Diskussion

Der lange Weg zur Parität in der Gründerszene

Frauen sind bei Start-up-Gründungen unterrepräsentiert. Um das zu ändern, muss in der Schule angesetzt werden.

Verena Pausder, Stephanie Renda, Sigrid Nikutta und Christine Richter (v. l.) diskutieren am Donnerstag auf der Jahresversammlung des Verbands deutscher Unternehmerinnen in Berlin.

Verena Pausder, Stephanie Renda, Sigrid Nikutta und Christine Richter (v. l.) diskutieren am Donnerstag auf der Jahresversammlung des Verbands deutscher Unternehmerinnen in Berlin.

Foto: STAGEVIEW - Pedro Becerra

Berlin. In Berlin darf man auch Fehler machen. Das ist der Eindruck von Gründerin Verena Pausder. „Berlin verzeiht“, sagte sie am Donnerstagmittag auf der Jahresversammlung des Verbands deutscher Unternehmerinnen in Berlin. „Deswegen habe ich entschieden, dass es der beste Ort ist, um mein Unternehmen zu gründen.“ Die Gründerin hatte 2011 ihr erstes Unternehmen aufgebaut. Mittlerweile ist Fox & Sheep einer der gefragtesten Anbieter, wenn es um Smartphone-Spiele für Kinder geht.

BVG setzt auf Zusammenarbeit mit Start-ups

Doch ist Berlin nach wie vor Deutschlands Start-up-Hauptstadt? Darüber diskutierte Morgenpost-Chefredakteurin Christine Richter auf dem Podium mit Pausder, der Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe Sigrid Nikutta und Stephanie Renda, Vorstandsmitglied im Deutschen Start-up-Verband. Auch wenn Regionen wie Nordrhein-Westfalen oder München zuletzt etwas aufgeholt hatten, sei Berlin nach wie vor ein „ganz wichtiger Start-up-Hub“, sagte Renda.

Von der lebhaften Gründerszene profitierten auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), sagte Sigrid Nikutta.

Vor allem bei der Umsetzung digitaler Themen hole sich ihr Unternehmern gerne Hilfe von Start-ups, so die Chefin der Verkehrsbetriebe. Tagtäglich würden gut drei Millionen Menschen mit Bus, U-Bahn und Straßenbahn durch die Stadt fahren. Die BVG stelle deswegen einen „Riesen-Anspruch“ an sich selbst, was die Umsetzung digitaler Angebote wie Ticket-Verkauf angehe. „Ein traditionsreiches Unternehmen muss kein starres Unternehmen sein“, befand Nikutta, die seit 2010 an der BVG-Spitze steht.

„Die Berliner lieben den Berlkönig“, sagt BVG-Chefin Nikutta

Deswegen habe die BVG im vergangenen Jahr mit dem Ride-Sharing-Dienst Berlkönig auch ein neues Angebot geschaffen. „Die Berliner lieben den Berlkönig“, sagte Nikutta. Bereits in der ersten Stunde nach der Veröffentlichung sei die App 6000-mal heruntergeladen worden. Doch in Berlin wird diskutiert: Ist es wirklich Aufgabe der BVG, Taxis und Uber Konkurrenz zu machen? Ja, sagte Verena Pausder. „Ich finde, wir müssen in Deutschland mal mehr feiern, wenn Innovationen hier entstehen – und die BVG ist vorne mit dabei.“

Nur 15 Prozent weibliche Unternehmensgründer in Deutschland

Auch wenn Berlin noch immer Deutschlands Start-up-Hauptstadt ist, sind Frauen, die ein Unternehmen gründen, auch hier rar gesät. Nur 15 Prozent der Unternehmensgründer in Deutschland sind weiblich, hatte zuletzt der Female Founders Monitor ergeben. „Also macht auch die Start-up-Szene nicht alles gut und richtig“, sagte Verena Pausder. Frauen seien aber ein Faktor für wirtschaftlichen Erfolg, betonte Stephanie Renda vom Start-up-Verband. Studien zeigten, dass gemischte Teams erfolgreicher seien, als rein männlich geführte Unternehmen. Dennoch sei der Weg zur Parität noch weit. „Es ist nicht möglich, per Quote Tech-Gründerinnen zu produzieren“, erklärte Pausder. Zunächst müsse Grundlagenarbeit erledigt werden.

Dafür sei vor allem die Schule wichtig, befanden alle Diskussionsteilnehmerinnen. Pausder regte Programmier-Unterricht bereits ab der ersten Klasse an. Nikutta sagte, auch Lehrerinnen und Lehrer müssten mitgenommen werden. Lediglich Notebooks in die Klassenzimmer zu stellen, reiche nicht aus.

Merkel drängt Wirtschaft zu mehr Frauen in Spitzenjobs

Ob Gründerinnen oder Gründer – viele Start-ups nennen die deutsche Bürokratie als größtes Hindernis bei dem Aufbau eines Unternehmens. Hoffnung auf Besserung machte Stephanie Renda nicht. Der Start-up-Verband biete für die regulatorischen Hürden demnächst auch Workshops an. Verena Pausder hat die Bürokratie akzeptiert. In Berlin sei noch kein Start-up gescheitert, weil es keinen Steuerberater hatte, so Pausder. „Wir müssen in Deutschland eher an unserem Mindset arbeiten. Wir trauen uns nicht zu gründen“, sagte Pausder.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erinnerte in ihrem Grußwort an starke Vorbilder: Merkel nannte etwa Melitta Bentz, die 1908 die Kaffee-Filtertüte erfand. Die Kanzlerin betonte mit Blick auf die Unternehmerinnen, dass noch ein langer Weg zur Parität in der Wirtschaft zu gehen sei. Für die Aufsichtsräte der 100 größten börsennotierten Unternehmen hatte die Bundesregierung eine feste Quote für Frauen vorgegeben. Mittlerweile ist immerhin jeder dritte Aufsichtsratsposten mit einer Frau besetzt. „In Vorständen hingegen sieht es deprimierend schlecht aus“, sagte Merkel. Dort hatte die Bundesregierung lediglich Zielvorgaben verlangt.

Merkel möchte Parität in allen gesellschaftlichen Bereichen

Einige Firmen hätten sich aber die Zielgröße Null gegeben. „Das grenzt an Verweigerungshaltung. Wenn sich Unternehmen die Zielgröße Null geben, werden wir das in irgendeiner Weise sanktionieren müssen“, erklärte die Kanzlerin. Merkel appellierte daran, dass überall in der Gesellschaft Parität geschaffen werden müsse. Das gelte für Unternehmen, Universitäten, die Kultur, Medien und auch für die Politik. Es fänden sich potenziell gute Frauen, wenn man nur wolle. Generell würden Frauen immer wichtiger für das Unternehmertum: „Ohne Frauen ist keine erfolgreiche Wirtschaft zu machen“, sagte Merkel.