Frauentag 2019

Gender-Medizin: Der Wissenschaft fehlt das weibliche Element

Die Forschung ist männlich geprägt – zum Nachteil von Frauen. Eine Berliner Wissenschaftlerin will das endlich ändern.

Frauentagsserie Gender Medizinerin Vera Regitz-Zagrosek am 25.02.2019 in Berlin

Frauentagsserie Gender Medizinerin Vera Regitz-Zagrosek am 25.02.2019 in Berlin

Foto: Maurizio GambarinI

Berlin. Erzählt eine Frau ihrer Freundin: „Mein Mann ringt mit dem Tod – er hat Schnupfen.“ Und: „Er ist multitaskingfähig: Er kann husten und jammern.“

Der Männerschnupfen gehört zu den häufig geführten Scharmützeln im nicht ganz ernst geführten Geschlechterkampf. Demnach wird der starke Kerl zum Jammerlappen, wenn Erkältungsviren seine Nase befallen haben. Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass Männer aufgrund ihres andersartigen Hormonhaushaltes tatsächlich anfälliger für Infektionskrankheiten sind. Eine britische Studie ergab, dass Männer bei Atemwegsinfekten häufiger Komplikationen erleiden als Frauen. Das männliche Geschlecht könnte also tatsächlich mehr leiden als Frauen.

Ob Klischee oder Realität: Männer und Frauen ticken körperlich (und psychisch) anders. Das hat Folgen auch für die Medizin. Doch tatsächlich ist der Umgang mit Kranken bis heute von männlicher Dominanz geprägt. Behandlungen gehen von der männlichen Physiologie aus und ignorieren die Andersartigkeit des weiblichen Körpers. So kann die für einen Mann segensreiche Therapie einer Frau sogar schaden.

Versuchstiere und Probanden sind meist männlich

Schon die Forschung ist männerlastig: Versuchstiere in der Prüfung neuer Wirkstoffe sind meist männlich, die Probanden in klinischen Studien sind es auch. Frauen kommen selten darin vor, trotz der hormonellen Unterschiede – und der genetischen durch die beiden X-Chromosomen der Frau einerseits und die X- und Y-Chromosomen des Mannes andererseits. Diese unterschiedliche Chromosomen-Ausstattung führt beispielsweise dazu, dass Männer rund zehnmal häufiger von einer Rot-Grün-Blindheit betroffen sind als Frauen.

Die Unterschiede der Genetik und des Hormonhaushalts gepaart mit einer Forschung, die auf den Mann fokussiert, haben bedenkliche Folgen. Dies führt zu neuen Medikamenten, die bei Männern gut wirken, über deren Effekte bei Frauen aber wenig bekannt ist. Eine erstaunliche Tatsache im 21. Jahrhundert und angesichts der vielfältigen Versuche, eine gesellschaftliche und politische Parität der Geschlechter zu erreichen.

Gender-Medizin ist nur an der Charité Studien-Pflichtfach

Seit einigen Jahren widmet sich die „Gender-Medizin“ der Geschlechterunterschiede. 2003 hat an der Berliner Charité die Professorin Vera Regitz-Zagrosek das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) gegründet. Die Medizinerin war auch Gründungspräsidentin einer deutschen und einer internationalen Fachgesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin (DgesGM und IGM).

Noch ist die Berliner Charité die einzige der 40 medizinischen Fakultäten in Deutschland mit einer Professur für diese Disziplin. Und nur hier sind Vorlesungen mit dieser Thematik Pflichtfach für die angehenden Ärzte.

Eigentlich kenne man die Unterschiede schon seit 100 Jahren, sagt Regitz-Zagrosek. Naheliegend ist die Wirkung der Sexualhormone. Östrogene einerseits und Androgene andererseits beeinflussen nicht nur die Fortpflanzungsorgane, sie wirken auch anderswo im Körper. Grundlegend auch die genetischen Unterschiede. „Sie wirken sich auf den Stoffwechsel aus, auf die Muskel- und Fettverteilung, auf die Leber- und Herzfunktion“, sagt Regitz-Zagrosek.

