Klimaschutz

„Wir müssen radikal anders leben“

Die Menschen sollen weniger fliegen und Fleisch essen, sagt Volker Quaschning, Professor an der HTW Berlin, im Interview.

Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin.

Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin.

Foto: Julius Betschka

Berlin. Volker Quaschning kann einem in wenigen Minuten skizzieren, was die Politik tun müsste, um das Klima zu retten. Seine Worte sind deutlich: Die Zeit drängt, sagt der 50 Jährige. Er hat die „Scientists for Future“ mitinitiiert: Eine Vereinigung von Wissenschaftlern, die die Ziele der „Fridays for Future“-Bewegung unterstützt, sich für mehr Klimaschutz einsetzt. Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Wirtschaft und Technik (HTW) Berlin. Im Gespräch erklärt er, warum Verzicht allein das Klima nicht retten wird.

Berliner Morgenpost: Herr Quaschning, in Schweden gibt es das neue Wort „Flygskam“ – was so viel bedeutet wie Flugscham –, weil Fliegen so schlecht für die Umwelt sei. Sollten wir uns wirklich schämen, zu fliegen?

Volker Quaschning Wir sollten unnötige Flüge zumindest vermeiden. Man muss nicht für 19,90 Euro nach Malle fliegen, um sich dort am Strand volllaufen zu lassen.

Hat nicht das Reisen mit dem Flugzeug die Welt erst zusammenwachsen lassen?

Viele sagen, dass das Heil der Welt im Fliegen liegt. Tatsächlich sind nur drei Prozent der Weltbevölkerung im vergangenen Jahr geflogen. Im Prinzip ist das also ein deutsches Luxusproblem, weil 97 Prozent gar nicht fliegen. Für uns Deutsche scheint das mittlerweile unverzichtbar, aber fragen sie die gleiche Frage mal in Kenia.

Also nur noch Urlaub in Brandenburg?

Alles muss heute immer schneller, besser, weiter, höher sein. Aber dazu macht man ja keinen Urlaub, es geht ja um Entspannung und dafür muss ich nicht unbedingt auf die Malediven fliegen. Außerdem gibt es heute viele technische Möglichkeiten, wie man ohne von Kontinent zu Kontinent zu jetten, miteinander kommunizieren kann. Ohne Verzicht wird es nicht gehen.

Mehr als 100 Berliner Familien haben das im vergangenen Jahr versucht. In dem Projekt „Klimaneutral leben in Berlin“ konnten sie ihren Verbrauch von CO2 um gerade einmal 10 Prozent senken. Das soll nun unsere Umwelt retten?

Das ist eine sehr gute Frage. Pro Kopf stoßen die Deutschen doppelt so viel CO2 aus wie der Durchschnitt auf der Welt. Das zeigt, dass unser Lebensstil ein anderer ist, als in vielen anderen Teilen der Erde. Der Einzelne müsste für wirklich große Einsparungen komplett aus diesem Raster ausbrechen. Das ist natürlich relativ schwer. Es hilft zum Beispiel nichts, wenn man jeden Tag mit dem Fahrrad zum Bäcker fährt und dann einmal nach Australien fliegt. Allein so eine Reise verdoppelt den CO2-Ausstoß.

Sie sagen, 2019 sei ein Schlüsseljahr für den Klimaschutz – warum?

Wir wissen, dass wir in den nächsten 15 Jahren komplett klimaneutral werden müssen, um das Weltklima zu retten. Bis 2035 müssen wir CO2-neutral leben, um das Pariser Klimaschutzabkommen halten zu können, dass das 1,5-Grad-Ziel vorgibt. Wir werden das aber nicht hinbekommen, wenn wir hier und da etwas aussparen und abwarten, bis wir irgendwann CO2-neutrale Flugzeuge entwickelt haben.

Was bedeutet denn Klimaneutralität?

Das heißt, es dürften keine CO2-Emissionen mehr verursacht werden. Also keine Kohle, kein Erdöl und kein Erdgas mehr verbrannt und möglichst auch keine tierischen Nahrungsmittel mehr gegessen werden. Fleischkonsum ist immerhin für rund 15 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Indem wir Wälder aufforsten, könnten wir einiges kompensieren, so dass eine Reduktion um nur 95 Prozent möglich wäre, ohne das Klimaschutzabkommen zu gefährden. Trotzdem müssen wir radikal anders leben.

Warum ist das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels so wichtig?

Danach werden kritische Kipppunkte erreicht, die die Lebenssituation auf der Erde dramatisch verschlechtern. Dann haben wir eine Welt mit gigantischen Flüchtlingsströmen und Problemen bei der Nahrungsmittelversorgung. Dann werden die Ressourcen immer größer, die wir zum Schutz vor den Folgen einsetzen müssen, und haben keine mehr, um den Klimawandel zu verlangsamen. Wir müssen jetzt radikal umschwenken, weil wir jahrelang immer nur ein bisschen Klimaschutz gemacht haben. Wir müssen das Tempo jetzt verfünffachen.

Bräuchte es dann nicht viel mehr eine Kultur des Tatendrangs als des Verzichts?

Also den Blick nach vorn. Genau, das auf alle Fälle. Ich meine, wie viele Leute machen bei so einem Verzicht mit? In Schweden ist durch den „flygskam“-Trend der Flugverkehr um gerade einmal 3 Prozent gesunken. Das ist ganz nett und ein symbolisches Zeichen, weil alle darüber nachdenken müssen. Aber es wird nicht helfen, dass wir alle zu Verzicht aufrufen, solange die Politik nicht die richtigen Rahmenbedingungen vorgibt. Andererseits handelt die Politik auch nicht, weil sie denkt, dass die Bevölkerung das nicht will. Darum fehlt ihr der Mut, auch nur ansatzweise die richtigen Schritte zu unternehmen.

Wie eine Berliner Familie versuchte, klimaneutral zu leben

Andererseits feiern die Grünen, die Ur-Öko-Partei, gerade große Erfolge. Es gibt die Fridays-for-Future-Bewegung, angeführt von Greta Thunberg, wo wöchentlich tausende junge Menschen für mehr Klimaschutz demonstrieren. Sie selbst haben kürzlich die „Scientists for Future“ mitinitiiert – 27.000 Wissenschaftler haben sich schon angeschlossen. Gibt es eine Trendwende?

Da wandelt sich was, ja. Das ist ein Generationenkonflikt. Die jungen Leute lernen in der Schule: 2100 wird es auf der Welt ganz schrecklich, wenn wir nichts verändern. Die brauchen nur mal nachrechnen und merken: Hoppla, da lebe ich ja noch. Das ist der große Unterschied zu den jetzigen Politikern, die werden diese Zeit nicht mehr erleben. In der Wissenschaft gibt es seit Jahren eine große Einigkeit, dass mehr für den Klimaschutz getan werden muss, aber in Politik und Bevölkerung hat das noch zu wenig bewegt. Deshalb begehrt diese junge Generation jetzt auf. Das wird sich früher oder später auf die Parteien auswirken.

Und wann haben wir die „Politicians for Future“ – die umweltbewegten Politiker?

Die Politik hält sich ja da momentan noch ziemlich raus. Selbst bei den Grünen gibt es eine enorme Zurückhaltung, weil die auch genau wissen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, bräuchte es so radikale Maßnahmen, dass die 20 Prozentpunkte, die sie gerade in Umfragen haben, schnell wieder dahinschmelzen können. Deshalb ist der Druck von der Straße so wichtig. Es muss das Signal gesendet werden: Wenn jemand mutig ist und radikal für mehr Klimaschutz eintritt, wird er dafür nicht bestraft, sondern belohnt.