40 Jahre ICC

ICC wird 40 Jahre alt - Raumschiff sucht Retter

Luxusliner, Monstrum, Glitzerding: Für das mittlerweile geschlossene ICC war kein Superlativ zu groß. Ein Besuch zum 40. Geburtstag.

Das Internationale Congress Centrum (ICC) steht seit April 2014 leer.

Das Internationale Congress Centrum (ICC) steht seit April 2014 leer.

Foto: Paul Zinken / picture alliance / Paul Zinken/dpa

Berlin. „Ach, das ICC wird 40?“ Zugegeben, so ganz überraschend waren die Reaktionen nicht, die fast wortgleich von allen Zuständigen kamen. Messe Berlin, Wirtschaftsverwaltung, Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), selbst die Architektenkammer bedankte sich höflich für den Hinweis, dass West-Berlins einst größtes, teuerstes, umstrittenstes, aber auch höchst erfolgreiches Bauwerk am 2. April seinen 40. Geburtstag begeht.

Zur Einweihung 1979 dekorierte der damalige Bundespräsident Walther Scheel persönlich die Torte, 2009 gab es Festbeleuchtung, 2014 warb die Architektenkammer schon warnend „für das Fortbestehen des ICC“, seitdem steht es leer. Im Jahr 2019, so scheint es, sieht niemand mehr einen Grund, das ICC zu feiern.

2017 zogen noch mal Flüchtlinge ein

Denn auch, wenn das silberne „Raumschiff“ am Messegelände in Charlottenburg bis zum Schluss bestens ausgelastet war, war es zu alt, zu teuer, der TÜV abgelaufen. Also Türen zu, hieß es damals. 2017 zogen zwar vorübergehend noch mal Flüchtlinge ein, und immer fragen noch Filmteams, Fotografen und Architekturfans aus aller Welt für Besuche an, doch die Messe Berlin rückt den Schlüssel nicht mehr heraus.

Und auch, wenn seit 2014 viel gestritten wurde über Asbest, einen Abriss, den die Messe zwischenzeitlich ins Spiel brachte, ein Plan, wie es konkret weitergehen soll, fehlt. Für die vorerst letzten Schlagzeilen sorgte das ICC im Januar, als die Senatswirtschaftsverwaltung beschied: Bei einer Wiederinbetriebnahme des ICC sei eine Nutzung als Bordell, Spielbank oder auch für den Waffenhandel ausgeschlossen.

Gähnende Leere herrscht auf dem Vorplatz

Steht es wirklich so schlimm um das ICC? Auf dem Vorplatz an der Neuen Kantstraße herrscht gähnende Leere. Passanten meiden das Areal, es gibt ja auch nichts zu besuchen. Nicht mal die „Ecbatane“ genannte Eisenskulptur, die einst den Eingang bewachte, ist noch da,. Sie liegt schon seit 2005 eingemottet in den Messehallen gegenüber.

Allein die verlassenen Fahnenmasten erzeugen mit ihren Seilen im Wind ein Geräusch, das an einen schlafenden Hafen erinnert. Oder ist es eine Erinnerung, dass ein „Raumschiff“, wie das ICC wegen seiner futuristischen Form und der Aluminiumhülle gern genannt wird, jederzeit wieder starten kann? Es sind nicht wenige, die daran glauben.

Mila Hacke etwa, die als Architekturfotografin das ICC seit 2002 begleitet und dokumentiert. Von ihr stammen die wohl bekanntesten Fotografien, die das Gebäude im Großformat und in seiner ganzen Schönheit zeigen, bis ins kleinste Detail. „Das Besondere des ICC ist ja, dass es vom großen Entwurf bis zu Hinweisschildern, Teppichmustern und Türklinken durchdacht und designt ist.“ Und, fügt die Fotografin mit Blick auf die geschlossenen Glastüren hinzu: „Fast alles ist bis heute im Original erhalten.“

Der Bau ragt mehrere Etagen in den Untergrund

„Luxusliner“, „Monstrum“, „milliardenteures Glitzerding“, das ICC wurde von Beginn an so bewundert wie beschimpft. Es sollte das neue Wahrzeichen im wirtschaftlich abgehängten West-Berlin werden, die Baukosten lagen bei fast einer Milliarde D-Mark. Entworfen haben es die Berliner Architekten Ralf Schüler und dessen Ehefrau Ursulina Schüler-Witte, die auch den „Bierpinsel“ in Steglitz schufen. Mila Hacke, heute 45 Jahre alt, hat die Architekten oft begleitet. Allein die Zahlen des ICC seien gigantisch, sagt sie: „800.000 Kubikmeter umbauter Raum“ auf einem Grundstück von nur 320 mal 85 Metern. Der Bau ragt mehrere Etagen in den Untergrund. Weil er umgeben ist von Autobahnen und Schienen, „stülpten“ die Architekten einen Dachbau darüber, um Vibrationen abzufangen. Im Innern entwarfen sie ein System von Ebenen, sich öffnenden und variablen Räumen, das es erlaubt, mehr als 20.000 Besucher in insgesamt 80 Sälen unter- und sie andererseits in öffentlichen Bereichen ins Gespräch zu bringen.

