Ausstellung

Ferdinand Sauerbruch: Das ambivalente Genie

In einer Ausstellung widmet sich die Charité einem ihrer bedeutendsten Chirurgen und seinem Verhältnis zum NS-Regime.

Ulrich Noethen (l.) spielt in der zweiten Staffel der Charité-Serie   Prof. Sauerbruch. Zusammen mit Martin Gruber (Jacob Matschenz) kümmert er sich um den schwerverletzten Otto Marquardt (Jannik Schümann, M.)

Ulrich Noethen (l.) spielt in der zweiten Staffel der Charité-Serie Prof. Sauerbruch. Zusammen mit Martin Gruber (Jacob Matschenz) kümmert er sich um den schwerverletzten Otto Marquardt (Jannik Schümann, M.)

Foto: ARD-Foto / ARD/Julie Vrabelova

Berlin.  „Sieger über den Tod“, „Meister des Skalpells“, „König der Chirurgen“ steht in großen Lettern an einer Wand im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité (BMM). Es sind Zeitungsschlagzeilen vom 2. Juli 1951, dem Todestag Ferdinand Sauerbruchs. Sie bilden den Anfang der Ausstellung „Auf Messers Schneide“ die sich dem Leben und Wirken sowie dem Mythos um den weltbekannten Arzt widmet. Sie ist ab dem heutigen Freitag erstmals für Besucher zugänglich.

Einen konkreten Jahrestag als Anlass für die Ausstellung gebe es nicht, wie Museumsdirektor Thomas Schnalke sagt. Sauerbruch wurde 1875 geboren, 1927 an die Charité berufen. Anlass sei vielmehr die soeben abgelaufene zweite Staffel der ARD-Serie „Charité“, die sich der Berliner Universitätsklinik während der Jahre 1943 bis 1945 widmet und Sauerbruch (gespielt von Ulrich Noethen) als Leiter der chirurgischen Klinik in den Fokus stellt.

Die Ausstellung verstehe sich als Ergänzung zur Serie, die Sauerbruch nur ansatzweise darstellen könne, so Schnalke weiter. „Wir haben diese Figur aufgegriffen um ‘den ganzen Sauerbruch’ vorzustellen – quasi von der Wiege bis zur Bahre.“ Anhand von 285 Exponaten wird das Leben und Wirken des Mediziners nachvollzogen, der 1875 im Wuppertaler Vorort Barmen in kleinbürgerlichen Verhältnissen in einer Schumacherfamilie zur Welt kam und später zu einem der bedeutendsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts wurde.

Die Schau zeichnet Sauerbruchs Lebensweg anhand seiner Stationen in Breslau, Zürich, München und schließlich Berlin nach. „Wie wurde er zu einem Mythos, wie zu einem Halbgott in Weiß und was hat das für uns heute für eine Bedeutung“, nennt Schnalke die zentralen Fragen der Ausstellung.

Ausstellung würdigt Sauerbruch als genialen Mediziner

Die Schau versucht dabei einen Spagat. Auf der einen Seite will sie die Leistungen eines zweifelsfrei genialen Arztes und Wissenschaftlers würdigen, der die Chirurgie maßgeblich revolutioniert hat. Ein Höhepunkt ist dabei ein maßstabsgetreuer Nachbau der von Sauerbruch 1904 in Breslau entwickelten Unterdruckkammer. Durch sie waren erstmals Operationen des Brustkorbs und insbesondere der Lunge möglich – ohne dass diese zusammenfiel und der Patient erstickte. Im Operationssaal galt er als Koryphäe und konstruierte als Erster bewegliche Prothesenarme, die in der Ausstellung in ihrer Funktionsweise detailliert erläutert werden.

Die Schau würdigt aber nicht nur den Arzt und Wissenschaftler, sondern zeigt in Teilen auch den Privatmann Sauerbruch, der von einigen Zeitgenossen als narzisstisch, impulsiv, autoritär und geltungssüchtig beschrieben wurde. Die meisten Fragen wirft aber der poltisch-öffentliche Sauerbruch auf. Hier zeige sich die ganze Ambivalenz dieses Mannes, sagt der Charité-Vorstandsvorsitzende Karl-Max Einhäupl. „Ich glaube, dass Sauerbruch ein wunderbares Beispiel dafür ist, wie man in einer solchen Entscheidungssituation in seiner eigenen Ambivalenz mal auf die eine und mal auf die andere Seite kippen kann.“

Sauerbruch schwieg zu den NS-Verbrechen

Insbesondere zwischen 1933 und 1945 zeichnet sich Ferdinand Sauerbruch als Persönlichkeit voller Widersprüche aus. Auf der einen Seite unterhielt er enge Kontakte zur nationalsozialistischen Elite, bekannte sich früh zu Adolf Hitler, wurde 1934 zum Staatsrat ernannt, erhielt 1937 den Nationalpreis für Wissenschaft und arbeitete als Generalarzt der Wehrmacht. Sauerbruch, der zeitlebens national-völkischen Überzeugungen nahestand, wurde aber nie Mitglied der NSDAP. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er seine Stellung an der Charité bis kurz vor seinem Tod behalten.

Auch als Antisemit gilt er heute nicht. So hatte er etwa engen Kontakt zu seinem Nachbarn, dem Maler Max Liebermann. Seinem jüdischen Stellvertreter Rudolf Nissen verhalf er zur Flucht. Als aber an der Charité jüdische Mitarbeiter entlassen wurden, stellte sich Sauerbruch nicht dagegen.

In seiner Funktion als medizinischer Fachgutachter im Reichsforschungsrat gingen Anträge über seinen Schreibtisch, die klar Bezug auf Menschenversuche in den Konzentrationslagern nahmen. Sauerbruch, der zwar klar Stellung gegen Euthanasie bezog, schwieg. „Er kannte diese Experimente im Detail vielleicht nicht, hat sich aber auch nicht darum gekümmert, sie zu kennen“, sagt Charité-Chef Einhäupl. Unklar ist bis heute, ob Sauerbruch diese Versuche vielleicht gutgeheißen hat oder schlicht ein Opportunist war, der Stellung und Rang behalten wollte. Eine Frage, die die Ausstellung nicht beantworten kann.

„Wir müssen versuchen deutlich zu machen, wie schnell es geht, dass man vor dem Hintergrund eines ärztlichen Eides in eine Situation kommen kann, in der man sich entscheiden muss, auf welcher Seite man steht“, begründet Einhäupl die Wichtigkeit der Ausstellung. Sie sei ein Statement und ein Beitrag der Charité, ihre Verflechtungen mit dem NS-Regime offenzulegen und aufzuarbeiten.

Die Schau ist noch bis zum 2. Februar 2020 im Medizinhistorischen Museum, Charitéplatz 1, zu sehen. Dienstags, donnerstags, freitags und sonntags von 10-17 Uhr, mittwochs und sonnabends von 10-19 Uhr.