Urban Gardening

In Neukölln gibt es bald Grünkohl vom Friedhof

Der Kreuzberger Gemeinschaftsgarten eröffnet eine Dependance auf einem alten Friedhof. Die Zukunft am Moritzplatz ist noch ungewiss.

Mitinitiator Robert Shaw freut sich auf die Saisoneröffnung des Gartens auf dem Neuen Friedhof St. Jacobi in Neukölln.

Mitinitiator Robert Shaw freut sich auf die Saisoneröffnung des Gartens auf dem Neuen Friedhof St. Jacobi in Neukölln.

Foto: Foto: Sergej Glanze / Berliner Morgenpost

Streng genommen benimmt sich der alte Herr ungehörig. Laut feuert er seine Hunde an, die kläffend antworten. Dabei handelt es sich bei der Allee seitlich der Hermannstraße, auf der er sein Stöckchen wirft, nicht um eine normale Grünanlage – auch wenn das Areal von Anwohnern längst so genutzt wird. Demnächst dürfte es auf dem Neuen Friedhof St. Jacobi noch lebendiger werden. Am Sonnabend eröffnet der Prinzessinnengarten an seiner neuen Dependance die Gartensaison. Im letzten Sommer wurden Hochbeete angelegt, den Winter über wurde bereits geerntet.

Grünkohlstrünke ragen aus einer der 60 Holzkisten, Feldsalat gedeiht in einer anderen. Geht das, Urban Gardening auf dem Friedhof? Ist Tomatenzucht zwischen Gedenksteinen pietätlos oder nur unbefangen? Nein, sagen Helmut und Marianne Stertze, die gerade die Gräber ihrer Lieben von Laub befreien: „Uns stört das nicht. Im Gegenteil, dann wird das hier wieder genutzt.“

Auch für den Evangelischen Friedhofsverband Berlin Stadtmitte ist der neue Prinzessinnengarten weniger Pro­blem als Lösung: Ein Drittel der 1092 Hektar, die Berlins 220 Begräbnisstätten belegen, wird laut der Senatsverwaltung nicht mehr gebraucht.

2017 wurden bei 12.124 Beisetzungen auf den 103 evangelischen Gräberfeldern nur noch 2203 Särge in die Erde gelassen. 82 Prozent der Toten wurden platzsparender in Urnen beigesetzt. Ohnehin sinkt die Sterberate. Weniger Einnahmen haben Folgen für die Friedhofspflege. Auf dem für Beerdigungen geschlossenen Neuen Friedhof St. Jacobi zeugt kaum ein Grab noch davon, dass hier Gärtner Hand anlegen.

Steine stehen schief, oft ist die dazugehörige Grabstätte nicht mehr erkennbar. Statt sorgsam kultivierter Erika oder Teppichbeere blühen wild Blausternchen und Schneeglocken. Im hinteren Drittel des Friedhofs soll eine Schule entstehen, über Wohnungen wird geredet. Auf dem Rest des Grundstücks liegen Grabstellen, für die die 30-jährige Ruhezeit und Pietätsfrist noch läuft.

Mit der Friedhofsverwaltung warb die Nomadisch Grün gGmbH als Betreiber der Prinzessinnengärten Fördermittel ein. Damit kümmert sie sich nun um eine Projektfläche von dreieinhalb Hektar im Mittelfeld des Friedhofsareals. Am Anfang stand allerdings an der Stelle von Aufbau eher Abriss: „Das Beseitigen alter Grabstellen“, sagt Robert Shaw, Geschäftsführer der Nomadisch Grün, „war schon etwas Seltsames.“

Zugleich habe die Arbeit aber ein Gefühl für den Ort vermittelt. Friedhofsbesucher hätten signalisiert, dass sie nicht unwillkommen seien. Anders als die Drogenkonsumenten, die zuvor in stillen Ecken hockten. Shaw: „Etwa 600 Spritzen haben wir entsorgt.“ Hochbeete und frisch gepflanzte Obstbäume stellen noch nicht das Ende dar. Wie auch im ersten Prinzessinnengarten am Moritzplatz in Kreuzberg soll es Bildungsarbeit für Schulen und Kitas geben.

Gefährdeter Goldhahnfuß auf dem Friedhof entdeckt

Eine ornithologische Kartierung, 2018 durchgeführt, soll durch eine botanische ergänzt werden. „Weil der Friedhof halb verwildert ist, sind Menge und Mischung verschiedener Pflanzen hier etwas Besonderes“, sagt Shaw. Den in Berlin gefährdeten Goldhahnenfuß hat er schon entdeckt. Wie in Kreuzberg will Nomadisch Grün Vermittler sein für alles, was Nachbarn und Interessierte an nachhaltigen, mit dem Friedhof vereinbarten Aktivitäten starten möchten. Ein Steinbildhauer will die alten Grabsteine bearbeiten, eine Initiative für Solidarische Landwirtschaft berät an Hügelbeeten Besucher. Auf einem Modellacker sollen alte Sorten an Feldfrüchte gedeihen. Zudem übernimmt Nomadisch Grün die Pflege des noch genutzten Friedhofsbereichs. Ein Café gleich am Eingang wird täglich außer dienstags geöffnet haben.

Noch ist daneben auch der Moritzplatz nicht ganz aufgegeben. Bis Ende 2019 betreibt Nomadisch Grün Berlins ältesten Prinzessinnengarten weiter. Was danach wird, dazu macht sich der Verein Prinzessinnengarten Kreuzberg/Common Grounds Gedanken. Für Vereinsvorstand Marco Clausen ist die Lösung klar. Langfristige Nutzungsrechte zumindest für einen Teil der 5800 Qua­dratmeter Gemeinschaftsgarten müssten den Bestand sichern, damit der Verein einen Neuaufbau nach dem Weggang von Nomadisch Grün tragen könne.

Beim Bezirk finden Clausen und seine Mitstreiter Unterstützung. Nun hoffen sie, dass sie mit dem Land in Verhandlungen über ein neues Konzept für das Gelände eintreten können. „Bisher war immer alles nur auf Aufruf. Wir möchten da Kontinuität reinbringen“, sagt Clausen. So könnte man sich vorstellen, den Boden so aufzubauen, dass nicht mehr in Kisten gegärtnert werden muss. Der Garten soll als Bildungsort gestärkt werden, soll Teil sozialer und ökologischer Stadtteilentwicklung sein.