Cyber-Kriminalität

Experte fordert digitale Polizeistreifen für das Internet

Kriminologe Thomas Gabriel Rüdiger fordert mehr Präsenz der Ermittler im Netz und eine Ausweispflicht für altersbeschränkte Programme.

Viele Straftaten werden mittlerweile online begangen

Viele Straftaten werden mittlerweile online begangen

Foto: Silas Stein / dpa

Berlin. Der Brandenburger Cyber-Kriminologe und deutschlandweit anerkannte Experte Thomas G. Rüdiger fordert im Interview mit der Berliner Morgenpost mehr sichtbare Polizeipräsenz im Internet. Laut Rüdiger müssten zehn bis 15 Prozent des Personals der Polizei im Internet unterwegs sein. Als Grund nennt er die vielen Straftaten, die inzwischen im digitalen Raum begangen würden. „Das Netz ist zu einem Kriminalitätsort mit Zahlen geworden, die wir uns vom Umfang her gar nicht vorstellen können“, sagte Rüdiger. Sicherheitskreise gehen inzwischen davon aus, dass die positive Entwicklung der Kriminalitätsstatistiken auch damit zusammenhängt, dass viele Kriminelle in das Internet abgewandert sind und ihre Straftaten nicht mehr im physischen Raum begehen.

Kriminalität verlagert sich in das Dunkelfeld im digitalen Raum

Rüdiger ist Kriminologe am Institut für Polizeiwissenschaft der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Cyber-Kriminologie. Neben einer deutlichen Erhöhung der Sichtbarkeit von Polizei im Netz fordert Rüdiger auch die Einführung einer Ausweispflicht für altersbeschränkte Programme, um Kinder zu schützen. Rüdiger kritisiert, dass das Internet von Erwachsenen für Erwachsene gemacht wurde, und Kinder sich dort weitestgehend schutzlos bewegten. „Wenn man am Ende die Kinder im Netz schützen will, dann werden Erwachsene Einschränkungen in ihrem eigenen Nutzungsverhalten hinnehmen müssen“, so Rüdiger weiter.

Zuletzt war eine Dunkelfelduntersuchung der Polizei Mecklenburg-Vorpommern zu dem Ergebnis gekommen, dass die positiven Hellfeld-Zahlen, also die positive Entwicklung der Kriminalitätszahlen, auch damit zusammenhängen, dass sich die Kriminalität aus dem Hellfeld im physischen Raum in das Dunkelfeld im digitalen Raum verlagert hat. „Einfach, weil wir im digitalen Raum nicht dieselbe Strafanzeigen-Wahrscheinlichkeit haben“, sagte Rüdiger. Ihm zufolge werde im Netz nur jede 300. bis 400. Straftat zur Anzeige gebracht. Bei Ladendiebstahl etwa sei die Quote mit eins zu 15 bedeutend besser.

Cyber-Experte: "Das Netz ist ein Kriminalitätsort geworden" - Das Interview

Auch die Berliner Polizei schlägt Alarm. Die in der Kriminalitätsstatistik erfassten Straftaten mit dem „Tatmittel Internet“ haben mit 14,9 Prozent deutlich zugenommen und erreichten erneut den höchsten Wert der vergangenen zehn Jahre. Insgesamt erfasste die Berliner Polizei im vergangenen Jahr 30.783 Fälle. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 waren es noch 26.783. Hinzu kommt: 2018 wurden rund 5400 Internet-Fälle zwar in Berlin bearbeitet, weil hier die Geschädigten lebten, sie fanden aber keinen Eingang in die Statistik, weil die Täter vom Ausland aus agierten.

Sexuelle Belästigung von Kindern in Chats zur Normalität geworden

Den größten Anteil am „Tatmittel Internet“, wie es in der Polizeistatistik heißt, hat der Betrug. Hierzu wurden 26.988 Fälle erfasst, 3723 Fälle mehr als im Vorjahr. Das entspricht einer Zunahme von 16 Prozent. Cyber-Kriminologen erklären diesen rasanten Anstieg damit, dass das Entdeckungsrisiko für die Täter im Netz wesentlich geringer ist.

Laut Polizeistatistik werden einige Delikte zu einem besonders hohen Anteil im Internet begangen. Hierzu zählen laut Ermittlern das Ausspähen und Abfangen von Daten, der Betrug unter Verwendung von Zahlungskartendaten, der Warenbetrug und die Verbreitung von Kinderpornografie

Im Interview mit der Berliner Morgenpost verweist Cyber-Kriminologe Rüdiger auch darauf, dass die sexuelle Belästigung von Kindern, etwa durch Chats in Spielen, im digitalen Raum mittlerweile Normalität sei. Auch beim Cybergrooming, dem gezielten Anbahnen von sexuellen Kontakten in Missbrauchsabsicht, gebe es einen Anstieg. „Hier fehlt es an wirksamen Schutzmaßnahmen“, so Rüdiger. Ermittler beobachten das Phänomen des Cybergroomings in Spieleforen, wenn etwa Erwachsene sich selbst als Kinder ausgeben, um gezielt mit Kindern chatten und diese belästigen zu können.