Stadtführungen

„Italiener interessiert Kunst, Amerikaner der Kalte Krieg“

Was Besucher in Berlin sehen wollen und warum die Berliner touristische „Trüffelschweine“ sind.

Markus Müller-Tenckhoff ist Erster Vorsitzender des Verbandes der Berliner Stadtführer Berlin Guide e.V..

Markus Müller-Tenckhoff ist Erster Vorsitzender des Verbandes der Berliner Stadtführer Berlin Guide e.V..

Foto: Markus Müller-Tenckhoff / BM

Markus Müller-Tenckhoff (51) führt seit 1991 Gäste auf Deutsch und in Englisch durch Berlin und Brandenburg. Seit 2016 ist er Vorsitzender des Verbandes der Berliner Stadtführer Berlin Guide e.V.. Er setzte sich viele Jahre für die Qualifizierung der Gästeführer ein, die seit 2009 nach der europäischen Norm EN 15565 stattfindet.

Herr Müller-Tenckhoff, warum eine Qualitätssicherung für Stadtführer ?

Eine schöne Stadtführung ist ja unterhaltsam und informativ zugleich. Gute Ortskenntnisse bedeuten aber nicht immer, dass sie auch gut vermittelt werden. Ein Geschichtskenner, der lediglich „Mikrofon-Monologe“ hält, bei denen die Leute einschlafen – das ist ja nicht Sinn einer Führung.

Kann man das lernen?

Natürlich – es geht um die Frage: Wie führe ich was richtig? Ob im Museum, im Bus oder bei einem Stadtrundgang – es gibt ganz unterschiedliche Techniken, wie man etwas so zeigt, dass die Gäste die wichtigen Dinge selbst erkennen. Und dann muss das Wichtigste dazu erklärt werden. So fühlen sich die Gäste wohl und nicht überfordert. Um diese Techniken geht es in der ersten Hälfte der Ausbildung, in insgesamt 300 Stunden.

Was lernen die Stadtführer noch?

In weiteren 300 Stunden werden überregionale und regionale Kenntnisse und Geschichte vermittelt, unternehmerischer Kenntnisse, Erste Hilfe und so weiter. Wir wollten das Berufsbild klar abgrenzen vom Reiseleiter: Der Gästeführer ist klar auf eine Region beschränkt. Die Norm EN 15565 legt die Mindestanforderungen für Schulungen europaweit fest.

Gibt es eine Prüfung?

Ja, denn es geht um Qualitätssicherung. Es gibt eine mündliche, eine schriftliche und eine praktische Prüfung. Die praktische Prüfung, vom Bundesverband der Gästeführer in Deutschland abgenommen, ist eine reale Führung. Dabei wird darauf geachtet, wie steht und geht der Gästeführer, wie ist die Begrüßung, wie ist das Zeit-Management? „Sehen“ die Leute mit, können sie folgen, ist das Richtige erklärt worden? Gibt es eine schöne Atmosphäre, war auch ein bisschen Humor dabei?

Geht es auch um Sicherheit? Manche Führungen in Berlin, finden ja an ungewöhnlichen Orten statt.

Ja. Man kann noch so unterhaltsam sein, aber man darf die Gäste nicht in den fließenden Verkehr laufen lassen oder anderweitig in Gefahr bringen. Gästeführer müssen immer auf ihre Gäste achten – nur das schafft Vertrauen.

Was muss man als Stadtführer mitbringen?

Grundsätzlich hilft es, wenn man gut reden kann und sich für Stadtgeschichte interessiert. Man muss natürlich Spaß daran haben, mit Menschen umzugehen. Die meisten bringen schon Berufs- oder auch besondere Lebenserfahrungen mit. Der eine hat Theologie studiert und macht später Kirchenführungen. Es gibt Architekten, die reine Architekturführungen machen. Als Stadtführer kann man sich damit besonders positionieren.

Arbeiten Gästeführer haupt- oder nebenberuflich?

Als hauptberuflicher Gästeführer muss man sehr viel Kraft haben, denn es ist volle Aufmerksamkeit und Konzentration gefordert. Die meisten machen es nebenberuflich, viele auch einfach, weil es ihnen Freude bereitet.

Wie viele Stadtführer gibt es in Berlin?

Unser Berufsverband hat 320 qualifizierte Mitglieder, insgesamt gibt es aber in Berlin etwa 600 Stadtführer, schätze ich. Sie sind nicht alle bei uns organisiert, schon allein, weil nicht alle an der deutschsprachigen Schulung Interesse haben.

Wird in anderen Sprachen ausgebildet?

Nein, bisher nicht, auch wenn wir viele Fremdsprachler in den Kursen haben. Die praktische Prüfung kann in der Muttersprache absolviert werden.

Wie hoch ist das Honorar?

Es wird frei verhandelt, liegt in der Regel bei etwa 50 Euro die Stunde plus Mehrwertsteuer, 180 Euro für eine dreistündige Busfahrt. Manchmal ist es bedeutend höher oder es gibt Tagespauschalen. Es gibt auch Firmen, die viel weniger zahlen mit dem Argument, dass sie einen Gästeführer das ganze Jahr über regelmäßig buchen.

