Flughafen Tegel

Unterwegs im TXL-Bus: Zu spät, zu voll, zu viele Fragen

Im TXL-Bus wird geschwitzt und zusammengerückt. Wer es bis zum Alexanderplatz schafft, der weiß alles, was man über Berlin wissen muss.

An der Haltestelle 2 am Flughafen Tegel sieht es immer gleich aus: Voller Bus kommt an, voller Bus fährt los.

An der Haltestelle 2 am Flughafen Tegel sieht es immer gleich aus: Voller Bus kommt an, voller Bus fährt los.

Foto: Jörg Krauthöfer

Es ist 12:36 Uhr. Es könnte aber auch 9:02 Uhr sein. Oder 20:48 Uhr. Das hier könnte ein Sonnabend sein, ein Donnerstag oder eben ein Montag. Egal. Wir sind am Flughafen Tegel. Haltestelle Nummer 2. Wir warten auf den TXL-Bus. Und das läuft im Grunde immer gleich ab.

Trolleys verkeilen sich in Menschen, Menschen in die Auswahl der Tarifzonen. „Dit is AB, yes“, schreit ein Mann in BVG-Weste, und: „You must stempel in the yellow box“. Man glaubt nicht, wie viel Krach und Sprachen auf die zwei Meter zwischen Terminal A und Busspur passen. Gerade dominiert Spanisch über Polnisch, Französisch, Englisch, Hebräisch und Bayrisch. Hin und wieder überdröhnt ein Abflug das Rollkoffergeklacker, Fahrgastgeschnatter, Motorengewummer.

Eigentlich läuft die Airport-Linie gerade auf Hochtouren, verspricht der Fahrplan einen Sechs-Minuten-Takt. Als nach elf Minuten einer der gelben Dreiachser die Rampe zum Terminalgebäude hochdonnert, kommt er gleich im Doppelpack.

„Ist er das?“, fragt Camilo. „Sieht so aus“, sagt Luisa. Das junge Paar wirkt elegant und ist aus Bogotá, Kolumbien.

Flughafen Tegel erinnert an Flughäfen in der kolumbianischen Provinz

Zusammen kommen sie auf zwei große schwarze Rollkoffer, zwei mittelgroße schwarze Rollkoffer und vier müde Augen. Europa-Tour. Das erste Mal Berlin. Davor Madrid, danach Prag. Sie sagt, Tegel erinnere sie an Flughäfen in Kolumbien. An die in den Provinzstädten. Er hat auf dem Smartphone eine Zugverbindung vom Flughafen zum Hotel herausgesucht. Die Touristinfo riet zum Bus.

Erst nachdem die Türen den Koffer-Fahrgast-Brei in den ersten Bus gepresst haben und das kolumbianische Pärchen draußen geblieben ist, nachdem sie zum nächsten Bus geklackert sind, erst als Camilo sich mit einer Hand an der Halteschlaufe im Bus festkrampft, die Koffer zwischen die Beine klemmt und auf sein Handy blickt, da merkt er: er hat den falschen Flughafen eingetippt. Es gibt gar keinen Zug.

TXL-Bus der BVG ist Berlins Nabelschnur zur Welt

Schönefeld hat das Terminal eines Busbahnhofs, aber zwei S-Bahn- und drei Regionalbahnlinien. Frankfurt am Main hat einen ICE-Bahnhof. Zum Albrecht-Dürer-Flughafen (in Nürnberg!) fährt eine fahrerlose U-Bahnlinie. Am Airport Friedrichshafen (540.000 Passagiere im Jahr 2018) hält die Bodensee-Oberschwaben-Bahn. Tegel zählt 22 Millionen Fluggäste im Jahr. 11 Millionen zwängen sich jährlich in den TXL-Bus. Er ist Berlins Nabelschnur zur Welt. Und der erste Eindruck, den Berlin seinen Gästen bietet.

Er fährt von Teminal A bis zum Alexanderplatz. 11,9 Kilometer, 14 Haltestellen, 39 Minuten. Das sagt der Fahrplan. Die Realität sagt: Ma kieken, wa? Es ist voll. Es wird voller, je näher man der Innenstadt kommt. Man schwitzt zusammen, man mault zusammen, man rückt zusammen. Es geht vorbei an Schrebergärten und Industriebaracken, Currywurst und Baklava, Spätis und Touris, Baustellen, Staustellen, Denkmälern. Am Ende purzelt man auf den Alexanderplatz, schnappt nach Luft. Und vielleicht hat man dann schon alles über Berlin gelernt, was man über Berlin wissen muss.

