Landespolitik

Wie Berlin als grüne Metropole erhalten werden soll

Die Umweltverwaltung stellt die „Charta für das Berliner Stadtgrün“ vor.

Berlin gilt als eine der grünsten Metropolen Europas.

Berlin gilt als eine der grünsten Metropolen Europas.

Foto: Reto Klar

Berlin. Begrünte Dächer bei Neubauten, geöffnete Schulhöfe und Sportplätze sowie die Entsiegelung von betonierten Innenhöfen – so sehen die Pläne der Umweltverwaltung für das Berliner Stadtgrün aus. „Es geht um nicht weniger, als darum, Berlin als grüne Metropole zu erhalten“, sagte Umweltstaatssekretär Stefan Tidow am Donnerstag.

Die Umweltverwaltung hat gleich ein ganzes Bündel an Projekten entwickelt, um das Stadtgrün auch künftig zu erhalten. So sollen die Dächer von Neubauten grundsätzlich begrünt werden, Schulhöfe auch außerhalb der Schulzeiten geöffnet und öffentlich zugänglich sein und auch Sportanlagen für Freizeitaktivitäten zur Verfügung stehen. „Dächer können zu Dachgärten werden, Sportanlagen zum Sportpark, Kleingärten zum Spazierengehen einladen, Straßenbäume vermehrt Schatten spenden und Aufenthaltsorte zum Verweilen und Begegnen anbieten“, heißt es in dem Entwurf der Charta, den die Umweltverwaltung jetzt vorgelegt hat.

Eigene Parks sollen in allen geplanten 15 neuen Stadtquartieren entstehen

Nach den Vorstellungen der Umweltverwaltung sollen in allen geplanten 15 neuen Stadtquartieren eigene Parks entstehen, jeder Bezirk soll zudem einen großen „Naturerfahrungsraum“ erhalten. Auch für die 2500 öffentlichen Park- und Grünanlagen mit einer Gesamtfläche von 5400 Hektar sollen neue Nutzungsmöglichkeiten gesucht und die Pflege und Instandhaltung verbessert werden.

„Die Parks sind vielerorts in einem erbärmlichen Zustand“, sagte Tidow. Viele Grünflächen würden mittlerweile auch von Sportlern genutzt, die so zur Übernutzung beitragen würden.

Berlin soll trotz des Wachstums eine lebenswerte Stadt bleiben

Das soll künftig verhindert werden, zum Beispiel dadurch, dass Sportplätze auch für Individualsportler geöffnet werden. Insgesamt geht es der Umweltverwaltung darum, trotz des Wachstums Berlin als lebenswerte Stadt zu erhalten. „Bauen allein kann nicht die Antwort sein“, sagte Tidow. Neben der Angst vor Verdrängung, sorgten sich die Berliner angesichts des rasanten Wandels der Stadt vor allem auch über die Erhaltung der Lebensqualität in ihren Kiezen.

Um die Berliner von dem Vorhaben zu überzeugen, sind Anreize vorgesehen, die auch Hausbesitzer dazu bewegen sollen, auf ihren Flächen und Gebäuden das Grün zu erhalten oder gar auszubauen. Per Gesetz vorschreiben will der Senat die Begrünung der Stadt nicht. Stattdessen soll ein breiter gesellschaftlicher Konsens dazu hergestellt werden.

Auf dem Tempelhofer Feld sollen dauerhaft 25 Schafe weiden

Die Charta sieht auch ungewöhnliche Maßnahmen vor. In diesem Herbst, wenn die Feldlerchen nicht mehr brüten, sollen auf dem Tempelhofer Feld 25 Schafe dauerhaft weiden, um das Naturerlebnis auf dem Areal zu erhöhen. Im vergangenen Jahr gab es dazu bereits ein Modellprojekt.

Bis Mitte Juni können alle Berliner eigene Ideen für die Erhaltung oder den Ausbau von Stadtgrün bei der Umweltverwaltung formulieren. Ende des Jahres soll dann der Senat über das Maßnahmenpaket entscheiden, anschließend soll das Abgeordnetenhaus darüber abstimmen. „Die Flächenkonkurrenz nimmt zu, daher ist es wichtig für die Stadt, eine Klärung herbeizuführen, wie das Problem künftig gelöst wird“, sagte Tidow. „Wenn die Stadt wächst, muss auch das Grün wachsen.“

Sechs Quadratmeter Grünfläche für jeden Einwohner in seiner Nähe

Ziel sei es, dass je Einwohner in der unmittelbaren Wohnumgebung sechs Quadratmeter Grünfläche zur Verfügung stehen. Das sei in der Innenstadt deutlich schwerer zu erreichen, als in den Außenbezirken. Deshalb sei die Charta eines der wichtigsten Vorhaben der rot-rot-grünen Landesregierung, sagte Tidow.

Der Verband Berliner und Brandenburger Wohnungsunternehmen (BBU) zeigte sich am Donnerstag skeptisch über die Senatspläne, die die Dachbegrünung von Neubauten betreffen. „Zusätzliche Vorgaben bedeuten zusätzliche Zeit und zusätzliche Kosten“, sagte BBU-Sprecher David Eberhardt. „Und das in einer Zeit, in der Berlin dringend neue Wohnungen benötigt.“ Für bezahlbare Mieten seien andere Voraussetzungen notwendig. „Dachgrün wäre schön, aber das muss auch gewartet und eventuell gewässert werden“, sagte BBU-Sprecher Eberhardt.

