Kriminalität

Erstmals antisemitische Vorfälle in allen Bezirken

Die Zahl der Angriffe hat sich von 18 auf 45 mehr als verdoppelt, die Zahl der Bedrohungen ist von 26 auf 46 ebenfalls gestiegen.

Ein Mann mit einer Kippa (Symbolfoto)

Ein Mann mit einer Kippa (Symbolfoto)

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berlin. In Berlin hat es erneut einen Anstieg bei antisemitischen Vorfällen gegeben. Das geht aus Zahlen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) für das Jahr 2018 hervor. So hat sich die Zahl der gemeldeten Angriffe von 18 auf 46 mehr als verdoppelt, die Zahl der Bedrohungen ist von 26 auf 46 ebenfalls gestiegen. Im Gegensatz zur Polizei registriert die Beratungsstelle auch versuchte und abgebrochene Angriffe, wenn etwa das Opfer flüchtete.

Insgesamt erfasste RIAS im Jahr 2018 1.083 gemeldete antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt, mehr als 14 Prozent als im Vorjahr. Mit 368 Personen waren 73 Prozent mehr Einzelpersonen betroffen als Im Vorjahr. Mit 187 war über die Hälfte davon jüdisch, doch auch zahlreiche nichtjüdische Personen, die sich gegen Antisemitismus oder Rechtsextremismus aussprachen, wurden angefeindet.

Laut Rias habe es erstmalig antisemitische Vorfälle in allen Berliner Bezirken gegeben. Die meisten Vorfälle habe es in den Bezirken Mitte (146) und Charlottenburg-Wilmersdorf (80) gegeben.

Kommentar: Kein Vergessen, niemals!

Zahlreiche Vorfälle dokumentiert

Die Beratungsstelle listete zahlreiche Vorfälle auf. Etwa von einer Frau, die in einem Berliner Spätkauf angefeindet und als „Judenschlampe“ bezeichnet wurde. Der Grund: Sie trug einen Davidstern. Oder ein Junge, dessen Basecap in der Schule gestohlen wurde. Als er es wiederfand, waren in der Innenseite Hakenkreuze aufgemalt. Oder der jüdische Mann, der erst seit einem Monat in seiner Wohnung in Friedrichshain-Kreuzberg wohnte und eines Tages Hakenkreuze an seiner Tür hatte. Oder die Schülerin, die ihrem Vater berichtete, dass ein Lehrer zu einem Schüler gesagt habe: „Wenn du nicht ruhig bist, kommst du in ein polnisches Konzentrationslager“. Obwohl der Vater sich beschwerte, unternahm die Schule nichts.

Zu dem deutlichen Anstieg von Angriffen und Bedrohungen erklärte Rias-Projektleiter Benjamin Steinitz: „Wir stellen im Vergleich zu den vergangenen Jahren eine zunehmende Bereitschaft fest, antisemitische Aussagen mit konkreten Gewaltandrohungen zu verbinden oder Gewalt folgen zu lassen“.

Erstmals politische Hintergründe erfasst

Zum ersten Mal erfasste die Beratungsstelle auch politische Hintergründe. Den größten Anteil machten dabei mit 18 Prozent rechtsextreme Hintergründe aus, gefolgt von israelfeindlichem Aktivismus, wie er in Berlin etwa von linksextremen Gruppierungen wie dem Jugendwiderstand kommt. Bei 49 Prozent der gemeldeten Vorfälle blieb der politische Hintergrund unklar. Eine Einordnung machte RIAS nur bei eindeutigen Hinweisen.

Meldestelle wird immer bekannter

Bereits im vergangenen Jahr hatte die Beobachtungsstelle RIAS für das Jahr 2017 mehr antisemitische Vorfälle in Berlin gemeldet. Mit 947 Fällen hatte Rias auch 2017 einen Anstieg von 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr registriert.

Einen Hauptgrund sah Projektleiter Benjamin Steinitz damals wie heute darin, dass die Meldestelle bekannter werde, sich mehr Institutionen beteiligten und sich auch mehr Menschen trauten, ihre Erlebnisse zu melden. Die nicht-staatliche Beobachtungsstelle wird vom Senat gefördert.

Sebastian Walter (Grüne), Stellvertretender Vorsitzender und Sprecher für Antidiskriminierung, sagte: „Die Zunahme der antisemitischen Vorfälle im vergangenen Jahr ist schockierend. Insbesondere der drastische Anstieg der antisemitischen Angriffe und Bedrohungen im öffentlichen Raum macht fassungslos und wütend.“

Beratungsstelle erhellt Dunkelfeld

Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) teilte mit: „Rias erhellt das Dunkelfeld antisemitischer Realität in unserer Stadt. Die Zahlen zeigen: Wir haben ein Antisemitismusproblem. Es ist gewachsen und in unserer Gesellschaft verfestigt.“ Der Senat von Berlin hat im März als erstes Bundesland ein Landeskonzept zur Weiterentwicklung der Antisemitismus-Prävention beschlossen.

Mehr zum Thema

Der vollständige Bericht