Betreuungsnotstand

Wie Eltern die Suche nach einem Kitaplatz erleben

Die Kitaplatzsuche in der Stadt ist für viele Familien nervenaufreibend – manchmal wird sogar Geld für einen Vertragsabschluss geboten.

Demonstriert wird schon lange: „Wir Lieben Unsere Erzieher*innen“ stand auf einem Plakat bei einer Demonstration im Mai 2018.

Demonstriert wird schon lange: „Wir Lieben Unsere Erzieher*innen“ stand auf einem Plakat bei einer Demonstration im Mai 2018.

Foto: Foto: dpa Picture-Alliance / Christian Marquardt / picture alliance / NurPhoto

„Suche Kitaplatz für meinen Sohn im Prenzlauer Berg. Bei erfolgreicher Vermittlung (Vertragsunterzeichnung) bieten wir 1.000 Euro Belohnung, bzw. Spende an eine Kita.“ Diese Anzeige steht seit wenigen Tagen Ebay Kleinanzeigen. Wie groß mag die Verzweiflung sein?

Die Eltern möchten nicht mit Namen in der Zeitung stehen, ihre Geschichte erzählen sie trotzdem. Und die klingt typisch. „Wir suchen seit dem dritten Schwangerschaftsmonat“, berichtet der 30-jährige Vater. Auf zehn Wartelisten hätten sie sich damals setzen lassen. „Wir dachten, wir sind gut.“ Dann kam im Herbst 2018 der Sohn auf die Welt. Auch danach sucht das Paar weiter, nimmt an Kita-Besichtigungen teil, besucht Elternabende. „Da waren teilweise 70 Eltern, aber es ging nur um fünf Plätze.“ Der Rest der Plätze ist schon reserviert. Warum? Transparent sind die Wartelisten nicht.

„Uns wurde gesagt, dass wir quasi keine Chance haben“

„Bislang hatten wir nur Absagen erhalten und suchen auf Hochtouren.“ Eigentlich war geplant, dass ihr Sohn ab August betreut wird. Schließlich will seine 29-jährige Frau wieder arbeiten. Ironie der Geschichte: Sie ist Grundschullehrerin, wird also dringend gebraucht. Beim Jugendamt war man natürlich auch schon, „aber uns wurde gesagt, dass wir quasi keine Chance haben.“ Viel zu viele andere, dringendere Fälle. Auch an eine Klage haben sie gedacht. Jetzt versuchen sie es erstmal mit Geld.

Die ganze schöne Elternzeit sei inzwischen beherrscht von der Kitaplatzsuche. Dazu kommt, dass sie das Pech haben, an einer Bezirksgrenze zu wohnen. Die Arbeitsstellen liegen in Mitte, die Wohnung in Pankow. Doch in Mitte winken die Kitas nur ab. Wir fühlen uns nicht zuständig. Kleinstaaterei in Berlin.

Nun ist es in der Zeit vor den Sommerferien traditionell eng in den Kitas. Rund 21.000 Kinder werden in den nächsten Monaten die Kita Richtung Grundschule verlassen, dann kommt wieder Bewegung rein. Und tatsächlich ist es schwer zu sagen, wie viele Plätze in Berlin genau fehlen.

Immer öfter müssen Eltern selbst Betreuung organisieren

Denn wer einen Kitaplatz sucht, setzt sich auf möglichst viele Listen. In den nächsten Wochen gehen dann die Zusagen raus. Häufig sei es so, erzählt Iris Brennberger, Sprecherin der Senatsverwaltung für Familie, dass Eltern beim ersten angebotenen Kitaplatz zuschlagen. Wird wenig später der Wunsch-Kitaplatz frei, springen sie wieder ab. So wechselten letztes Jahr zwischen Juli 2018 und August 2018 nochmal 3300 Kinder kurzfristig die Kita.