Um zu verstehen, was das Problem oder Missverständnis des ICC ist, lohnt sich, etwas tiefer durch die verschlossenen Glastüren zu schauen. Mila Hacke deutet auf den langen Infoschalter im Hintergrund, die Rolltreppen, den Granitfußboden.

Viele Elemente, sagt sie, sind dem Alltag entliehen. „Sie haben eine klare Funktion und sind zugleich künstlerisch gestaltet.“ Die roten und blauen Neonschleifen an der Decke etwa: „Sie stammen wie auch die zentrale Skulptur in der Mitte vom Berliner Bildhauer Frank Oehring.“ Er entwarf mit Architekten, technischen Fachleuten und auch einem Verhaltensforscher das Informations- und Leitsystem des ICC. „Dieses war in seiner Art bis dahin einzigartig.“

Man würde der Fotografin jetzt gern nach drinnen folgen, zu den ausgeklügelten Sälen und Bühnen, zum Dachgarten oder dem Restaurant „Pullmann“, mit dem die Architekten Schülers ihrer Liebe zum Orientexpress ein Denkmal setzten. Aber die Türen sind zu. So schauen wir auf die einst schimmernde Aluminiumfassade, die stumpf-grau ist wie der Regenhimmel. Alle Teile sind dreh- oder begehbar, um sie zu reinigen. Das hat aber offenbar schon lange niemand getan.

Bis heute nicht als Denkmal eingetragen

Die Konstruktion des ICC erinnert an eine Riesenmaschine, auch das macht eine Sanierung teuer. Die komplizierte Technik ist verschlissen, 2010 wurde Asbest festgestellt. Die Kosten hängen auch von der künftigen Nutzung ab.

Wohl auch deshalb ist das Gebäude, dessen Bedeutung als Beispiel der High-Tech-Architektur niemand bestreitet, bis heute nicht in die Denkmalliste eingetragen, wie Christine Edmaier, Präsidentin der Berliner Architektenkammer, beklagt: „Ein leerstehendes Gebäude in dieser Dimension ist unsinnig.“ Die Senatswirtschaftsverwaltung preist das ICC als „größtes Kongresszentrum Europas“ und sucht in einem fünf Millionen Euro teuren Interessenbekundungsverfahren nach Investoren. 13 Interessenten haben sich gemeldet, mehr „nach Ostern“, heißt es.

Mila Hacke, die auch Architektur studiert hat, ist nicht die einzige, die fordert, das ICC bald wieder zu öffnen. Darin könnten auch wieder Läden und Geschäften Platz finden – so wie einst.

„Früher gab es darin sogar eine Post. Das ICC war ein Ort für alle Berliner.“ Als solchen hätten es viele gern wieder, die hier Harry Belafonte, Bruce Springsteen und Boris Becker oder auch Helmut Kohl erlebten, die auf ADAC- und anderen Bällen tanzten.

Auch Reinhard Naumann (SPD), Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, gehört zu den Fans. Schon als Kind, erzählt der 58-Jährige, habe er sich mit seiner Oma über das ICC lustvoll gestritten. „Sie fand es schrecklich, ich fand die Architektur aufregend.“

Das ICC vom Netz zu nehmen, sei „absurd und politisch fahrlässig“. Die Wiederinbetriebnahme stehe ganz oben auf der Forderungsliste des Bezirksamtes und der Bezirksverordneten. „Auch der Markt gibt das her.“

Ein letzter Blick durch die verschlossene Glastüren. Die Bahnhofsuhren in der Kassenhalle ticken noch. Auch die blauen „Fallblattanzeigen“, auf denen das Programm angekündigt wurde, sind nicht ganz tot. Jemand hat darauf etwas fehlerhaft einen Gruß eingegeben, der eigentlich alles sagt über Berlin und die Sehnsucht nach seinem fast vergessenen Raumschiff: „Icx hab dir lib mein ICC.“