Porträt

Ex-ADAC-Chef Wolf Wegener: Ein Leben auf der Überholspur

Der Anwalt ist seit 60 Jahren im ADAC. Der 86-Jährige ist immer noch aktiv und hat das Start-up Verkehrsrechtshelfer.de mitgegründet.

Wolf Wegener aus Dahlem ist Experte für Verkehrsrecht. 30 Jahre war er Vorstandschef des ADAC Berlin.

Wolf Wegener aus Dahlem ist Experte für Verkehrsrecht. 30 Jahre war er Vorstandschef des ADAC Berlin.

Foto: Amin Akhtar

Berlin. Es ist ein Leben, das sich nicht so schnell erzählen lässt. „Immer auf der Überholspur“ – das Bild würde passen, da Autos darin nicht wegzudenken sind. Es wird erzählt, dass das erste Wort von Wolf Wegener „Auto“ war. Auf einem alten Foto vom Dezember 1933 steht der knapp Einjährige an der Hand seiner Mutter neben dem Adler-Cabrio seines Vaters. 1921 war sein Vater als Student und noch im Besitz eines Motorrollers in den ADAC eingetreten.

„In zwei Jahren können wir die 100-jährige Familienmitgliedschaft feiern“, sagt Wegener, der zum Gespräch in sein Haus in Dahlem eingeladen hat. Doch zuerst ist er dran mit einem Jubiläum. Denn der 86-Jährige ist in diesem Jahr 60 Jahre Mitglied im ADAC – und immer noch auf der Überholspur. Er ist jetzt online gegangen und hat das Start-up „Verkehrsrechtshelfer.de“ mitgegründet.

Schlussstrich unter Querelen der Vergangenheit

Wolf Wegener wird an diesem Freitag ins Flugzeug steigen und zur Hauptversammlung des ADAC fliegen. Er hat sich schon ein paar Gedanken aufgeschrieben, was er den Teilnehmern der Veranstaltung am Nürburgring am Sonnabend sagen möchte. Er will einen Schlussstrich ziehen unter Vorwürfe und Querelen der Vergangenheit, „bei denen es wohl einigen nur darum ging, nach oben zu kommen“.

Wegener wird an die Clubkameradschaft appellieren und dass sie wieder im Vordergrund stehen sollte. Bei einem modernen ADAC solle der Klimawandel ein großes Thema sein. Dazu gehöre ein zukunftsträchtiges Miteinander von Auto, Bahn, Bus, Rad und Flugzeug.

Einer von ganz wenigen Ehrenvorsitzenden des Clubs

Die Meinung des 86-Jährigen hat noch immer Gewicht bei den Mitgliedern. 30 Jahre lang, von 1978 bis 2008, war er Vorstandsvorsitzender des ADAC Berlin, von 1990 an des ADAC Berlin-Brandenburg. In dieser Zeit hat er einiges bewegt: Er hat die Luftrettung in der damals noch geteilten Stadt mit dem gelben ADAC-Hubschrauber „Christoph 31“ durchgesetzt, der allerdings bis zur Wende unter amerikanischer Flagge im Westteil der Stadt unterwegs war. Die Pannenhilfe auf den Transitstrecken und die Vereinigung der Regionalclubs in Ost und West sind ebenfalls sein Verdienst.

Heute ist der Dahlemer das einzige Ehrenmitglied des ADAC. In der mehr als hundertjährigen Geschichte des Automobilclubs wurde dieser Titel nur 14 Mal verliehen, darunter an Heinrich Prinz von Preußen, Carl Benz und Ferdinand Porsche.

Sein erstes Auto war – natürlich – ein Käfer

Dass die Autos seine Leidenschaft sind, ist gleich im ersten Zimmer seiner Dahlemer Villa zu sehen. In einem Regal stehen Modellautos: kleine, große, aus Blech, Kupfer und Plaste. Ein Trabant ist auch dabei. „Ich habe keinen bestimmten Schwerpunkt bei den Autos“, sagt Wegener. Seine zweite Leidenschaft sind schöne Frauen – in Bronze. Etwa 160 Skulpturen hat er gesammelt, viele sind im Haus verteilt. Er möchte gern, dass die Stücke zusammenbleiben und denkt schon heute darüber nach, sie vielleicht als Dauerleihgabe an ein Museum zu geben.

Begonnen hat Wolf Wegener als junger Mann zunächst bei der Konkurrenz. 1958 wurde er Mitglied im Automobilclub von Deutschland (AvD), „weil es dort bei den Tanz-Tees die hübscheren Mädchen gab“. Ein Jahr später, 1959, folgte er seinem Vater in den ADAC. Sein erstes Auto war ein VW Käfer, es folgte ein Porsche 356 bis ein Mercedes als Familienkutsche für die drei Kinder angeschafft werden musste.

Ein Doktortitel in Verkehrsrecht

Studiert hat Wegener Jura in Berlin, Freiburg, Genf und Paris und seinen Doktor in Kiel gemacht, „ohne Plagiat“, betont er in Anspielung auf die vielen Vorwürfe, die in den vergangenen Jahren erhoben wurden. Im Zimmer seiner Schwester war sein erstes Büro, wo er sich auf Verkehrs- und Wirtschaftsrecht spezialisierte. Heute hat die Anwaltskanzlei Wegener zwei Standorte: an der Bundesallee und am Alexanderplatz. Von seinen Fällen und Mandanten in all den Jahren kann er nur soviel sagen: Unfälle und Trunkenheit – eigentlich sei es immer darum gegangen.

Die digitale Welt hat den Verkehrsanwalt nicht abgeschreckt, sondern herausgefordert. Gemeinsam mit einem Online-Experten hat er die neue Plattform www.verkehrsrechtshelfer.de entwickelt. „Damit wurde die Erstberatung bei Anwälten ein Stück weit revolutioniert und den modernen Gegebenheiten angepasst“, sagt Wegener. Für eine Erstberatung musste der Betroffene vorher einen Termin mit dem Anwalt ausmachen und dafür auch bezahlen.

Gesucht: Harmonie im Club und im Land

Jetzt kann man sich über die Webseite genau diese Information vorab und kostenlos holen. Nach dem Ausfüllen des Fragebogens lassen sich schon erste Chancen, zum Beispiel den Führerschein zu behalten, voraussagen. „Der Anwalt gewinnt dadurch Zeit und kann wesentlich mehr Fälle bearbeiten“, so der Verkehrsrechts-Experte.

Es ließe sich noch viel mehr aus seinem Leben erzählen: über den Frankreich-Fan – Wegener hat seit 1997 ein Haus in Vence an der Cote d’Azur –, über den Musik-Liebhaber, Buchautor, über seine Zeit als Honorarkonsul des Fürstentums Monaco von 1996 bis 2008, über den Träger des Bundesverdienstkreuzes, den Weltreisenden und Hobby-Kapitän. Das alles gehört dazu. Doch jetzt, so kurz vor der Hauptversammlung in Nürburg, kommt bei Wegener wieder ganz der alte ADAC-Chef zum Vorschein. Der Automobilclub ist eben auch sein Leben. Er will Harmonie – das ist sein Ziel, dafür tritt er am Sonnabend ein. Harmonie im Automobilclub und in unserem Land.