Verkehr

Berliner wollen Autos aus den Kiezen heraus bekommen

Sechs Bürgerinitiativen im Südwesten haben sich zusammengeschlossen. Sie wollen die Relikte der autogerechten Stadt beseitigen.

Druck auf die Berliner Politik: Sabine Pentrop von der Initiative Bundesplatz mit Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne, r.).

Druck auf die Berliner Politik: Sabine Pentrop von der Initiative Bundesplatz mit Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne, r.).

Foto: Carolin Brühl

Berlin. Sechsspurige Überflieger über Häuser und Parkanlagen; Autobahnbrücken und Abzweige, die breite Schneisen in Kieze schlagen und die Bewohner voneinander trennen, Zubringer, die keiner mehr braucht – das alles sind Relikte der autogerechten Stadt aus den 70er-Jahren. Von „Restgrün“, das für die Anwohner übrig geblieben sei, spricht Wolfgang Severin von der Initiative Bundesplatz. Jetzt gehe es darum, sich diese Grünflächen zurückzuholen und wieder lebenswerte Plätze und Orte zu gestalten. Dafür haben sich sechs Bürgerinitiativen aus dem Berliner Südwesten zu dem Netzwerk „Menschengerechte Stadt“ zusammengeschlossen.

Nicht autofeindlich, sondern für faires Miteinander

Zu dem Netzwerk gehören die Bürgerinitiative Breitenbachplatz, die Initiativen Bundesplatz, Friedrich-Wilhelm-Platz, Wilmersdorfer Mitte und Prinzregentenstraße sowie die Stadtteilinitiative um den Leon-Jessel-Platz. Alles sechs betonen, nicht „autofeindlich“ zu sein sondern sich für ein faires Nebeneinander von Fußgängern, Radfahrern, Autofahren und dem öffentlichen Nahverkehr einzusetzen. In einem gemeinsam Positionspapier fordern sie den Senat auf, ein Programm zum Rückbau der autogerechten Stadt zu entwickeln, „um die Wunden, die dieser Stadt zugefügt wurden, zu schließen“.

„Wir wollen ein Impulsgeber sein“, sagt Matthias Reich von der Initiative Wilmersdorfer Mitte. Für die Politik, aber auch für andere Aktive. Denn Themen wie Klimawende und Verkehrswende würden immer wichtiger. Auch die Parteien seien hellhörig geworden.

Tatsächlich sind nicht nur die sechs Initiativen an der Wiedergewinnung der Stadt für ihre Bewohner interessiert. Gerade erst haben die Bezirksverordneten von Tempelhof-Schöneberg mehrheitlich zugestimmt, die Bundesautobahn 103 vom Steglitzer Kreisel zum Schöneberger Sachsendamm auf eine vierspurige Stadtstraße zurückbauen zu lassen, um Platz für Neubauten zu schaffen.

Initiative Breitenbachplatz will sich als Verein organisieren

„Vor mehr als 50 Jahren ist überdimensioniert gebaut worden“, sagt Ulrich Rosenbaum von der Bürgerinitiative Breitenbachplatz. Heute bräuchte man nicht mehr so viele Fahrspuren. Seine Initiative will künftig noch einen Schritt weitergehen und sich als Verein organisieren. So sei es dann auch möglich, Workshops anzubieten und Experten einzuladen, sagt Rosenbaum. Die Berliner Morgenpost stellt die Pläne der Initiativen vor:

