Ernährung

Jetzt kommt das kostenlose Schulessen in Berlin

Rot-Rot-Grün will mit der kostenfreien Mittagsmahlzeit Familien entlasten. Für viele Schulen wird das ziemlich schwierig.

Schüler an der Ausgabe einer Schulmensa.

Schüler an der Ausgabe einer Schulmensa.

Foto: Foto: istock

Die Meinungen über das, was das Berliner Abgeordnetenhaus am Donnerstag beschlossen hat, gingen noch weiter auseinander, als es sonst zwischen Regierungsfraktionen und Opposition üblich ist. „Berlin macht Geschichte“, lobte die Bildungsexpertin der Linken, Regina Kittler, das rot-rot-grüne Gesetz, das allen Schülern der Klassenstufen eins bis sechs ab dem kommenden Schuljahr ein kostenfreies Mittagessen garantieren soll. Hildegard Bentele von der CDU sprach hingegen von einem „Stimmenkauf“, am Ende werde die Qualität der Verpflegung leiden.

Einig waren sich die Politiker in der Parlamentsdebatte, dass das Gesetz in der Praxis nicht einfach umzusetzen sein wird. Die Koalitionsfraktionen haben deshalb parallel dazu ein „Qualitätspaket Schulessen“ beschlossen. Es sieht Investitionen in den Bezirken für Mensen, Abwaschmöglichkeiten oder Frischetheken vor. Fünf Millionen Euro sollen die Bezirke als Schulträger bekommen.

Die Essenszeit ist im Schulalltag einzuplanen

In den Schulen machen sich die Verantwortlichen Sorgen. „Es bedeutet einen immensen Aufwand an Organisation in kürzester Zeit“, sagte Erhard Parduhn, Leiter der Grundschule am Birkenhain in Spandau. Mehr als 400 Kinder werden dort unterrichtet, etwa 140 nehmen derzeit am Schulessen teil. Er rechne damit, dass es ab Sommer erheblich mehr sein werden, so der Schulleiter. „Wir fragen das gerade ab.“ Die Essenszeit sei im Schulalltag einzuplanen. In der zweiten großen Pause oder danach, in der fünften, sechsten und siebten Stunde, „müssen wir Durchläufe schaffen, damit die einzelnen Klassen in die Speiseräume kommen“.

Der gesamte Stundenplan werde sich danach richten. „Wir brauchen unter Umständen andere Pausenzeiten“, so der Schulleiter. „Wir tagen zurzeit wöchentlich und überlegen uns, wie wir das machen.“ Bislang gab es einen Speiseraum, künftig werden es drei sein. „Die müssen erst einmal ausgestattet werden.“

Woher kommen Tische, Stühle, Geschirr und Besteck

Es fehle noch die Zuarbeit des Schulträgers. „Er muss uns mit Tischen, Stühlen, Geschirr und Besteck versorgen.“ Für kommenden Freitag ist ein Gespräch mit dem Caterer der Schule, vereinbart. „Wenn nicht nur 140 Kinder täglich essen, sondern vielleicht 400, dann brauchen wir mehrere Ausgabestellen. Eine reicht nicht mehr aus.“ Auch Wagen, auf denen das Essen steht, kommen in Frage. Kinder sollten nicht durchgeschleust werden, so Schulleiter Parduhn „sondern in Ruhe Mittag essen“.

Schule kauft neue Möbel

In der Otfried-Preußler-Grundschule in Reinickendorf nehmen bereits fast 400 der 560 KInder am Schulessen teil. Schulleiterin Dorothea Ferrari rechnet damit, dass es noch mehr werden. „Wir haben jetzt erst einmal neue Möbel gekauft, zusätzliches Geschirr und Besteck für 100 weitere Kinder“, sagte sie. Man müsse mit dem Caterer ins Gespräch kommen. Probleme könne es wegen der Zeit zwischen der Zubereitung und der Ausgabe des Essens geben. Sie dürfe drei Stunden nicht überschreiten. „Bisher dürfen sich die Kinder das, was ihnen schmeckt, auftun lassen, und gehen damit zu einem Tisch. Das dauert zu lange.“

Als größtes Problem sieht die Schulleiterin, dass möglicherweise Pausen verlängert werden müssten. Das wirkt sich auf die Aufsichtszeiten aus. Bislang hat ein Lehrer mit Vollzeitstelle vier Stunden Aufsicht in der Woche. „Kann sein, dass das nicht mehr reicht.“ Man werde auf jeden Fall Verträge mit den Eltern der Schüler abschließen, kündigt Dorothea Ferrari an, auch wenn das Essen umsonst sei, „um eine gewisse Verbindlichkeit herzustellen und um planen zu können.“ Es sei schade, dass so wenig Unterstützung von der Senatsverwaltung für Bildung komme, so Ferrari.

Viele Lehrer und Erzieher an der Askanier-Grundschule in Spandau sind unzufrieden und verärgert. Das kostenlose Mittagessen sei „ein Thema, das uns beschäftigt und belastet“, sagte Konrektorin Elisa Klingebiel. Es gebe keinen Vorlauf, um die Anschaffungen zu planen und zu bestellen. „Aber im Sommer muss alles da sein.“ Jetzt essen etwa 150 der 400 Kinder in der Schulmensa. Doch fast alle Eltern haben Interesse signalisiert, dass ihr Kind am kostenlosen Mittag teilnimmt.

Die Köchin eines externen Träger bereitet in der Küche der Askanier-Grundschule das Essen zu. „Sie braucht künftig Unterstützung“, sagt Konrektorin Klingebiel. Lehrer und Erzieher der Schule wollen auf einem Studientag im Mai damit beschäftigen, wie sie das Problem stemmen können. Konrektorin Klingebiel: „Wir hoffen, dass wir am Ende des Tages ein Konzept haben.“

SPD-Bildungsexpertin Maja Lasic sagte im Parlament, es gehe bei dem kostenlosen Schulessen nicht nur um Bildungspolitik: „Wir wollen angesichts der steigenden Mieten Familien in Berlin entlasten.“ Die Kosten für die Schule beliefen sich für eine Familie mit zwei Grundschulkindern auf bis zu 3000 Euro im Jahr, rechnete Lasic vor.

Die AfD kritisierte, bei einem Gratis-Essen werde mehr Essen weggeworfen. „Was nichts kostet, ist nichts wert“, gab der Abgeordnete Stefan Frank Kerker zu Bedenken. Dem widersprach die Grüne Stefanie Remlinger. Gerade in der Bildungspolitik mit ihren kostenfreien Schulen und Universitäten könne man das nicht sagen.