Das Phänomen kennt auch Babette Sperle vom Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS). Das Portal mit angebotenen freien Plätzen füllt sich langsam wieder, allerdings sind es nicht mehr als 40 Angebote. Und einige davon sind sehr spezifisch: „Platz für ein i-Kind aus dem Jahrgang 2014/15“. Hat sich etwas geändert seit der Kita-Krise im letzten Jahr? Die Situation sei weiterhin schwierig, meint Sperle, „das darf man nicht wegreden“. Aber manche Maßnahmen hätten schnell gegriffen, wie beispielsweise die Möglichkeit, eine gewisse Anzahl von zusätzlichen Kindern in einer Kita aufzunehmen. Da müsse man inzwischen mit der Kita-Aufsicht nicht mehr lange ringen. Ihr Tipp für verzweifelte Eltern: „Beim Jugendamt auf den Schoß setzen.“

Erziehermangel ist genauso ein Problem wie die Raumnot

Alle Beteiligten hätten ein „offenes Visier“, das hört man öfter – gerade auch wenn man mit der Leitung der Eigenbetriebe spricht. Niemand rede die Kitanot mehr klein. „Die Not ist groß“, sagt Katja Grenner, Pädagogische Geschäftsleiterin von Kindergarten City, dem Eigenbetrieb in Berlins Mitte. Natürlich hofft man jetzt auf die baldige bessere Bezahlung der Erzieher. Auch Quereinsteiger spielen inzwischen bei den landeseigenen Kitas eine viel größere Rolle. Denn der Erziehermangel ist genauso ein Problem wie die Raumnot.

Und immer öfter müssen Eltern sich selbst eine Betreuung organisieren, holen sich das Geld dann vom Bezirk zurück. „Nanny-Pauschale“ heißt das salopp, in rund 190 Fällen wurde sie zuletzt in Anspruch genommen. Doch das ist nur eine kurzfristige Lösung.

„Es wird uns nicht schwer fallen, nochmals 4000 Leute für eine Demo zu mobilisieren“

Warum aber kommt es nicht wieder zu einer großen Demonstration wie letztes Jahr? Manche Maßnahmen bräuchten halt etwas Zeit, sagt Katharina Mahrt von der Initiative Kita-Krise, die wolle man der Politik geben. „Aber es wird uns nicht schwer fallen, nochmals 4000 Leute für eine Demo zu mobilisieren.“ Diese Drohung behalte man sich vor.

Für die junge Ebay-Familie mag es dann schon zu spät sein. Sie sind zunehmend angefressen von der Stadt. „Die Probleme in Berlin – hohe Mietpreise, Kitaplatzmangel, Lehrermangel – bringen uns häufiger zu der Frage, ob wir wirklich hier leben wollen.“

Info

- Die rot-rot-grüne Koalition in Berlin will bei der Kinderbetreuung stärker auf Tagesmütter und -väter setzen. Die Fraktionen brachten dazu am Donnerstag mehrere Anträge im Abgeordnetenhaus ein. Diese sehen unter anderem Verbesserungen in Ausbildung und Vergütung sowie die Schaffung zusätzlicher Betreuungsplätze vor. Eine Tagespflegeperson betreut bis zu fünf Kinder. Wenn sich zwei Tagesmütter zusammenschließen, können sie bis zu zehn Mädchen und Jungen – meist in einer altersgemischten kleinen Gruppe – betreuen. Das Jugendamt prüft die Tagespflegestellen und arbeitet mit ihnen zusammen.

- In einem Modellprojekt sollen zudem Geflüchtete zu Tagespflegemüttern und -vätern ausgebildet werden. Für das Vorhaben sollen unter anderem Mittel aus dem „Gute-Kita-Gesetz“ des Bundes genutzt werden.

- Nach Zahlen der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie werden knapp 6000 Kinder in Berlin von 1600 Tageseltern betreut. Nur acht Prozent der Betreuenden seien Männer.

- Zum sechsten Mal veranstalten die Berliner Tagespflegemütter und -väter am kommenden Sonnabend von 14 bis 18 Uhr einen Tag der offenen Tür. Alle Eltern sind eingeladen, sich über die Kindertagespflege zu informieren. Auch Menschen, die sich für die Tätigkeit interessieren und vielleicht selbst Tagesmutter- oder -vater werden wollen, sind herzlich willkommen. Die Liste der teilnehmenden Einrichtungen unter: www.guck-an-kindertagespflege.de.