagen nach der Entbindung sei es ihr nicht so gut gegangen, berichtet die Altenpflegerin, während ihr Sohn Can tief und fest auf ihrem Schoß schläft. Da sei es „nicht schlecht“ gewesen, eine zusätzliche Visite nutzen zu können. Ein bisschen befremdlich sei die Situation dennoch gewesen. Die junge Mutter hätte sich gewünscht, dass „Double Robot“ etwas menschlicher designt wäre.

Der Roboter ist indes nur ein kleiner Baustein eines großen Digitalisierungsprogramms. Die Gynäkologie in Schöneberg und die Chirurgie am Humboldt-Klinikum in Reinickendorf haben einen Vivantes-internen Wettbewerb gewonnen. Ziel ist, innerhalb von 18 Monaten so viele Prozesse wie möglich zu digitalisieren. Dabei geht es nicht nur um die Erstellung der digitalen Krankenakte, sondern auch darum, den extrem hohen Dokumentationsaufwand im Krankenhaus zu optimieren.

Ein Beispiel: Bei einer Entbindung werden die Herztöne des Babys gemessen, die Kurven ausgedruckt. Pro Patientin kommen zwischen zehn und 30 Meter Ausdrucke zusammen, die anschließend per Hand auf DIN-A-4-Format auseinandergeschnitten und abgeheftet werden. Bei 1700 Geburten pro Jahr ein Riesenaufwand, der bei einer digitalen Erfassung der Kurven entfällt.

Herausforderungen bei der Digitalisierung seien etwa die Schnittstellen beim Datenzugriff von Krankenkassen und Arztpraxen, erläuterte Mangler bei der Pressekonferenz. Einer Befürchtung widersprach sie deutlich: Der Datenschutz sei auf einem hohen Niveau gewährleistet und werde engmaschig kontrolliert, sagte die Chefärztin.