Vandalismus

Graffiti machen Baufirmen an der S21 zu schaffen

Auf der Baustelle an der S-Bahn kommt es regelmäßig zu Sprayer-Attacken. Für die Unternehmen bedeutet das erheblich Mehrkosten.

Jürgen Prüfer ist Polier auf der Baustelle an der S-Bahnlinie 21.

Jürgen Prüfer ist Polier auf der Baustelle an der S-Bahnlinie 21.

Foto: Privat

Berlin. Fast jeden Tag, wenn Jürgen Prüfer auf die Baustelle kommt, muss er sich ärgern. Denn häufig findet er neue Graffiti-Schmiererein. Unzählige Male hat er schon die Polizei gerufen. Nirgendwo sei es so schlimm wie in Berlin, sagt er.

Prüfer, 62 Jahre alt, ist Polier bei einem von Berlins größten Projekten – der Baustelle an der S-Bahnlinie 21. Hier entsteht eine zweite Nord-Süd-Trasse für die Bahn, die vom nördlichen S-Bahnring über den Hauptbahnhof und den Potsdamer Platz bis zur Yorckstraße fahren soll.

Seit 2013 auf der Baustelle

Polier Prüfer von der Baufirma Max Bögl ist seit 2013 auf der Baustelle. Er kann mit Begeisterung darüber sprechen. Wenn Prüfer auf der Fennbrücke steht und auf seine Baustelle schaut, kommt er leicht ins Schwärmen: „Das ist alles ingenieurtechnisch sehr anspruchsvoll“, sagt er.

Der erste Bauabschnitt beinhaltet den Neubau einer knapp vier Kilometer langen Strecke. Dafür wurden auch drei Eisenbahnbrücken gebaut. Auch ein etwa 700 Meter langer Tunnel ist Teil der Trasse. „Städtisches Bauen ist immer etwas Besonderes. Es geht über Häuser und Wasser“, erklärt Prüfer.

Aber städtisches Bauen bedeutet auch mehr Vandalismus. „Wir geben uns Mühe und andere Leute respektieren das nicht“, sagt er. Dabei braucht Berlin die neue S-Bahntrasse dringend: Die bestehende Strecke über die Friedrichstraße ist laut Deutscher Bahn (DB) mit rund 120.000 Fahrgästen täglich bereits nahezu ausgelastet. Eine zweite S-Bahnstrecke in Nord-Süd-Richtung ist also dringend erforderlich.

Baumaschinen und Brücke beschmiert

Besonders häufig werde seine Baustelle am Wochenende heimgesucht. Nichts scheint sicher vor den Sprayern. Regelmäßig werden auch Baumaschinen und Bagger besprüht. „Die Geräte sind gemietet. Für uns sind das zusätzliche Kosten“, sagt Prüfer der Berliner Morgenpost.

Wenn er morgens auf die Baustelle komme, sei der Anruf bei der Polizei inzwischen Routine. „Es passiert aber nichts“, sagt Prüfer. Der Vorgang bekomme eine obligatorisches Aktenzeichen, das war es. Er habe zudem das Gefühl, die Sprayer gingen immer waghalsiger vor. Das gehe nun schon seit mehreren Jahren so.

Sprayer begeben sich in Lebensgefahr

Bereits kurz nachdem die Verschalung der Brücke abgenommen wurde, waren erste Graffiti zu sehen. Um zu der Stelle zu gelangen, wo jetzt ein undefinierbarer Schriftzug in schwarzer Farbe prangt, muss man an der Brücke entlangbalancieren. „Lebensgefährlich“, sagt Jürgen Prüfer. Neben den waghalsigen Aktionen und der Sachbeschädigung würden ihn die Graffiti-Schmiererein auch persönlich treffen. „Das ist keine Wertschätzung für die Arbeit anderer“, sagt er.

Zusätzliche Kosten

In Berlin entsteht durch Graffiti allein im Bahnbereich jedes Jahr ein sehr hoher Sachschaden. Im gesamten Bereich der Bundespolizeidirektion Berlin, welche für die Bundesländer Berlin und Brandenburg zuständig ist, wurden im Jahr 2018 3039 Strafanzeigen gestellt. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 waren es 3082 Strafanzeigen, im Jahr 2017 waren es 3132 Strafanzeigen. Im Jahr 2018 wurden insgesamt 278 Tatverdächtige ermittelt. Im Jahr zuvor waren es 371 Tatverdächtige und im Jahr davor 289 Tatverdächtige. Zuletzt ging die Berliner Polizei gegen eine Sprayer-Bande in Steglitz und Zehlendorf vor.

Für Baufirmen bedeuten Graffiti-Attacken, wie sie regelmäßig an der S21-Baustelle stattfinden, zusätzliche Kosten von mehreren Zehntausend Euro. Und ist das Bauwerk noch nicht übergeben, kann es passieren, dass die Graffiti noch vor Inbetriebnahme aufwendig entfernt werden müssen.

Problem ist für die Bahn nicht neu

Das Problem ist für die Bahn indes nicht neu. Allerdings weist das Unternehmen die Verantwortung von sich. Die Verkehrssicherung für die Baustellenflächen, einschließlich Graffiti, liege bei den jeweiligen Baufirmen, heißt es auf Nachfrage der Berliner Morgenpost. „Im Schadensfall wird auch durch sie die Polizei verständigt“, sagt Bahnsprecher Gisbert Gahler.

Zuletzt war bekannt geworden, dass die S21-Baustelle auf ihren einzelnen Bauabschnitten noch einmal deutlich teurer und später fertig werde als geplant. Noch im August vergangenen Jahres hieß es, dass die ersten Züge Ende 2020 zwar nicht im Hauptbahnhof, aber in einem provisorischen Bahnhof nördlich der Invalidenstraße halten könnten. Dieser Termin gilt als nicht mehr haltbar.

Angesichts der hohen Kosten war die Trasse von Beginn an umstritten. Für die gesamte Strecke zwischen Nordring und Yorckstraße wird mit einer Summe von 900 Millionen Euro an Gesamtkosten gerechnet. Gegner bezweifeln, ob der zusätzliche Nutzen diese Kosten rechtfertigen kann. Befürworter sagen hingegen, dass die neue Trasse Entlastung für eine von Berlins wichtigsten S-Bahnverbindungen bringen werde.

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