  • Initiative Friedrich-Wilhelm-Platz: Seit sechs Jahren setzt sich die Initiative dafür ein, dem Platz seine ehemalige Funktion als Zentrum von Friedenau und als Ort der Begegnung zurückzugeben. Sie will die Vorherrschaft der Straße zurückdrängen und die Verkehrsflächen unter allen Nutzern neu aufteilen. Dafür sollen auch Radwege neu verlegt werden und der Kirchenvorplatz sein frühere Gestalt wiederbekommen. Auf allen Straßen rund um den Platz sollte Tempo 30 gelten, fordert die Initiative.
  • Stadtteilinitiative Leon-Jessel-Platz: Der Kiez ist ein wenig so etwas wie der Sehnsuchtsort der Bürgerinitiativen in der City West. Dort hat man geschafft, was andernorts erst noch entstehen soll: einen Kiezplatz, der durch verkehrsberuhigende Maßnahmen wie den Einbau von Bodenschwellen und die Ausweisung einer unechten Einbahnstraße im Jahr 2000 zu einem lebendigen Nachbarschaftstreff geworden ist. Rund um den Brunnen mit der markanten Pilz-Skulptur spielen Kinder und es werden Feste gefeiert. Auch wenn die verkehrsberuhigenden Maßnahmen in diesem Fall nicht auf Impulse einer Bürgerinitiative zurückzuführen sind, sondern von der Bezirksverwaltung initiiert wurden, macht sich der ebenfalls 2000 gegründete Verein „Miteinander im Kiez“ für das Kiezleben stark und fördert Projekte von Urban Gardening über Müllsammel- und Putzaktionen bis zu Nachbarschaftsstammtischen.
  • Bürgerinitiative Breitenbachplatz: Vor 100 Jahren wurde der Breitenbachplatz als ein gärtnerisches Gesamtkunstwerk angelegt. Dann wurde er von einer Autobahnbrücke zerschnitten. Seitdem verödet der Breitenbachplatz immer mehr, Geschäfte schließen, kaum einer hält sich dort auf. Die Initiative fordert den Abriss der Autobahnbrücke. Unterstützt wird sie von den Bezirksverordnetenversammlungen in Steglitz-Zehlendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf, die sich ebenfalls für einen Rückbau ausgesprochen haben. Im Moment diskutiert das Abgeordnetenhaus über einen Antrag der CDU-Fraktion, die eine Machbarkeitsstudie fordert, mit dem Ziel „Abriss, weitgehenden Rückbau und Umbau“. In spätestens fünf Jahren soll die Brücke weg sein, so die Initiative.
  • Initiative Wilmersdorfer Mitte: Die Initiative will dem Ortsteil sein altes Zentrum zurückgeben, das zum Teil im Krieg zerstört worden ist, vor allem aber in den 80er-Jahren durch den massiven, mehrspurigen Ausbau der Uhlandstraße zwischen der Kreuzung Blisse- und Mecklenburgische Straße autogerecht verändert wurde. „Die alte Wilmersdorfer Mitte rund um die Wilhelmsaue hat ihr Gesicht verloren“, sagt BI-Sprecher Matthias Reich. Behutsam soll der Kiez repariert und die Verkehrsbelastung minimiert werden. Rund um die alte Wilmersdorfer Eiche soll ein Kreisverkehr den Durchgangsverkehr entschleunigen und einen zentralen Platz der Identifikation schaffen. Der Platz, der bei einer Verschmälerung der Uhlandstraße entstünde, soll mit Wohnhäusern bebaut werden und die alten Baulinien wieder aufnehmen.
  • Initiative Bundesplatz: Die Bundesplatzler sind die Praktiker, aber auch die Wissenschaftler unter den Initiativen. Sie holen sich Rat bei Experten der Technischen Universität und dem Bauhaus in Weimar und sind verknüpft mit Berlins Partnerstadt Los Angeles – einst das Vorbild für den Ausbau der Stadtautobahnen durch Berlin. Die 240 Mitglieder haben es sich zum Ziel gesetzt, die Balance zwischen Durchgangsverkehr und lokalen Fußgängerbedürfnissen wieder ins Lot zu bringen. Die Initiative kann durchaus ein paar Erfolge vorweisen. Regelmäßig pflegen Mitglieder die Grünanlage auf dem Platz, die düstere Autobahnunterführung hat ein Beleuchtungskonzept erhalten und auf den beiden Spangen rund um den Platz wurde eine Tempo-30-Zone eingerichtet. Was immer noch fehlt, aber seit drei Jahren zugesagt wird: Zebrastreifen im nördlichen Bereich des Platzes, um dort den Platz sicher queren zu können. Langfristig soll der Tunnel der den Bundesplatz zerschneidet verschwinden und der Verkehr rund um das historische Oval geleitet werden.
  • Initiative Prinzregentenstraße: Seit 2008 ist die Prinzregentenstraße eine Fahrradstraße, auf der eigentlich Fahrradfahrer den Vorrang haben. Da die Straße aber auch noch von Autos genutzt wird, kommt es immer wieder zu Konflikten. Die Initiative fordert deshalb eine „echte Fahrradstraße“. Erreicht hat sie inzwischen zwei Beschlüsse in der Bezirksverordentenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf. Auf der Kreuzung Prinzregentenstraße und Durlacher Straße wird eine Diagonalsperre errichtet und die Prinzregentenstraße soll durch den Volkspark mit zwei Wendekreisen für den motorisierten verkehr gesperrt werden. Die Beschlüssen liegen derzeit noch bei der Verkehrslenkungsbehörde. Baubeginn soll 2020 sein.