Umweltstaatssekretär: „Das ist hier kein Schmusepapier“

Umweltstaatssekretär Stefan Tidow meint es ernst mit dem Stadtgrün. „Das ist hier kein Schmusepapier“, sagt Tidow. „Darüber werden wir Auseinandersetzungen zu führen haben.“

„Berlin hat mehrmals Wachstumsschübe erlebt, die zu sozialen und ökologischen Problemen geführt haben“, sagte Tidow am Donnerstag und erinnerte dabei an die Pläne des preußischen Hofarchitekten Peter Joseph Lenné Ende des 18. Jahrhunderts und den Boom der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die Zahl der Einwohner in der Stadt in kürzester Zeit vervielfachte und die Stadt vor große Probleme stellte.

Schutz und Ausbau von Bäumen und Parks kostet Geld

„Heute erleben wir wieder so eine historische Situation“, sagte Tidow. Angesichts bestehender Verdrängungsängste treibe die Menschen die soziale Problematik um. Deshalb will die Umweltverwaltung mit der Charta sicherstellen, dass die Berliner auch künftig in einer grünen Stadt leben können. Dazu muss Umweltsenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) in den kommenden Wochen und Monaten ihre Senatskollegen, allen voran Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD), überzeugen. Denn der Schutz und der Ausbau der Straßenbäume und Parkanlagen kostet Geld und bindet Personal. „Wir befinden uns in der Situation, um jeden Straßenbaum und jede Brache zu kämpfen“, begründete Tidow das Engagement für den Erhalt des Stadtgrüns.

Das Motto soll Bauen mit Qualität lauten

„Die Antwort auf diese Probleme kann nicht lauten: bauen, bauen, bauen“, sagte Tidow. „Sondern vielmehr: bauen und dabei die Lebensqualität sichern.“ Deswegen hat das Haus von Umweltsenatorin Günther ein ganzes Bündel an Maßnahmen zusammengestellt, um das Grün in der Stadt nicht nur zu erhalten, sondern da, wo es geht, auch neues entstehen zu lassen..

„Dächer können zu Dachgärten werden, Sportanlagen zum Sportpark, Kleingärten zum Spazierengehen einladen, Straßenbäume vermehrt Schatten und Aufenthaltsorte zum Verweilen und Begegnen anbieten“, heißt es in dem Entwurf der Charta. Viele Freiflächen von Schulen könnten ebenfalls mehrfach genutzt und sowohl für die Schüler als auch für die Anwohner zu grünen Freiräumen werden.

Berlins besitzt 2500 öffentliche Park- und Grünanlagen

Eine besondere Rolle sollen dabei die Parks in der Stadt spielen, Berlin besitzt 2500 öffentliche Park- und Grünanlagen. Ihre Gesamtfläche von 5400 Hektar ist laut Grünanlagengesetz als Grün- und Erholungsanlage gesichert. Das Ziel Berlins sei es, dass jeder Bürger innerhalb von 500 Meter eine wohnungsnahe Grünanlage erreichen kann, heißt es in dem Entwurf der Charta, der in den kommenden Wochen breit diskutiert werden soll. Alle Berliner sind aufgerufen, sich daran zu beteiligen. Dazu sollen die Grünflächenämter nach Jahren des Sparens wieder personell und finanziell aufgerüstet werden, kündigte Tidow an.

Die Charta fasst bestehende Programme zum Schutz des Grüns zusammen und verbindet sie mit neuen Initiativen. So sollen auch Kleingärten, Friedhöfe, Wälder und Landwirtschaftsflächen nicht nur gesichert, sondern auch mehr für die Allgemeinheit geöffnet werden.

Ufer von Flüssen und Kanälen sollen durchgängig begehbar werden

Für Berlins Gewässer sehen die Pläne vor, dass die Ufer der Flüsse und Kanäle so zu gestalten sind, dass sie durchgängig begehbar und nutzbar werden. Bei allen Sanierungsmaßnahmen der Ufermauern soll die allgemeine Zugänglichkeit verbessert werden.

Höfe in Miethäusern sollen entsiegelt werden

Für bereits bestehende Stadtquartiere schlägt die Charta eine nachträgliche Begrünung vor. „Hofflächen von Mehrfamilienhäusern werden vermehrt entsiegelt und den Hausbewohnern zum Gärtnern zur Verfügung gestellt“, heißt es in der Charta weiter. Das könne auch für die Strauchränder von Sportplätzen gelten, sagte der Umweltstaatssekretär. Und: „Die Freiflächen der Gewerbegebiete werden hinsichtlich ihrer Freiraumpotenziale von den Dächern bis zu den Freiflächen aktiviert.“ Um das alles umzusetzen, setzt die Umweltverwaltung auf Anreizprogramme und ein verbessertes Beratungsangebot.

Mit den vielen Parks und Plätzen sowie den 470.000 Straßenbäumen gilt Berlin als eine der grünsten Städte Europas. Wegen des Straßen- und Wohnungsneubaus mussten in den vergangenen Jahren aber jeweils mehr Bäume weichen, als nachgepflanzt wurden.