Berlin hat sich ja in den letzten Jahren sehr verändert - interessieren sich Touristen heute für andere Ziele?

Nein, leider nicht, muss ich sagen. Dadurch, dass der Tourismus die Welt immer schneller „überfliegt“, werden einzelne Orte zu Zielen, die alle sehen wollen, etwa die Petersburger Eremitage. Unsere Nofretete ist auch weltberühmt, trotzdem wollen sie nur zehn Prozent der Besucher sehen.

Was wollen Berlin-Touristen sehen?

Für viele, die von weit her kommen – China, Australien, den USA – ist Berlin kurz gesagt „Hitler und Mauer“. Vielleicht interessieren noch die 20er-Jahre. Aber das war es dann auch schon. Es kann für einen Stadtführer schon überraschend sein, wie wenig dem internationalen Publikum darüber bekannt ist, was die junge, neue Republik nach 1945 und auch nach 1990 geleistet hat.

Die Leute glauben also, wir leben immer noch im Kalten Krieg?

Na ja, manchmal hat man den Eindruck. Die Teilung wird gar nicht mehr verstanden, dazu muss man oft viel mehr erzählen als nach dem Mauerfall, als Teilung noch sichtbarer war. Heute können viele sich das nur noch schwer vorstellen.

Und was interessiert die Europäer?

Die Italiener sind sehr kunstinteressiert, gehen ins Pergamon-Museum, wollen die Alten Meister und Architektur sehen. Amerikaner fragen nach dem Kalten Krieg und Nazi-Deutschland. Wo war Hitlers Bunker? Wo stand die Mauer? Engländer interessiert ähnlich wie die Deutschen die Nachkriegsgeschichte. Die Interessen unterscheiden sich auch vom Alter her: Nacht- oder Tagleben, Kiezleben oder Hauptsehenswürdigkeiten.

Was gibt es noch an besonderen Gästen?

Die Kreuzfahrer zum Beispiel. Sie kommen von der „Baltic“ an der Ostsee mit dem Zug oder Bus. Ein örtlicher Veranstalter organisiert dann gleich bis zu 30 Guides, dann geht im Schnelldurchlauf durch Berlin. Wir nennen es scherzhaft „japanese style“: aussteigen, Foto, weiter.

Und die Deutschen?

Die Deutschen sind die größte Herausforderung.

Warum?

Sie erklären einem gern, was sie wissen. Die Deutschen reisen gern individuell, allein oder zweit. Sie suchen sich ihre Informationen im Netz, gehen auf eigene Faust los. Aber das macht nichts, den deutschen Gruppentourismus gibt es ja trotzdem noch, und viele andere Nationen, die auch deutsch sprechen.

Was ist das Schöne an einem echten Stadtführer im Vergleich zu digitalen Angeboten oder Audio Guides?

Man kann ihn spontan um die Änderung der Route fragen. Oder auch einfach nach weiteren Empfehlungen für den Berlinbesuch. Man kann ihm Fragen stellen, ihn nach seiner Meinung oder eigenen Erfahrungen zu historischen Ereignissen fragen.

Trifft das auch auf Sie persönlich zu?

Ja, ich bin Berliner, 51 Jahre alt, West-Berliner, aufgewachsen in Schöneberg. Übrigens direkt neben dem Schöneberger Rathaus – John F. Kennedy, Willy Brandt, die Blockade, das war immer im Gespräch. Ich war auch dabei, als Ronald Reagan 1987 seine Rede am Brandenburger Tor hielt, „tear down this wall!“. Ich stand direkt davor.

Sollte der Tourismus sich mehr in Berlin verteilen, statt sich auf Mitte zu konzentrieren?

Ja, die Senatswirtschaftsverwaltung will den Tourismus mehr über die Bezirke streuen. Wir nennen es „Out of the Ring“, also außerhalb des S-Bahn-Rings. Dazu haben wir besondere Führungsangebote gemacht, Dahlem, Spandau, Köpenick, Humboldt in Tegel. Wir haben eine neue Bevölkerung in Berlin, die ihre Stadt auch kennen lernen will.

Kommen auch Berliner zu den Führungen?

Ja – und das ist ein gutes Zeichen. Denn man hat festgestellt, dass es immer die Berliner selbst waren, die die heutigen touristische Highlights entdeckt haben. Wo die Berliner Orte für sich entdecken, entwickelt sich urbanes Leben und in der Folge auch Tourismus. Nehmen Sie den damaligen Oststrand hinter der East Side Gallery, das heutige „Kreuzkölln“ oder auch das Strandbad am Wannsee. Selbst diese „Berliner Badewanne“ ist heute ein Erlebnis für Touristen, die Berliner mal „like the locals“ erleben wollen. Eine Idee bei „Out of the Ring“ ist aber auch, die Stadt im kommenden Jahr zum 100. Gründungstag von Groß-Berlin nochmal anders zu präsentieren.