BVG-MItarbeiter beraten TXL-Fahrgäste: "Der nächste Bus kommt gleich"

Man ist ja bemüht. Es gibt „mobile Servicekräfte“. Das sind die Männer und Frauen in BVG-Westen, die an Bushaltestelle 2 mit

Rat und Wechselgeld bereit stehen. Sie erklären das mit den Tarifzonen. Ihr wichtigster Satz: „Der nächste Bus kommt gleich.“ 54 Fahrer wechseln sich am Tag auf der Linie ab, man rekrutiere sie, so sagt es die BVG, aus „einem besonderen Kreis an Fahrern, die gerne Berlins Gäste durch die Stadt fahren und keine Scheu haben, auch mal Englisch zu sprechen, um Tipps zu geben oder Tarife zu erklären.“

Rund 18 Busse fahren gleichzeitig zwischen Alex und Tegel. Der Großteil davon zählt zum modernsten, was die BVG zu bieten hat: Mercedes Benz Citaro G, Baujahr 2016 bis 2018, 354 PS, gedimmt blau leuchten USB-Buchsen aus der Seitenverkleidung. Die Gelenkbusse sind knapp 18 Meter lang und 2,5 Meter breit, bieten Platz für 99 Fahrgäste. Theoretisch.

Denn eine Sache scheint man bei aller Gastfreundschaft vergessen zu haben. Das Gepäck. Und das beschränkt sich im TXL nicht auf Koffer. Menschen verreisen mit Kontrabässen, Skiern, Surfbrettern, Fahrrädern, Doppelkinderwägen.

TXL-Busse sind völlig ungeeignet für die Flughafen-Tegel-Linie

Und so belegt das Gepäck Sitzplätze, wird in den Fußraum geklemmt, zu filigranen Türmen gestapelt, verhakt sich zu undurchlässigen Knäuel im Türbereich, kracht schmerzend in Fersen.

Die TXL-Busse sind vollkommen ungeeignet für die Flughafen-Linie. Warum sieht das jeder Fahrgast kurz nach dem Einstieg und die BVG nicht?

Anruf in der Pressestelle. Man weiß schon ob der Zumutungen, die der TXL den Berlin-Gästen abverlangt. Man fahre oft am Limit, gibt ein Sprecher zu. Aber die geräumigeren Doppeldeckerbusse sind auf der Rampe zu Terminal A nicht zugelassen. Busse ohne Sitzplätze und mit viel Stauraum, wie sie auf dem Flughafen-Vorfeld fahren, die wären eine gute Idee. Aber es sei nun mal Entscheidung der Politik, dass der TXL keine reine Flughafenlinie ist, sondern auch Berliner von der Turmstraße zum Hauptbahnhof bringt. Und so müsse man Kompromisse machen. Und mit Stau leben. Und auch das hat die Politik entschieden: die Zukunft gehört dem BER und Tegel bald der Vergangenheit an. Und damit auch der TXL-Bus. „Da wird nichts mehr passieren“, sagt der BVG-Sprecher.

Nur hätte er dasselbe auch schon vor 20 Jahren sagen können.

Luisa im TXL: Dachte, die Deutschen sind viereckiger

Als der TXL über eine Bodenwelle in die Beusselstraße hüpft, blickt Camilo über den Brillenrand durch die Frontscheibe. „Ist das schon Berlin?“, fragt er. Als Luisa von mir, dem Reporter erfährt, warum wohl nie eine Schiene zum Flughafen Tegel führen wird, und dass die deutsche Hauptstadt seit 13 Jahren einen viel zu kleinen Flughafen baut, da malt sie mit den Fingern ein Viereck in die Luft. „Ich dachte immer, die Deutschen sind so“, sagt Luisa. Viereckig. Sie meint geordnet, klar strukturiert. „Ich habe schon gehört, dass Berlin anders ist“, sagt Camilo.

Es gibt Menschen, die sind auf den TXL angewiesen, die können ihren Job verlieren, wenn sie nicht rechtzeitig in Tegel ankommen. Robert, Jaclyn und Theo sind Flugbegleitende bei verschiedenen Fluglinien. Sie zwängen sich mehrmals die Woche in die überfüllten Busse. Profi-Tipps? How to survive TXL?

