Austritte

Nur noch ein Viertel der Berliner ist in der Kirche

Nur noch ein Viertel der Berliner gehört der Kirche an. Jährlich treten viele aus, auch, um Geld zu sparen.

Blick auf den sanierungsbedürftigen Berliner Dom

Blick auf den sanierungsbedürftigen Berliner Dom

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin. Es klappt nicht alles an diesem Sonntag. Zweimal kommt der Organist in der Luisenkirche am Gierkeplatz in Charlottenburg durcheinander. Pfarrerin Aline Seel füllt die Aussetzer mit ein paar charmanten Worten. Irgendwie habe es ja auch etwas Schönes, sagt sie. Die Welt dort draußen sei schließlich auch nicht perfekt. So wie die der drei Obdachlosen, die vor dem Gotteshaus betteln und nicht mit hineingekommen sind. Dabei wäre noch Platz. Rund 60 Menschen sitzen verteilt in den Reihen vor dem Altar, um Seels Predigt zu hören und dem Gottesdienst beizuwohnen.

Oblaten beim Abendmahl und freie Plätze

Die Morgensonne bricht durch die Fenster der Kirche, ihre Strahlen fallen auf die übrigen freien Plätze. Es gibt Oblaten und wahlweise Rotwein oder Traubensaft. Die Menschen fassen sich an den Händen und wünschen einander Frieden. Alles scheint gut, dabei ist es das aus Sicht der Kirche längst nicht mehr. Viele Menschen kehren sich von ihr ab. Größtenteils um die Kirchensteuer zu sparen, in anderen Fällen weil sie mit der Institution nichts mehr anzufangen wissen oder ihren Glauben an Gott verloren haben. Im Jahr 2017 gehörte nur noch ein Viertel der Berliner der evangelischen oder katholischen Kirche an. Tendenz: weiter sinkend.

Gesellschaftliche Kraft und schwindende Macht

„In Berlin liegt Kirche nicht so auf der Hand“, versucht Seel das Desinteresse zu erklären. Dabei sei die Sehnsucht nach Spiritualität nach wie vor groß, nur werde diese heute an anderen Orten erfüllt. In Yoga-Studios zum Beispiel. „Eigentlich schade, dass die voll sind und die Kirchen leer“, sagt die 33-Jährige. Gleichzeitig gibt sie zu, dass auch sie innerlich mit den klassischen Gottesdienstformen kämpfe. Ein guter Gottesdienst sei ein Fest, nah am Leben und den alltäglichen Themen, glaubt sie. Das ist er an diesem Tag.

In ihrer Predigt spricht Seel über die Suche nach Gott in unserer Gesellschaft. Haben sie diese Woche schon wieder nicht an Gott gedacht? Die junge Pfarrerin stellt diese Frage, ohne sie so auszusprechen. Im Alltagstrott verlöre man ihn manchmal aus den Augen. Zustimmendes Nicken auf den Holzbänken, auf denen heute wieder viele ältere, aber auch ein paar jüngere Menschen sitzen.

Das Problem für die evangelische Kirche dabei ist: Viele finden ihre Bindung zur Kirche nie wieder. Karriere, Familie und Geld verdrängen das Gemeindeleben. „Eigentlich haben wir eine gesellschaftliche Kraft“, immerhin seien allein in der Luisengemeinde 5000 Mitglieder, meint Seel. Auch wenn das Publikum an diesem Sonntag durchmischt ist: die biblische Kraft schlägt bei jüngeren Menschen kaum noch durch.

Die Kirche muss sich verändern – und politischer werden

Vielleicht müsste Kirche noch politischer sein, um wieder an Bedeutung zu gewinnen. Seel glaubt das. Sie wünsche sich eine Kirche, die ein anderes Licht auf die Wirklichkeit wirft und sich einbringt in die Politik. So versteht sie auch ihren Auftrag als Pfarrerin. Außerdem sagt sie: „Die Welt muss nicht bleiben wie sie ist, und die Kirche hat dazu auch keine Chance.“ Sie müsse sich verändern, und zwar stetig. Aber wie?

Durch Online-Predigten und Werbung bei Facebook geht der Kirche ein entscheidendes Merkmal verloren: das Miteinander. Gottesdienste geben und leben von Nähe und Geborgenheit, von dem direkten Austausch. Das sieht auch Seel so. Trotzdem sagt sie: „Wenn man den digitalen Zug verpasst, das wäre fatal.“ Einzig wie Glauben im Netz ausgelebt werden kann, dazu fehlt der Kirche bislang ein Konzept. Und so bleiben vor allem die „digital natives“ – also die jungen, im digitalen Zeitalter Aufgewachsenen – von der Kirche weitestgehend unberührt. Sie hören auf der Straße zwar die Glocken läuten, aber dabei bleibt es meist auch.

„Ein Café“, sagt Seel, sei in ihrer „Traumgemeinde“ ein fester Bestandteil. Aus einem bestimmten Grund: „Dass wir Kirche en passant erleben, ist sehr selten.“ In ein Café könnten die Menschen dagegen beiläufig kommen. Dabei ginge es nicht um Geld oder Intellekt. Es müsse auch „Platz für komische Leute“ geben, die andernorts aus dem Rahmen fallen. Aber ob Kaffeestube oder nicht, am Ende sei sie vor allem davon überzeugt: „Es lohnt sich, nicht aufzugeben.“

Nach dem Gottesdienst bedankt sich Seel bei jedem Einzelnen für das Kommen und im Namen der Kirche für die Kollekte, die an die eigene Gemeindearbeit geht. Und die Obdachlosen draußen vor dem Eingang betteln wieder um ein paar Cent.