Herzinfarktrisiko steigt mit der Menopause

Die Unterschiede sorgen etwa dafür, dass Knochenschwund, Autoimmun-Erkrankungen und Rheuma häufiger Frauen treffen. Bis zum Alter von 60 Jahren erleiden Männer häufiger einen Herzinfarkt als Frauen. Dann kehrt es sich um, weil der Spiegel des schützenden Hormons Östrogen bei Frauen nach der Menopause sinkt. Die Organe von Männern und Frauen nehmen unterschiedlich schnell Medikamente auf, Leber und Nieren bauen sie unterschiedlich rasch ab, Stoffwechselendprodukte und Gifte werden anders ausgeschieden. Wir reagieren unterschiedlich auf Einflüsse aus der Umwelt und den Lebensstil – etwa auf Ernährungsgewohnheiten, psychische und soziale Einflüsse oder Schadstoffe. So sind etwa Alkohol und Tabak für Frauen noch schädlicher als für Männer.

Vermutlich haben gerade die Unterschiede dazu beigetragen, dass Frauen in der Forschung außen vor blieben: Das monatliche Auf und Ab der der Hormonspiegel und die Möglichkeit einer Schwangerschaft machen klinische Studien komplizierter.

Aber es ist unverantwortlich, dass die Medizin bis heute auf einem Auge blind geblieben ist. Unter anderem die Herz-Kreislaufforschung, das Spezialgebiet der Internistin und Kardiologin Regitz-Zagrosek. Mängel hat etwa die Arzneimittelforschung, sagt sie. „Dass Frauen und Männer gleichermaßen in Wirkstoffstudien einbezogen werden, ist die Forderung. Aber diesem Grundsatz wird nicht gefolgt.“

Wirkstoffe, die bei Frauen gut wirken, findet man nicht

Substanzen, die bei Frauen gut wirksam wären, finde man so erst gar nicht. Und eine aktuelle Untersuchung, die die Forscherin demnächst in einem Fachmagazin publiziert, belegt, „dass nur in 15 Prozent der Arzneimittel-Zulassungsstudien die Nebenwirkungen geschlechtsspezifisch erhoben wurden“.

Ein Extrembeispiel bot ein Medikament für Patienten mit Herzschwäche, das bis Ende der 90er-Jahre häufig verschrieben worden war. Eine Langzeitanalyse ergab 1997, dass es den Gesundheitszustand der Patienten und Patientinnen verlängert. „Doch im Nachhinein hat sich gezeigt, dass es für Männer günstig ist – und für Frauen schädlich“, berichtet Regitz-Zagrosek. 2002 hatten Forscherinnen die Daten noch einmal nach Geschlechtern getrennt analysiert. Das Ergebnis: Zwar half der Wirkstoff Männern, aber Frauen, die es nahmen, starben im Durchschnitt sogar früher an Herzkrankheiten als wenn sie es nicht genommen hätten. Möglicherweise war die Dosis das Problem.

Die richtige Therapie kommt spät oder bleibt aus

Generell werden durch den einseitigen Blick auf den männlichen Organismus falsche Schlüsse gezogen. Noch einmal ein Beispiel aus der Kardiologie: „Frauen bekommen ihre Herzinfarkte zumeist erst im höheren Alter, und die Symptome unterscheiden sich von denen der Männer“, sagt Regitz-Zagrosek. Das hätten Kardiologen lange ignoriert, und auch die Frauen selbst sind oft schlechter informiert. Die Folge: Sie wenden sich bei einem akuten Herzinfarkt später an den Notarzt, und ihre Symptome werden dann nicht immer richtig gedeutet. Bisweilen hält man ihre Schmerzen für die Folgen eines Brust- oder Magenproblems. Die richtige Therapie, der rettende Herzkatheter, bleibt dann aus oder kommt spät. Zudem werden die wichtigen Blutgerinnungshemmer häufig überdosiert. Nach der Erweiterung (Dilatation) von Herzkranzgefäßen kommt es so häufiger zu Blutungen.

