Olympiastadion

Phil Collins - Standing Ovations für sitzenden Sänger

In Berlin ist ‪Phil Collins‬ trotz Einschränkung sehr lebendig. Seine "Still Not Dead Yet"-Tour führt durch Jahrzehnte guter Musik.

Phil Collins (Archivbild).

Phil Collins (Archivbild).

Foto: dpa / dpa/DPA

Berlin. Wenn es endlich losbricht, ist es einer der erhabensten, der größten Momente der Populärmusik. Und doch wird es noch einmal so viel besonderer, hier, im Olympiastadion. Denn während sein Sohn die Spannung der vergangenen Minuten auf sein Schlagzeug entlädt, steht ‪Phil Collins.

Ja, er steht. Und mit ihm Zehntausende Menschen. Vereint, in der Luft dieser warmen Frühsommernacht, singen sie mit dem 68-Jährigen „In The Air Tonight“. Es ist nicht nur eins der besten Collins-Lieder. Es ist eins der besten Lieder der Welt.

Und dass Collins da nun steht und es singt, das ist deshalb bemerkenswert, weil der Brite die meiste Zeit seines Berliner Gastspiels sitzend verbringt. Mit dem Gehstock kam er auf die Bühne, nahm auf einem Stuhl Platz.

‪Phil Collins im Olympiastadion – ja, er lebt noch

„Still Not Dead Yet“ heißt seine Tour, die ihn gegenwärtig durch Deutschland führt, „ich bin immer noch nicht tot“. Angelehnt an seine Biografie, die bereits 2016 erschien – und „Not Dead Yet“ hieß. Seine erste Abschiedstour ist 17 Jahre her. Ja, er lebt noch.

Collins richtet sich zeitnah ans Publikum und entschuldigt sich für den Umstand, nicht stehen zu können. Nach einer Rückenoperation ist sein rechter Fuß gelähmt, zweieinhalb Stunden aufrecht? Geht eben nicht.

Vielleicht ist die Auswahl des Eröffnungssongs auch eine Botschaft, das Konzert beginnt mit „Against All Odds“– „entgegen aller Widrigkeiten“. Entsprechend gibt Collins seinen Fans zügig mit: „Wir machen das hier trotzdem gut.“ Recht soll er haben.

Musik zwischen Tiefe und „Wetten, dass..?“

‪Phil Collins ist einer der alten Garde, seit Genesis-Zeiten unbestritten wichtig. Seine Texte haben Tiefe, die Inszenierung ist groß, aber nie unerträglich. Es ist die richtige, aber schwer gelingende Mischung, die ernsthafte Musikliebhaber genauso mitnimmt wie die vielen Paare, die keinen seiner 274 „Wetten, dass..?“-Auftritte (geschätzter Wert) verpasst haben, aber eben nicht jede B-Seite kennen.

Der Oberrang des Olympiastadions ist voll, auf den besseren (und mit 200 Euro nicht zimperlich bepreisten) Plätzen gibt es ein paar wenige Leerstände, überschaubar. Den Anwesenden wird eine vergleichsweise schnörkellose (Bildschirme eben) Bühne geboten, auf deren Mitte Collins, umgeben von zehn Musikern und einem vierköpfigen Chor, sitzt.

Die Band spielt druckvoll – und Collins' Sohn mit

Naturgemäß ist die „Still Not Dead Yet“-Tour eine Präsentation von Welthits. Die Arrangements seiner Band verleihen den immer wieder gehörten Klassikern mal mehr Funk (dank vier fantastischer Bläser), mal mehr Druck, meist beides. Neuerfindungen gibt es dabei nicht, allerdings warten wohl auch die wenigsten Gäste darauf.

Anteil an der musikalischen Ausgestaltung hat eben auch jener 18 Jahre alte Sohn Nicholas, der „In The Air Tonight“ am Schlagzeug veredelt (wobei manch Besucher wohl darauf gehofft hatte, dass sich Collins doch selbst an die Stöcke traut – leider nein).

Collins ist „very alive“ – vor allem bei der Mini-Genesis-Reunion

Nicholas Collins bekommt vom Papa reichlich Spielraum, darf zehn Minuten trommeln, dann auch ans Piano für “You Know What I Mean.” Laut Vater “das einzige Lied, das er von meinen ersten beiden Alben mag.” Stolz und gerührt ist der Erzeuger trotzdem - oder gerade deswegen. Überhaupt wirkt Collins nicht wie einer, der mit dem Ende ringt, sondern wie in seinem Element. Still not Dead, ja. Aber vor allem auch Very Alive. Die Stimme sowieso.

Die Reise durch das Reich des nicht toten Sängers führt erwartungsgemäß von Genesis-Klassikern wie „Throwing It All Away“ und „Invisible Touch“ zu seinen eigenen ewigen Songs. Nettes Detail: Als Vorband hat Collins seinen Ex-Band-Kollegen ‪Mike Rutherford mit den Mechanics mitgenommen - mit ihm performt er dann auch “Follow Me Follow You”.

Das Oscar-prämierte „You’ll be In My Heart“ aus Tarzan hat er zwar im Dschungel gelassen, ebenso alle Aufnahmen der zwei aktuellsten Alben "Testify" (2002) und "Going Back" (2010). Dafür gibt es von „Another Day in Paradise“ bis (grandios mitreißend als Finale vor der Zugabe) “Sussudio” alles, was das Greatest Hits hergibt – inklusive dem ausufernd gespielten Supremes-Cover „You Can’t Hurry Love“.

Etwas Besonderes in the air tonight

Gen Ende wird dann auch nochmal ordentlich Konfetti in den Abend geschossen, Standing Ovations für den sitzenden Künstler, der dann zur Zugabe nochmal auf die Bühne gehumpelt kommt. Und „Take Me Home“ singt, „bring mich nach Hause“.

Was fast schon irritiert. Denn in dieser Sommernacht wirkt es so, als wäre er trotz aller Widrigkeiten auf der Bühne des Olympiastadions genau das. Zuhause.