Interview

„Räumliche Nähe reicht für intensive Nachbarschaft nicht“

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Antea Obinja
Altbauten in Berlin (Symbolbild)

Altbauten in Berlin (Symbolbild)

Foto: Wolfram Steinberg / picture alliance / Wolfram Steinberg

Annette Spellerberg ist Stadtsoziologin. Ein gepflegtes Miteinander im Kiez hält sie weder für leicht, noch für selbstverständlich.

Nachbarschaftsinitiativen wie die „Kiezoase“ in Schöneberg oder „Bizim Kiez“ aus Kreuzberg ziehen viele Menschen an – sie dienen als Anlaufstelle bei Problemen etwa mit dem Vermieter und mit dem Jobcenter, vermitteln Hilfsangebote und leisten daneben außerdem Bildungsarbeit. Sie sind aber auch Orte des sozialen Miteinanders.

Annette Spellerberg, Professorin an der Technischen Universität Kaiserslautern, forscht zu Stadt- und Regionalsoziologie und hat mit der Berliner Morgenpost über die Rolle von Nachbarschaft in der Stadt gesprochen.

Berliner Morgenpost Welche Bedeutung hat Nachbarschaft für die Menschen in der Großstadt?

Annette Spellerberg Zuallererst kann man nicht von „der Bedeutung“ für „die Menschen“ in der Großstadt sprechen, da die Stadtbevölkerung sehr heterogen ist. Je nach Alter, sozialer Schicht oder anderen Faktoren haben die Menschen ganz andere Bedürfnisse, und damit auch ganz andere Wünsche in Bezug auf ihre Nachbarschaft. Manche wünschen sich intensivere Nachbarschaftskontakte und organisieren diese dann zum Beispiel über Onlineplattformen oder soziale Medien. Andere sind zufrieden mit einer freundlichen Distanziertheit zu ihren Nachbarn.

Nimmt die Bedeutung von nachbarschaftlichen Netzwerken zu? Und wenn ja, warum?

Das weiß ich nicht und kann ich empirisch nicht belegen – was es auf jeden Fall gibt, ist eine große öffentliche Wahrnehmung, die es früher so nicht gab. Es gibt heute viele neue Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Es kann gut sein, dass die Bedürfnisse der Menschen nach sozialer Nähe früher die gleichen waren, nur sind sie in der letzten Zeit verstärkt in den Fokus gerückt.

Wie gelingt denn überhaupt eine intensive Nachbarschaft?

Eine gute Nachbarschaft mit vielen Kontakten ist nicht unbedingt einfach herzustellen, ein Nachbar ist zuallererst einfach mal da. Nur wenn soziale Faktoren dazukommen, wie gleiche Werte, soziale Nähe, also eine ähnliche Lebensphase, entsteht soziale Nähe. Räumliche Nähe reicht für eine intensive Nachbarschaft nicht aus.

Welche Chancen sehen Sie in einer guten nachbarschaftlichen Vernetzung?

Viele: Kontakt, Kommunikation und auch potenzielle Unterstützung – Interaktionen, die Menschen brauchen. Da geht es um ganz alltägliche Dinge, wie nach der Post schauen, die Katze füttern oder die Blumen gießen. Wir leben in einer immer älteren Gesellschaft und gerade immobile ältere Menschen sind häufig auf Kontakte in ihrer räumlichen Nähe angewiesen.