Unfallgefahr

„Für Fußgänger besonders gefährlich: grüne Ampeln“

Eine aktuelle Deutschland-Studie belegt: Wer zu Fuß geht, ist im Straßenverkehr am stärksten gefährdet.

Fußgänger am Potsdamer Platz.

Fußgänger am Potsdamer Platz.

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture-alliance

München/Berlin.  Für eine Frau aus Lichtenberg sollte der Nachmittagsspaziergang böse enden. Als die 76-Jährige am vergangenen Mittwoch in Fennpfuhl die viel befahrene Storkower Straße überqueren wollte, raste ein Jaguar heran. Und obwohl die Seniorin einen markierten Fußgängerüberweg nutzte, wurde sie von dem Auto erfasst und dabei schwer am Kopf verletzt. Der Ausflug endete im Krankenhaus.

Meldungen wie diese sind beinahe täglich im Report der Berliner Polizei zu lesen. Nun bestätigt auch eine umfangreiche Studie des Versicherungskonzerns Allianz: Fußgänger leben in Deutschland gefährlich. Sie sind im Straßenverkehr dabei sogar noch stärker gefährdet als Fahrradfahrer, über deren Sicherheit in Berlin zuletzt so viel diskutiert wurde. Bei der Vorstellung der Studie zum Thema Sicherheit von Fußgängern am Donnerstag forderte der Versicherer von der Politik und der Autoindustrie mehr Einsatz zum Schutz der unmotorisierten Verkehrsteilnehmer ein.

„Der Anteil der getöteten Fußgänger im Vergleich zu allen Unfalltoten steigt langjährig leicht an, und immer noch verunglücken jährlich 30.000 Fußgänger im Straßenverkehr“, sagte Jochen Haug, Vorstandsmitglied der Allianz Versicherungs AG, in Ismaning bei München. Generell sei der Straßenverkehr in Deutschland zwar sicherer geworden. Doch gerade Fußgänger seien statistisch betrachtet – noch vor Fahrradfahrern, Autofahrern und Nutzern von Bussen und Bahnen – am meisten gefährdet.

Fast jeder zweite Verkehrstote in Berlin ist ein Fußgänger

So lag 2018 der Anteil der Fußgänger an den Verkehrstoten bei etwa 14 Prozent. Insgesamt sind in Deutschland 457 Fußgänger gestorben. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts bedeutete dies zwar einen Rückgang im Vergleich zum Vorjahr. Langfristig betrachtet – seit der Jahrtausendwende – verzeichneten Statistiker wie Studienmacher jedoch eine steigende Tendenz.

In Berlin ist die Gefahr für Fußgänger, im Straßenverkehr tödlich zu verunglücken, sogar noch deutlich höher als im Rest des Landes. Von den 45 Verkehrstoten (plus 9 gegenüber 2017), die die Berliner Polizei im Vorjahr registrierte, waren 19 zu Fuß unterwegs. Das entspricht einen Anteil von mehr als 42 Prozent. Unter den übrigen tödlich verletzten Unfallopfern waren elf Radfahrer, neun Motorrad- und drei Autofahrer.

Besonders gefährdet sind laut Allianz-Studie die Fußgänger in der Zeit von Oktober bis Februar, innerorts und in der Dämmerung oder bei Dunkelheit. Bei Unfällen in der Nacht gibt es besonders viele Todesopfer. Häufig trifft es dabei Senioren. „Mehr als die Hälfte der getöteten Fußgänger in Deutschland ist älter als 64 Jahre“, sagte Haug. Und der Anteil ist im vergangenen Jahr nochmals stark angestiegen, von 51 auf 56 Prozent.

Die meiste Gefahr für Fußgänger geht dabei von den Verkehrsteilnehmern aus, die mit dem Auto unterwegs sind. Laut Studie waren an 87 Prozent aller tödlichen Fußgängerunfälle Autos und Laster beteiligt, deren Fahrer zumeist auch die Hauptunfallverursacher sind.

Am häufigsten kommt es zu Kollisionen, wenn Fußgänger Straßen überqueren. Bei fast jedem zweiten Unfall fand der Aufprall im Frontbereich des Autos statt. Bemerkenswert ist allerdings, dass sich 23 Prozent der Unfälle beim Rückwärtsfahren eines Autos ereigneten. Versuche im Allianz Zentrum für Technik (AZT) haben dabei ergeben, dass sich Fußgänger durch einen Sturz schon bei einem Anprall mit drei Kilometer pro Stunde Kopfverletzungen zuziehen können. Die Untersuchungen belegen, dass neben der Warnfunktion eines Systems auch das automatische Notbremsen lebenswichtig ist, wenn trotz Warnton Fahrer oder Fußgänger nicht reagieren.„Nachdem sich in den vergangenen Jahren Notbremssysteme für Fußgänger im Frontbereich als Marktstandard für neue Fahrzeugmodelle etabliert haben, müssen wir jetzt im nächsten Schritt auch die Notbremsung beim Rückwärtsfahren weiterentwickeln, um die Sicherheit für Fußgänger zu erhöhen“, forderte der AZT-Geschäftsführer Christoph Lauterwasser.