Genetische, hormonelle und soziale Faktoren mischen sich

Doch die Gender-Medizin ist komplex, weil es auch die Seite der geschlechtsspezifischen Rollenmuster gibt. Dass Frauen im Durchschnitt fünf Jahre länger leben als Männer, führen Wissenschaftler überwiegend auf psychologische und soziale Prägung, auf den Lebensstil und Umweltfaktoren zurück. Das Klischee vom harten Kerl führt etwa dazu, dass Männer mehr Fleisch essen. Sie kümmern sich weniger um das Wohl ihres Körpers, gehen seltener zum Arzt und zu Vorsorgeuntersuchungen und bekommen deshalb häufiger Diabetes und Darmkrebs und nehmen ihre Depressionen nicht wahr.

Männer, insbesondere junge, sind aggressiver und risikofreudiger als Frauen. Sie geraten häufiger in körperliche Konflikte, fahren schneller Auto und kommen häufiger durch Unfälle ums Leben. Eine These besagt: Das macht das Testosteron im Blut. Aber zum Teil ist es auch die Erwartung, dass ein Mann ein Draufgänger zu sein hat. Diese Erwartung kann aber eine Bürde sein. Vielleicht auch deswegen liegt die Suizidrate bei Männern höher als bei Frauen.

Wer von einer Kardiologin behandelt wird, überlebt eher

Wie weitreichend die medizinischen Unterschiede sind, zeigen schlaglichtartig folgende Fakten: Frauen gehen nach vergleichbar schweren Herzinfarkten seltener in Reha-Maßnahmen als Männer – und sie werden auch seltener von Ärzten dazu aufgefordert. Noch erstaunlicher und erschreckend: Das Risiko, nach einem Herzinfarkt zu sterben, ist größer, wenn der Patient von einem männlichen Arzt behandelt wurde. Das ergab eine Studie mit den Daten von gut 580.000 Patienten und Patientinnen, die zwischen 1991 und 2010 in Notfallambulanzen in Florida behandelt wurden.

Sind Frauen die besseren Kardiologen? Am schlechtesten kamen Frauen weg, die von einem Mann behandelt wurden, von ihnen starben 13,3 Prozent. Die besten Überlebenschancen hatten Männer, deren Schicksal in den Händen einer Frau lag (11,8 Prozent). Etwas erfolgreicher waren übrigens männliche Herzspezialisten, wenn in ihren Teams viele Frauen arbeiteten. Offenbar sind sich die weiblichen Mediziner der Geschlechterbesonderheiten stärker bewusst.

Mehr Forschung mit Frauen würde auch Männern nützen

Da ist es nur logisch, wenn Vera Regitz-Zagrosek fordert, dass die Gender-Medizin schon in der Ausbildung der Ärzte Pflicht sein sollte und „sich auch der niedergelassene Arzt besser informieren sollte beispielsweise über die besonderen Risikofaktoren von Frauen.“ In der Prävention und im Zusammenhang mit Reha-Maßnahmen sollten die Ärzte ihre Patientinnen und Patienten auch unterschiedlich ansprechen und beraten, um sie besser für die Unterschiede zu sensibilisieren.

Genetik, Hormone, Rollenverhalten – der vermeintlich kleine Unterschied ist also doch recht groß. Die weibliche Seite mehr zu berücksichtigen, würde nicht nur Frauen nützen. Denn je mehr über die weibliche Physiologie bekannt ist, etwa über Schutzfaktoren, desto besser lassen sich daraus neue Therapien ableiten. Davon profitieren dann auch die Männer, denen solche Schutzmechanismen fehlen.

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