Frank Steffel

„Das ist die Höchststrafe wegen ein paar Anführungszeichen“

Im Februar hat die Freie Universität Berlin Steffel den Doktortitel aberkannt. Jetzt spricht er zum ersten Mal über die Vorwürfe.

Bundestagsabgeordneter Frank Steffel

Bundestagsabgeordneter Frank Steffel

Foto: Reto Klar

Die Freie Universität Berlin hat Frank Steffel (CDU) die Doktorwürde wegen Plagiats aberkannt. Jetzt spricht er zum ersten Mal darüber.

Herr Steffel, was bedeutet Ihnen dieser Doktortitel?

Ich habe nie Wert darauf gelegt, dass mich jemand mit Herr Doktor anredet. Aber es gibt zwei vergleichbar bewegende Ereignisse in meinem Leben. Mein erster Marathon und der Tag meiner Disputation. Ich habe mich zehn Jahre lang neben meinem Beruf durchgebissen. Dann stand ich mit dem Doktorhut vor der Uni und dachte – mit Tränen in den Augen: Du hast es geschafft.

Fast 20 Jahre später kommt jemand darauf, Ihre Arbeit zu untersuchen und findet Plagiate auf 15 Seiten.

Die 327 Seiten meiner Arbeit wurden wohl mehr als zehn Mal überprüft. Ich habe mehrfach gehört, dass dafür Geld gezahlt wurde.

Von wem denn?

Heidingsfelder (Martin Heidingsfelder ist Plagiatssucher/Anm. d. Red.), der das angestoßen hat, bestätigt, dass er Politiker „abräumen“ will und Geld dafür nimmt. Von wem er den Auftrag hat, will er nicht sagen. Aber die Motive sind nicht maßgeblich. Durch Guttenberg und das Internet haben sich die Maßstäbe völlig verändert. Weil man plötzlich Dinge kritisch betrachtet, die vorher keine Rolle gespielt haben. Ich habe mit Karteikasten und Schreibmaschine geschrieben und die FU hat mir bestätigt, dass zu jedem überprüften Zitat in meiner Arbeit eine Quelle angegeben ist. Mein Doktorvater hat mehrfach bestätigt, dass er nicht getäuscht wurde, da er die zitierten Texte kannte, die Übernahmen erkannte und die Zitierweise für völlig ausreichend erachtet.

Der Fachbereich distanziert sich von der Aussage Ihres Doktorvaters, die Zitiergewohnheiten seien heute andere. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, der Jurist Gerhard Dannemann, der für VroniPlag arbeitet, alle sagen: Die Regeln für wissenschaftliches Arbeiten sind die gleichen.

Das bestreitet niemand. Aber die Bedeutung von Anführungszeichen wird heute teilweise anders bewertet.

Was war das für ein Gefühl, als der Verdacht erhoben wurde?

Ein Gefühl der Ohnmacht. Ich habe das erste Mal in meinem Leben gespürt, wie es ist, von der ersten Sekunde an keine Chance zu bekommen. Eine bittere Lebenserfahrung. Jeder Mörder hat das Recht persönlich angehört zu werden.

Ihre Stellungnahme wurde berücksichtigt.

Obwohl ich mehrfach schriftlich darum gebeten habe, dass mir die​ vier Herren in dem Gremium wenigstens einmal in die Augen schauen, wurde dies verwehrt. Das Rechtsgutachten des renommierten FU-Rechtswissenschaftlers Peter Raue kommt zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die Vorwürfe unbegründet sind und das Verfahren einzustellen ist. Auch dieses Gutachten entkräftet den Vorwurf der Täuschung eindeutig. Für einige Anführungszeichen die Höchststrafe zu verhängen, das ist nicht verhältnismäßig.

Auf anderen Seiten haben Sie ganze Absätze wörtlich übernommen und nur einmal „Vergleiche“ darunter geschrieben.

Das sind nur ganz wenige im theoretischen Teil der Arbeit. Mein Gutachter ist unverändert der Auffassung, dass meine Zitiertechnik den Anforderungen entsprach und damals üblich war. Das war für mich maßgeblich und danach habe ich mich gerichtet.

Die FU schreibt, Sie haben nicht kenntlich gemacht, in welchem Umfang Sie zitiert haben.

Die FU bestätigt mir, dass ich durch 451 Fußnoten meine Übernahmen mit einer Referenz belegt habe.

Sie werden klagen?

Ja. Obwohl ich respektiere, dass die Freiheit von Wissenschaft und Lehre in Deutschland ein hohes Gut ist. Trotzdem habe ich die Hoffnung, dass ich am Ende Gerechtigkeit erfahre – und zumindest einmal angehört werde.