Trauerfeier

Berlin nimmt auf Trauerfeier Abschied von Heidi Hetzer

Berlin verabschiedet sich mit einer emotionalen Gedenkfeier in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von der Rallyefahrerin.

Pfarrerin Kathrin Oxen bei der Trauerfeier für Heidi Hetzer in der Gedächtniskirche.

Pfarrerin Kathrin Oxen bei der Trauerfeier für Heidi Hetzer in der Gedächtniskirche.

Foto: Maurizio Gambarini/Funke Fotoservices

Es wurde geweint, gelacht, gesungen und gebetet: Mit einer emotionalen und unkonventionellen Gedenkfeier in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche haben sich am Donnerstagmorgen die Berliner von Rallyefahrerin und Unternehmerin Heidi Hetzer verabschiedet. Die 81-Jährige war am 21. April tot in ihrer Wohnung aufgefunden worden. Die Beerdigung hatte im engsten Familienkreis stattgefunden. Unter den Gästen am Breitscheidplatz waren neben Hetzers Familie, Ex-Ehemann Robert S. Mackay und die gemeinsamen Kinder Marla und Dylan, auch prominente Weggefährten wie der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Schauspieler Claus Theo Gärtner und Bandleader Andrej Hermlin mit seiner Familie.

Erinnerungen an eine unerschütterliche Optimistin

Heidi Hetzer habe sich gewünscht, dass man sich einmal an diesem Ort von ihr verabschieden könne, so Kathrin Oxen, Pfarrerin der Gedächtniskirche, die zugab, dass es ihr in diesem Fall schwer gefallen sei, einen eleganten Übergang zur Bibel zu finden. „Autos kommen darin eben nur selten vor.“ Als kleines Mädchen habe die Verstorbene, gleich um die Ecke geboren, die Kirche noch unzerstört erlebt. „Ein Ort, der sich nie aufgibt – so wie Heidi Hetzer.“ Und tatsächlich war es vor allem der kompromisslose Optimismus und die Weigerung, ein „Nein“ zu akzeptieren, den Freunde und Arbeitskollegen am Donnerstag in ihren Erinnerungen an die Autonärrin mit den Trauernden teilten.

So habe Hetzer als erste Frau überhaupt einen Opel-Händlervertrag erhalten und durchgesetzt, dass ein leuchtendes Fahrzeug auf dem Dach ihres Autohauses die Berliner an der Autobahn grüßte. Kaum auszuhalten sei es gewesen, mit ihr eine Rallye zu fahren, weil sie für Mensch und Maschine keine Gnade kannte. Bei einer Panne in Paris habe sie einmal so lange im strömenden Regen mit dem Kopf unter der Motorhaube gesteckt, bis alles wieder lief. „Ich brauche keinen Schirm, sondern einen 14er-Ringschlüssel“, so ihre Ansage an einen zur Hilfe eilenden Herrn. Hetzers eigenwillige Art war in der Gedächtniskirche auch vor dem Altar sichtbar. Dort standen sieben Handtaschen in Form eines Autos – ihr Markenzeichen. Von der Orgelempore waren Lieder wie „Im Wagen vor mir“ und „Ein Freund, ein guter Freund“ zu hören.

„Deine positive Energie wird mich immer begleiten“, sagte Hetzers enger Freund Paolo Masaracchia, Direktor des „Mercure Hotel Moa“. Robert S. Mackay, mit dem Heidi Hetzer 24 Jahre verheiratet war, sprach mit tränenerstickter Stimme von dem gemeinsamen Glück, zwei Kinder groß zu ziehen. Sie sei eine Feministin gewesen, ohne dafür ein Label zu benötigen oder missionarisch zu sein. Den Namen „Mr. Hetzer“, unter dem man ihn zuweilen irrtümlich angesprochen habe, als seine Frau immer prominenter wurde, werde er immer mit Stolz tragen. Mackay teilte mit den Gästen eine Nachricht, die ihm Heidi Hetzer von ihrer letzten Reise aus Kapstadt aufs Band gesprochen hatte. Sie sei voller Pläne für die Zukunft, wolle bald in die USA aufbrechen. „Ich bin glücklich, ciao“, so ihr Abschiedsgruß. Als im Anschluss Gospelkünstlerin Ingrid Arthur Leonard Cohens „Hallelujah“ sang, war aus den Sitzreihen vielerorts Schnäuzen und Schiefen zur hören.

Heidi Hetzer wurde 1937 als Tochter des Unternehmers Siegfried Hetzer geboren und erlernte den Beruf der Kfz-Mechanikerin. Nach dem Tod ihres Vaters und ihrer älteren Schwester übernahm sie 1969 im Alter von 31 Jahren das Opel-Autohaus der Familie. Ihre große Leidenschaft war lebenslang das Rallyefahren. Mit ihren Oldtimern nahm sie an zahlreichen Rennen teil und gewann dabei über 150 Preise.

In 960 Tagen mit dem Oldtimer „Hudo“ um die Welt

2014 machte sie sich, damals 77-jährig, auf eine Weltreise mit ihrem Hudson Greater Eight von 1930. Ihr Vorbild: Die Rennfahrerin Clärenore Stinnes, die von 1927 bis 1929 als erster Mensch überhaupt mit einem Auto um die Welt fuhr. Neben zahlreichen Pannen mit „Hudo“ verlor Hetzer in ihren 960 Tage auf der Straße während einer Motorreparatur einen Finger und überstand eine Krebsoperation. Über ihre Erlebnisse schrieb sie das Buch „Ungebremst Leben“.

Sie sei nach ihrer Rückkehr nie wieder richtig in Berlin angekommen, sagte Heidi Hetzer im vergangenen September der Berliner Morgenpost. Die nächsten Trips nach Afrika, Australien und Neuseeland hatte sie da schon im Kopf: „Solange es mir gut geht, kann ich hier nicht bleiben. Ich will weiterreisen, solange ich kann.“ Ihre Energie nehme sie aus ihrer Neugier auf die Welt. „Deshalb muss ich ständig unterwegs sein. Man muss es aber wirklich wollen, von innen heraus. Deshalb akzeptiere ich auch keine Frauen, die sich von ihrem Mann zu einer Weltreise bequem einladen lassen. Ich finde, man muss es selbst wollen und selbst finanzieren.“

Dieses wilde, ungebremste Leben rühre uns alle, weil es uns unsere Sehnsüchte vor Augen führe, sagte Kathrin Oxen in ihrer abschließenden Andacht. Bis zum Schluss habe sie die junge Generation ermutigt, „den Arsch vom Sofa hochzukriegen“. Gegangen sei Heidi Hetzer dann aber ganz leise, ohne Rennfahrertod. „Mit ihr stirbt ein Stück Berlin“, so die Pfarrerin. „Gute Fahrt, Heidi Hetzer.“