Gefährlicher Fehler: nicht aufpassen

Der häufigste Fußgängerfehler sei, beim Überqueren von Straßen nicht aufzupassen. Die Statistiken legen zudem nahe, dass jeder zehnte getötete Fußgänger betrunken war. „Alkohol, Medikamente, Drogen, Müdigkeit und Ablenkung haben als Unfallursache ein hohes Dunkelfeld“, heißt es bei der Allianz. Nach Angaben der Versicherers verursachen Fußgängerunfälle jährlich Kosten von mehr als zwei Milliarden Euro.

Die aktuelle Studie zum Fußgängerverkehr belegt auch das relativ neue Smombie-Phänomen. Der Begriff „Smombie“ setzt sich aus den Wörtern Smartphone und Zombie zusammen. Damit wird ein Mensch bezeichnet, der auch in der Öffentlichkeit von seiner Umwelt nichts mehr mitbekommt, weil er nur noch auf sein Handy starrt. In Honolulu wurde jetzt sogar ein Gesetz erlassen, das die Smartphone-Nutzung im Gehen verbietet. Denn in kaum einer anderen US-Großstadt gab es zuletzt so viele Verkehrsopfer, die durch Handynutzung auf der Straße in Unfälle verwickelt wurden, wie in der Hauptstadt von Hawaii.

Auch in Deutschland ist das Smartphone aus den Händen vieler Fußgänger nicht mehr wegzudenken. Laut der repräsentativen Erhebung der Allianz „tippen“ beziehungsweise „texten“ 43 Prozent der Befragten beim Gehen. Fast jeder Zweite (45 Prozent) nutzt das Handy, um zu fotografieren. 28 Prozent hören Musik, und zwei Drittel (67 Prozent) telefonieren beim Gehen. Dies zeige, dass Ablenkung nicht nur beim Autofahren, sondern auch zu Fuß ein nachweisbares Unfallrisiko birgt. „Die Nutzung elektronischer Geräte erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Fußgänger, einen Unfall zu erleiden“, sagte Haug. Speziell beim Musikhören steigt das Risiko um mehr als das Vierfache, beim Texten um das Doppelte.

Telefonieren ist gefährliche Ablenkung

Wie beim Autofahren ist auch bei Fußgängern das Telefonieren die häufigste Ablenkung, spielt aber beim Gehen eine geringere Rolle für das Unfallgeschehen. Im Gegensatz zu Autofahrern entscheiden Fußgänger in der Regel selbst, wann sie sich in eine konfliktträchtige Verkehrssituation begeben, beispielsweise beim Überqueren einer Straße, und dürften demnach besser in der Lage sein, das Telefonieren auf die jeweilige Situation abzustellen. Das Hauptproblem bei Unfällen sind nach Ansicht der Autoren der Studie die hohen Geschwindigkeitsdifferenzen zwischen Fußgängern und Fahrzeugen. „Wichtig ist es, Tempo 30 gezielt einzusetzen“, sagte AZT-Chef Lauterwasser. Bewährt hätten sich etwa Geschwindigkeitsanzeigen an Straßen.

Fußgänger brauchen aus Sicht der Allianz ein zusammenhängendes Netz aus Bürgersteigen, auf denen nur im Ausnahmefall auch Fahrräder oder Roller fahren dürfen. Außerdem wären ein nationaler Fußverkehrsplan, eigene Unfalljahresberichte sowie die Erneuerung der Europäischen Charta der Fußgänger aus dem Jahr 1988 weitere wichtige Ansätze, schreiben die Studienmacher.

Roland Stimpel vom Fußgänger-Lobbyverband Fuss e.V. ist von den Ergebnissen der Allianz-Studie wenig überrascht. „Besonders gefährlich sind ausgerechnet Ampeln – und zwar bei Grün“, sagte er der Morgenpost. Hier würden immer wieder Menschen zu Fuß von abbiegenden Autofahrern getötet, die auch Grün hatten. Ältere träfe dies besonders oft, weil sie meist langsamer gehen, also als letzte noch auf der Fahrbahn seien. Und sie könnten nicht das tun, was Jüngeren manchmal das Leben rettet: rasch beiseite springen. Alte Menschen würden zudem leicht stürzen und sich dabei oft das Hüftgelenk brechen. Für viele sei das die Vorstufe zum Tod.„Man kann nicht alte Menschen dem Verkehr anpassen. Es muss umgekehrt laufen – der Verkehr muss sich den Menschen anpassen“, forderte Stimpel.

Mobilitätsgesetz soll auch Fußgänger schützen

Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) hatte erst vor Kurzem gesagt, mit dem bundesweit ersten Mobilitätsgesetz auch deutlich mehr für die Sicherheit von Fußgängern tun zu wollen. Angekündigt wurden von ihr unter anderem längere Grünphasen an Fußgänger-Ampeln, mehr Querungshilfen sowie breitere Gehwege. An BVG-Haltestellen sollen Radwege grundsätzlich hinter den Wartenden verlaufen.

Für den Vertreter des Lobbyverbandes Fuss e.V. ändert sich im Alltag bisher aber zu wenig. „Berlin kann auch ohne den Bund und ohne das kommende Fußverkehrs-Gesetz handeln: Das Land hat es in der Hand, bei Ampelschaltungen konsequent die Sicherheit nach vorn zu stellen. Es kann die Einrichtung von Zebrastreifen und Mittelinseln beschleunigen.“ Er fordert zudem, dass die Ordnungsämter das Falschparken vor allen an Kreuzungen und Einmündungen strenger ahnden. Stimpel: „Gerade für Berlin gilt: Unfälle sind kein Schicksal – aber Verkehrssicherheit muss man wollen.“