Frauenbewegung

Begine: Wo sich der Feminismus in der Mauerstadt neu erfand

Männer haben hier keinen Zutritt: Ein Besuch in Berlins ältestem Frauentreffpunkt an der Potsdamer Straße.

Barbara Hoyer (l.) und Manu Giese in der Begine, dem Treffpunkt und Kultur für Frauen an der Potsdamer in Schöneberg.

Barbara Hoyer (l.) und Manu Giese in der Begine, dem Treffpunkt und Kultur für Frauen an der Potsdamer in Schöneberg.

Foto: Foto: Maurizio GambarinI

So viel öffentliche Aufmerksamkeit hat das älteste Frauencafé Berlins lange nicht erfahren. 100 Jahre ist es her, dass die deutschen Frauen das Wahlrecht erkämpften. Passend dazu ist der Frauentag in der Hauptstadt 2019 erstmals gesetzlicher Feiertag.

Und plötzlich erinnern sie sich alle an die Begine, Zentrum für Frauen und Frauenkultur an der Potsdamer Straße, das 1986 in einem ehemals besetzten Haus eröffnet hatte. Der Rundfunk war schon da, nun auch noch die Presse.

Besetzerinnen sanierten das Haus

„Das ist doch gut so“, sagt Barbara Hoyer, als Projektmanagerin für Kultur und Veranstaltungen im Haus zuständig. Denn um die und in der Begine ist es ruhig geworden. Fast ein bisschen zu ruhig, geht es nach Barbara Hoyer und Manu Giese.

Letztere ist die einzige, die noch aus dem Gründungskreis übrig ist. Dreieinhalb Jahre lang hatte die heute 59-Jährige Anfang der 1980er-Jahre mit den anderen Besetzerinnen und Unterstützerinnen die „Neue Heimat“-Ruine entkernt.

Kein Zutritt für Männer

In mühsamer Kleinarbeit kratzten sie den Schwamm aus Mauerfugen, legten Kabelkanäle, möbelten die Gastronomie im Erdgeschoss zur zeitgemäßen Cafékneipe auf, tapezierten und malerten. „Nur die Fassade außen streichen, das durften wir nicht. Weil es Frauen damals gesetzlich verboten war, aufs Gerüst zu klettern“, sagt Giese und lacht.

Als der „Verein zur Entwicklung neuer Lebensqualität für Frauen“ dann die Begine eröffnete, erlebten Feminismus und Frauenbewegung gerade eine Hochphase. An der Potsdamer Straße traf man sich im geschützten Raum, hier hatten und haben Männer keinen Zutritt.

Veranstaltungen locken buntes Publikum

Es wurde gefeiert und getanzt, diskutiert und politisiert, manchmal kamen Prostituierte vom damaligen Straßenstrich auf „der Potse“ in die Kneipe, suchten Schutz vor Freiern und Zuhältern. In den Wohnungen in den Obergeschossen konnten es sich Frauen nach ihren Lebensvorstellungen einrichten. Eine betreute Mädchen-WG existiert bis heute.

Doch mit der Gründerinnengeneration ist auch die Begine in die Jahre gekommen. „Wir sind heute ein Treffpunkt für Rentnerinnen“, sagt Barbara Hoyer und meint das nur teilweise ironisch.

Zwar ist die Veranstaltungskultur im Haus weiter ein Zugpferd, auch für Jüngere. Konzerte und Kabarett locken ein buntes Publikum an. Das „Begine Kneipen Quiz“ ist als anspruchsvolle Gaudi bekannt und beliebt, die „Lesbische Auslese“, ein literarisches Quartett, ist legendär.

Frauenbewegung im Wandel

Hoyer: „Von der Millionärin bis zur Hartz IV-Empfängerin, zu uns kommen alle.“ Der kämpferische Funke von damals aber, die Lust, sich an den Ort zu binden und Geschlechtergleichberechtigung zum Lebensprojekt zu machen, scheint aus Sicht der Begine-Frauen eingeschlafen zu sein.

„Es gibt keine Frauenbewegung mehr“, konstatiert Barbara Hoyer. „Na ja, es gibt eine andere“, sagt Manu Giese. Eine, der sich viele der 80er-Jahre-Feministinnen nicht zugehörig fühlen.

Uneinigkeit mit der Queer-Bewegung

Feministische Blogs, Gender-Mainstreaming und die neuen Anstöße, die Transidentität und queere Selbstbestimmung in den öffentlichen Diskurs brachten: Es sieht so aus, als seien die Feministinnen von einst von der Geschichte überholt worden.

Vielen jungen Frauen gerade aus der Queer-Bewegung ist die Begine mit ihren zu 80 Prozent lesbischen Stammgästen zu dogmatisch, zu sehr auf reine Frauenthemen fokussiert. Sie hadern etwa mit der strikten Türpolitik, etwa wenn ehemalige Besucherinnen nach einer Transition zum Mann nicht mehr eingelassen werden.

Team hofft auf neues feministisches Feuer

Umso mehr freuen sich Hoyer und Giese, wenn die junge Generation ins Frauenzentrum an der Potsdamer Straße findet. Globale Initiativen wie die „One Billion Rising“-Demonstrationen oder die #MeToo-Debatte hätte manches neu ins Rollen gebracht, sagt Barbara Hoyer: „Wenn ich die jungen Frauen hier sehe, geht mir das Herz auf.“

Noch größer wäre ihr Glück, könnte davon auch das Organisationsteam des Hauses profitieren. Denn manchmal sorgt sich die 63-Jährige um die Nachfolge, wenn sie ihr Engagement einmal wird zurückfahren müssen.

Renaissance der Beginen

Dass es auch unter veränderten Vorzeichen weitergehen kann, zeigen die Namensgeberinnen des Frauentreffs: 2013 ist in Belgien das letzte Mitglied einer christlichen Beginengemeinschaft nach mittelalterlichem Vorbild im Alter von 92 Jahren gestorben.

In Berlin dagegen entstanden seit 2008 unter dem Dach des Beginenwerks drei weltliche Frauenwohnhäuser neu.

Alle Themen zum Frauentag in Berlin lesen Sie hier.