Bildung

Gewalt an Schulen: Scheeres will neue Notfallpläne

Die Schulsenatorin stellt eine Evaluation über das Meldeverfahren vor. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will die Notfallpläne für Gewaltvorfälle an Schulen überarbeiten.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will die Notfallpläne für Gewaltvorfälle an Schulen überarbeiten.

Foto: Paul Zinken / picture alliance /d

Berlin.  Der Vorfall hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt: Im Januar dieses Jahres war eine Schülerin einer Grundschule in Reinickendorf aus dem Leben geschieden. Schnell hieß es, sie sei von Mitschülern gemobbt worden. Ein Vorwurf, der von der Schulleiterin zurückgewiesen wurde und der sich schließlich auch als falsch erwies. Doch die Diskussion war im vollen Gang – und im Raum stand die Frage, ob der Tod einer Elfjährigen als Folge psychischer Gewalt womöglich hätte vermieden werden können.

Meldepflicht existiert seit zehn Jahren

Wie können Schulen ein Klima schaffen, in dem das gezielte Schikanieren von Mitschülern oder handfeste Prügelattacken gar nicht erst entstehen oder sich zumindest nicht verfestigen? Diese Frage trieb die Senatsverwaltung für Bildung schon vor zehn Jahren um.

Eine der Antworten: Die Behörde muss von Gewaltvorfällen erstmal erfahren. Seit dem Schuljahr 2009/2010 müssen Schulleitungen daher Meldung erstatten. Was ist passiert? Gab es Verletzungen? Wünschen die Schulen Hilfe von außen? Diese Fragen müssen die Schulleiter beantworten. Die Schulverwaltung wertet die Fälle aus, vermittelt bei Bedarf Unterstützung und fasst die Einzelfälle in einer Statistik zusammen.

Schulleiter sind sensibilisiert

Gemobbt, gemeldet, geklärt: Funktioniert das System und sind die im Jahresrhythmus veröffentlichten Zahlen aussagekräftig? Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) stellte am Montag eine von Bildungsexperten schon lange erwartete Evaluation vor.

Eines der Ergebnisse: Schulleitungen und Öffentlichkeit seien seit der Einführung der Meldepflicht deutlich sensibler geworden. „Es gab Zeiten, da haben sich Schulleiter nicht getraut, Vorfälle zu melden, weil sie um den Ruf ihrer Schule fürchteten“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Das habe sich geändert.

Die Folge: Die Zahl der gemeldeten Vorfälle ist stark gestiegen. Rund 1500 Meldungen gab es im Schuljahr 2009/2010. Fünf Jahre später gingen bei der Bildungsverwaltung bereits knapp 2500 Anzeigen ein – und 2016/17 meldeten die Schulen bereits fast 4000 Gewalttaten. An den Verfahren würden sich im Vergleich zu den Anfangsjahren mittlerweile auch immer mehr Grundschulen beteiligen.

Experten: Die Gewalt nimmt nicht zu, sondern ab

Alles wird immer schlimmer und die Gewalttäter werden immer jünger: So könne man es angesichts der gestiegenen Zahlen, spektakulärer Einzelfälle und subjektiver Erlebnisberichte von Lehrern, Eltern und Schülern mitunter in den Medien lesen, beklagte Albrecht Lüter von der Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention, einer der Autoren der Evaluierung.

Die Wirklichkeit sei weniger dramatisch. Schüler würden aktuell sogar weniger Gewalttaten verüben als noch vor einigen Jahren. Darauf deuteten die Zahlen der Unfallkasse hin, bei denen Verletzungen gemeldet werden müssten. Zu diesem Ergebnis kämen auch Studien zur Aufhellung des Dunkelfeldes, bei denen Schüler nach ihren Erfahrungen mit Gewalt an Schulen befragt wurden, sagte Lüter.

Die Gewalt nehme nicht zu, sie nehme eher ab. Darin seien sich die Forscher einig. Die Statistik der Bildungsverwaltung sei gut und richtig. Sie zeige aber eben nicht die tatsächliche Entwicklung, sondern bilde nur die gewachsene Anzeigebereitschaft ab.

Das tatsächliche Ausmaß der Gewalt ist nicht bekannt

Wie oft aber werden Schüler tatsächlich Opfer psychischer oder physischer Gewalt? Diese Fragen konnten die von der Bildungsverwaltung beauftragten Experten nicht beantworten. Klar sei: Die Zahl der gemeldeten Vorfälle sei – trotz des Anstiegs – immer noch deutlich niedriger als die Zahl der tatsächlich verübten Gewaltvorfälle. Das lasse sich aus Studien herleiten, bei denen, nicht in Berlin, sondern in anderen Bundesländern, Schüler nach ihrer subjektiven Gewalterfahrungen befragt wurden.

Schulen erwarten mehr Unterstützung

Die Schulleiter bewerten das derzeitige Meldeverfahren laut Evaluation mehrheitlich als „einfach und übersichtlich“. Von der Mitteilung eines Vorfalls wollten sie das Signal aussenden, dass Gewalt nicht toleriert wird. Die Schulen erwarteten nach einem Vorfall aber auch Unterstützung. Diese Erwartung wird laut Studie aber nicht immer erfüllt.

Bildungssenatorin Scheeres kündigte daher an, das Verfahren zu überarbeiten. Die Meldung eines Gewaltvorfalls und die Bitte um Unterstützung sollen von einander getrennt werden.

Auch die „Notfallpläne“ – sie enthalten Handlungsanleitungen für Gewaltvorfälle – müssten überarbeitet werden. Das Phänomen des Mobbings sei nicht zeitgemäß abgebildet. Gezielte Beleidigungen oder Hetzkampagnen über Internetchats habe es bei der Erstellung der Notfallpläne nicht gegeben.

„Das wird für uns auf jeden Fall ein Thema sein“, sagte Scheeres. Die Bildungsverwaltung wolle auch zusätzliche Stellen für Sozialarbeiter. Ein Expertenkommission werde auswerten, welche Schlussfolgerungen aus der Evaluation zu ziehen seien.