Theo: „Auf keinen Fall an der Beusselstraße einsteigen. Da kommt der Bus schon voll an.“

Jaclyn: „Keine Ahnung. Ich will zurück nach Madrid.“

Robert: „Nie mit den Fahrern streiten.“

Theo: „Da kommt der Bus. Jetzt kämpft jeder für sich.“

In der Turmstraße trifft im TXL die Welt auf Berlin

Spätestens in der Turmstraße trifft im TXL die Welt auf Berlin. Da kommt ein heillos mit Touristen verstopfter Bus an einer heillos verstopften Bushaltestelle an. Eine Frau mit dem Weltreiserucksack, lehnt an der Tür, sagt in ihr Telefon: „Ich brauche dringend eine Dusche“. Eine Frau mit schwarzem Mantel schüttelt wortlos den Kopf, zwängt sich vorbei, ein Mann mit jamaikabunter Mütze macht filigrane Storchenschritte über Kofferknäuel, zwängt sich in die andere Richtung. Vorne brüllt der Busfahrer. Man solle den Raum neben seiner Fahrerkabine frei machen, hinter die gelbe Linie, und überhaupt, aufrücken! Keine Reaktion. Die Rucksackfrau verschickt jetzt Audionachrichten auf Englisch: „Die Leute fangen an, unfreundlich zu werden. Ich bin zu Hause.“

Wer will, der kann im TXL-Bus viele Gründe dafür finden, warum man besser aus Berlin abfliegt als in Berlin landet. Er ist ein sauerstoffarmes Sinnbild für das Unfertige, das Dysfunktionale, das Raue dieser Stadt. Wer will kann sich darüber ärgern. Aber was bringt das schon?

Viermal pro Schicht in die Welt und zurück

Rüdiger Chladek sitzt tief unter der Erde in einem kahlen Raum. Darin ein Tisch, eine kaputte Kaffeemaschine. Sonst nichts. Das ist der Pausenraum der BVG-Fahrer. Er befindet sich hinter einem Gittertor und mehreren Brandschutztüren am Bahnsteig der U55, Hauptbahnhof. Chladek fährt heute von 15:40 bis 00:13 den TXL. Seine Pause verbringt er hier unten. Zum Lesen hat er sich eine Reisebroschüre mit Kreuzfahrten mitgenommen.

Rüdiger Chaladek kommt aus Thüringen und klingt, als käme er aus Franken. Seine Lieblingslinie heißt DXL. In der DDR wollte er Fernfahrer werden. Dafür hätte er in die Partei eintreten müssen. Das hätte er auch gemacht. Aber nicht aus Zwang. Seit gut 20 Jahren fährt er nach „Degel“ und zurück.

Er versteht die Kollegen, denen die Linie zu anstrengend ist. All der Stau, all die Menschen, all die Sprachen. Er selber kann sich kaum etwas schöneres vorstellen. Viermal am Tag in die Welt und zurück, so sieht Chladek das. Er liebt den Trubel, er spricht gerne ein wenig Englisch, versucht sich an Spanisch und Russisch. „Man hat das Gefühl, man wird gebraucht“, sagt er.

Ablösung für den TXL-Busfahrer am Hauptbahnhof

Auch Chladeks Bus kommt heute zu spät. Am Hauptbahnhof löst er seinen Kollegen ab, wirft sich in den gefederten Fahrersitz, der schaukelt eine Weile mit ihm auf und ab. Sanft rollt der Bus los. Und steckt noch vor der nächsten Haltestelle, am Invalidenpark, im Stau.

Auf der einzigen Gepäckablage im Bus, vorne, ein Sitz hinter der Frontscheibe, da sitzt jetzt ein vierjähriger Lockenkopf. Sein Vater sagt auf Englisch: „Benjamin, das ist eine riesige Stadt, oder? So viele Menschen“. Benjamin presst seine Nase gegen die Scheibe, sagt: „Wow.“ Er wohnt mit seiner Mutter in Italien, sein Vater Philipp in Hamburg, die Oma in Stuttgart. Sie treffen sich in Berlin.

Draußen wellen sich blaue Gasrohre neben Baustellengruben auf und ab. Benjamins Oma sagt: „Bei schönem Wetter sieht alles schön aus.“ Brandenburger Tor, Unter den Linden. Es wird immer voller. Benjamins Oma lernt jemandes Opa kennen. „Aus Ungarn ja?“ „Aus Budapest genau!“

Wo Busspuren zu Parkplätzen werden

Vor dem Alexanderplatz werden Busspuren zu Parkplätzen, Bordsteine zu Radwegen. „Siehst du den großen Turm, Benjamin?“ „Das ist meiner“, sagt Benjamin. Chladek bringt den Bus am Alexanderplatz zum stehen, mit einem zischen neigt er ihn zum Ausstieg, wünscht allen einen schönen Tag.

Noch zwei Tage. Dann ist Urlaub. Über Ostern fährt Rüdiger Chladek auf Kreuzfahrt. Von Valencia, durch den Suez Kanal nach Dubai. Jungfernfahrt auf einem Schiff, das eigentlich ein Hotelkomplex ist, auf dem man Schlittschuh fahren kann und Fallschirmspringen. „Das habe ich mir erarbeitet“, sagt Chladek.

Rüdiger Chladek wendet den TXL in Richtung Flughafen. Er startet mit 26 Minuten Verspätung. Aber bei einem Takt von 6 Minuten fällt das keinem auf.