Neukölln

Mieter im Schillerkiez wehren sich gegen Verdrängung

Betroffene aus dem Schillerkiez berichten am Sonntag bei einem Kiezspaziergang über ihre Erfahrungen mit den Eigentümern.

Protest gegen Verdrängung vor dem „Syndikat“ im Schillerkiez.

Protest gegen Verdrängung vor dem „Syndikat“ im Schillerkiez.

Foto: Reto Klar

Berlin..  Im Neuköllner Schillerkiez schließen sich immer mehr Bewohner zusammen, um sich gegen steigende Mieten, Luxusmodernisierung und Kündigung ihrer Wohnungen zu wehren. Am Sonntag trafen sich mehr als 60 Betroffene und Sympathisanten zu einem Kiezspaziergang. Dabei berichteten die Mieter mehrerer Immobilien über den aktuellen Stand der Auseinandersetzung mit dem Eigentümer.

Ausgangspunkt war die Traditionskneipe „Syndikat“ an der Weisestraße 56. Das Betreiber-Team hatte zu Ende 2018 eine Kündigung bekommen. Zunächst bot die Hausverwaltung Verhandlungen über einen neuen Mietvertrag an, zog dieses Angebot jedoch später wieder zurück. Eigentümer ist die Pears Global Real Estate Group mit Sitz in London. Sie kaufte die Immobilie 2015.

Weil das Lokal immer noch geöffnet hat, reichte das Unternehmen Klage ein. „Wir warten darauf, dass uns irgendwann Post vom Gericht zugestellt wird, wegen eines Räumungsverfahrens“, sagte Syndikat-Mitarbeiter Christian, der seit zwölf Jahren zum Team des Lokals gehört. „Solange das noch nicht eingetroffen ist, machen wir weiter wie bisher.“ Man versuche, den abendlichen Betrieb aufrecht zu erhalten und sich mit anderen von Verdrängung betroffenen Mietern in der Stadt zu vernetzen.

Hausbewohner geben sich kämpferisch

Auch an der Weisestraße 8 hätten sich die Mieter zusammengeschlossen und zu einer Hausversammlung getroffen, berichtete eine Studentin aus einer Wohngemeinschaft im Gebäude. Die Wohnungen seien in Eigentum umgewandelt worden. Der Eigentümer des Hauses versuche, die Mieter zum Auszug zu bewegen.

An der Fontanestraße 16 wollten die Bewohner das Haus gemeinsam kaufen und verwalten. Das scheiterte. Die Immobilie bekam neue Eigentümer. Sie forderten eine höhere Miete, führten eine energetische Sanierung der Fenster durch und erhöhten die Miete erneut. Schäden in Wohnungen wie Wasserflecken und Schimmelbildung an den Wänden würden jedoch nicht behoben, hieß es in einem Brief der Mieter, der beim Kiezspaziergang am Sonntag verlesen wurde. Sie seien kämpferisch, so die Hausbewohner, müssten jedoch viel Zeit damit verbringen, um sich mit Gesetzen zu beschäftigen, rechtliche Auseinandersetzungen mit dem Vermieter zu führen und sich an das Bauaufsichtsamt im Bezirk zu wenden.

Schreiben zu Mieterhöhungen seien oft fehlerhaft

Eine Mieterin an der Lichtenrader Straße berichtete, dass sie vor wenigen Tagen die zweite Räumungsklage bekommen habe. Die erste hatte sie erfolgreich abgewehrt. Der Eigentümer der Wohnung, die eine junge Frau mit Ehemann und Kind bewohnt, habe Eigenbedarf angemeldet. „Wir sind mit Unterstützung des Mieterschutzbundes vor Gericht gegangen“, so die Mieterin. Der Richter habe den Eigenbedarf als nicht glaubwürdig eingeschätzt. „Nun geht es in die nächste Runde.“ Die Neuköllnerin sagte, sie empfehle allen Bewohnern im Kiez, die Schreiben zu Mieterhöhungen bekommen haben, diese genau zu prüfen. „Viele sind fehlerhaft.“

Der Schillerkiez ist ein angesagtes Viertel. Er liegt in der Nähe des Flugfelds Tempelhof, das sich zum größten Freizeitareal in Berlin entwickelt hat. Deshalb sind nahegelegene Immobilien für Investoren in zunehmendem Maß interessant geworden. Viele Bewohner im Schillerkiez bekamen im Sommer 2018 die Ankündigung, dass ihre Mietwohnungen in Eigentum umgewandelt werden sollen.

Immer mehr Häuser im Kiez würden von Großinvestoren übernommen, sagte Anwohner Chris (30), einer der Initiatoren des Kiezspaziergangs. Viele Mieter hätten Angst vor Verdrängung, darunter auch Menschen, die ein älteres Familienmitglied pflegen, und für die es schwierig sei, eine vergleichbare Wohnung zu finden.

Seitdem bekannt ist, dass das Szenelokal „Syndikat“ schließen soll, haben das Team der Szenekneipe und seine Unterstützer eine Vielfalt von Protestaktionen initiiert. Das Team unternahm auch Ende des vergangenen Jahres eine Reise nach London, zum Sitz der Pears Global Real Estate Group. Dort habe man ihnen geraten, sich andere Räumlichkeiten in Berlin zu suchen, so Syndikat-Mitarbeiter Christian.