Konzertkritik

Kiss feiern in der Waldbühne eine spektakuläre Party

Das Abschiedskonzert von Kiss in der Berliner Waldbühne war vielleicht eines der besten ihrer Karriere. Die Fans waren nicht zu halten.

Kiss-Fans in der Berliner Waldbühne: Mario (52) und sein Kumpel Thomas (54) als Gene Simmons und Ace Frehley.

Kiss-Fans in der Berliner Waldbühne: Mario (52) und sein Kumpel Thomas (54) als Gene Simmons und Ace Frehley.

Foto: Erik Baumgärtel

Berlin. Kürzlich sagte Kiss-Basser Gene Simmons in einem Interview, er sei langsam zu alt, um ein 40 Pfund schweres Kostüm weiter auf der Bühne zu tragen. Davon war am Dienstagabend beim Berlin-Konzert der Kiss „End of the Road"-Abschiedstournee in der Waldbühne nichts zu spüren. Ein Brett nach dem anderen, ein Rockriff jagte das nächste. So, dass der mittlerweile 70-Jährige mit seinen Mitstreitern Paul Stanley (67), Thommy Thayer und Eric Singer vielleicht eines der besten Konzerte in der Karriere von Kiss hinlegte. Als hätten die Götter des Rock die Jungs in einen Jungbrunnen geworfen, weil sie wissen, wie wichtig diese Band für den Rock‘n‘Roll ist.

Eine Knall, eine Feuerfontäne, die Menge kreischt

Ein riesiger Knall mit Feuerfontäne zu Beginn verrät: Dieses Show wird eine einzige Actioneinlage. Schon der erste Song „Detroit Rock City“ bringt das Publikum binnen Sekunden auf Betriebstemperatur. Die Menge kreischt, der zweite Kracher kommt gleich hinterher: „Shout it out loud“. Spätestens jetzt sind die Bänke in der Waldbühne selbst in den hinterletzten Sitzreihen nur noch schmückendes Beiwerk. Niemand hält es mehr auf seinen vier Buchstaben.

Für Bassist Simmons ist es wohl auch ein denkwürdiger Ort. „Ich möchte euch sagen, dass es schön ist, in Berlin zu sein“, erklärt er mit kreischiger Stimme. „Meine Mutter ist hier geboren. Sie hat in der Joachimsthaler Straße gewohnt.“

Aber Gene wäre nicht der „Demon“, wenn er von seiner nachdenklichen Seite nicht schnell zurück zur martialischen Show überwechseln könnte. Neben Feuerspucken beherrscht Simmons auch die Kunst der Inszenierung. Bei einem Basssolo zu „God of Thunder“ könnte allein der knallige Sound des Instruments für Nervenkitzel sorgen. Doch der Meister des Martialischen steht da im gleißend grünen Licht, während Blut aus seinem Mund tropft.

Ältere Fans investieren Tausende Euro in ihr Kiss-Kostüm

Da mag manch einer sagen, das sei nichts für Kinder. Zu spät! Denn die Alterspanne im Publikum liegt locker zwischen sechs und 70 Jahren. Viele Kinder sind da, gerade einmal im Grundschulalter. Sie kommen voller Elan und in Teilen sogar geschminkt zum Konzert, um ihren Stars optisch nachzueifern. Einige ältere Fans haben Tausende Euro in ihr Kostüm gesteckt und sehen ihren Idolen so sehr zum Verwechseln ähnlich, dass viele jüngere Fans ein ganz besonderes Fotoshooting mit ihnen bekommen.

Könnte Gitarrist und Sänger Paul Stanley fliegen, er hätte es sicher getan. In einer waghalsigen Stuntaktion zu „Love Gun“ rauscht er an ein Seil gebunden über die Köpfe des Publikums hinweg auf ein Podest im Zentrum der Veranstaltung. Die Menge ist kaum noch zu halten. Mit dem glasklaren Sound seiner Gitarre schmettert Stanley alias „Starchild“ von dort auch den Superhit „I was made for loving you“ hinterher. Gänsehautfeeling entsteht, als Stanley dazu die Melodie summt und das Publikum aus allen vier Himmelsrichtungen darauf einsteigt.

Kiss verwandelt alles in eine riesige bunte Party

Besonders überrascht in der Zugabe aber Drummer Eric Singer. Mit seiner Ballade „Beth“ stellt er unter Beweis, dass er nicht nur durch Drummsolos einheizen kann, sondern auch mit Stimme und Piano das Publikum wie ein Geschichtenerzähler verzaubert.

Zum Ende hin ist sich die Band aber nicht zu fein, mit dem Hit „Rock’n’Roll all Nite“ durch viel knallige Pyrotechnik und Konfettikanonen alles in eine riesige bunte Party zu verwandeln.

Es mag daher nicht verwundern, dass dem einen oder anderen Fan wohl ein Tränchen bei dem Gedanken gekommen ist, dass es sich nun wirklich um einen endgültigen Abschied handeln könnte. Nach so einem spektakulären Konzert ist es nur schwer zu verkraften, dass dieser Sound bald für immer verstummen wird.

Das sind die verrückten Kiss-Fans

Dass die Altersspanne in der Waldbühne locker 70 Jahre betrug, zeigte eine der jüngsten im Publikum, die achtjährige Seela aus Finnland Es war bereits ihr zweites Kiss-Konzert. Das erste war vor vier Jahren in Helsinki. Damals konnte sie sogar einen Schlagzeugstick von Drummer Eric Singer alias Catman fangen und war anschließend mit ihm beim Fotoshooting. „Daher war es auch ihr Vorschlag, wir sind auf ihre Initiative nochmal nach Berlin zum Konzert gekommen“, verriet ihr Onkel Tero (34).

Emilie-Christin (16) hat ihren Namen von Papa Maik (51) nicht ohne Grund bekommen. „Ich habe sie wie das Lied 'Christine sixteen' genannt”, verriet der. Klar, dass der Teenager in die Kiss-Sucht hineingeboren wurde. Für sie war es daher selbstverständlich, geschminkt als Gene Simmons „Demon“ zum Konzert zu gehen. „2015 war mein erstes Konzert, in diesem Jahr nun das vorerst letzte. Ich bin in die Musik durch meinen Papa sozusagen reingeboren.“ Mit ihr waren Mama Manuela (41) und Sohn Erik (9), alle aus Neuhofen bei Magdeburg.

Kiss, seid ihr’s wirklich? Bei der lebensechten Kopie handelte es sich allerdings um Duplikate. Den eingefleischten Fans dürfte es außerdem schon aufgefallen sein: Spaceman fehlte in der Runde. „Die hat eine Knie-OP und musste leider zu Hause bleiben“, erzählte Pseudo-Gene Simmons, der in Wirklichkeit Hans-Ullrich heißt, 69 Jahre alt ist und aus Fürstenwalde kommt. Er, sein Sohn Steffen (49) und Schwiegertochter Beata (40) mussten also als Trio im Publikum Platz nehmen. „Ich und meine Frau treten so bereits seit 2007 bei Veranstaltungen auf.“

Bei über 30 Grad und zum „Spaß an der Freude“ verkleideten sich Mario (52) und sein Kumpane Thomas (54) als Gene Simmons und Ace Frehley. „Obwohl der Schweiß in jede Ritze läuft, machen wir das hobbymäßig auch bei Kiss-Coverbands.“ Über 2000 Euro hat er in Schminke und das Kostüm bereits investiert. 2013 haben sich der Dachdecker und der Elektriker bei einem Konzert in Berlin kennengelernt. Beide tragen ihre Outfits auch jedes Jahr beim Fasching.