Feiertag

Iris Spranger ist die Mutter des Frauentages

Die SPD-Politikerin Iris Spranger hatte die Idee für den Feiertag und setzte sie mit Hilfe einer Petition auch durch.

Aus ihrer Idee wurde das wohl schnellste Gesetz in Berlin:  Iris Spranger (SPD) im Berliner Abgeordnetenhaus.

Aus ihrer Idee wurde das wohl schnellste Gesetz in Berlin: Iris Spranger (SPD) im Berliner Abgeordnetenhaus.

Foto: Foto: Reto Klar

Berlin.  Der Frauentag als gesetzlicher Feiertag wurde an der der Leipziger Straße geboren. Die Debatte, dass die Bayern viel mehr frei hätten als die Berliner und dass die Politik doch für einen Ausgleich sorgen solle, hatte gerade Fahrt aufgenommen. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte gesagt, Berlin brauche einen zusätzlichen Feiertag.

Iris Spranger war am Morgen des 5. Juni 2018 zu einer Sitzung des Koalitionsausschusses im Roten Rathaus unterwegs. Die stellvertretende SPD-Landesvorsitzende bekam einen Anruf eines Radio-Reporters, fuhr rechts ran und stoppte ihren Wagen. Welcher Tag denn aus ihrer Sicht der richtige Feiertag für Berlin sei, fragte der Journalist die Abgeordnete. Spranger hatte noch gar nicht so richtig über das Thema nachgedacht. Sie überlegte einige Sekunden. „Dann habe ich gesagt, was ich immer empfunden habe“, sagt Iris Spranger heute. Einigermaßen spontan schlug sie den 8. März vor.

Aus der Idee wurde das wohl schnellste Gesetz Berlins

Aus der Idee wurde das wohl schnellste Gesetz Berlins. Und deshalb haben die Menschen in der Hauptstadt am 8. März frei, um die Arbeit der Frauen zu würdigen. Das Datum war der in Halle an der Saale gebürtigen Politikerin schon immer wichtig. „In der DDR waren ja fast alle Frauen voll berufstätig“, sagt die 57-Jährige, die schon ewig in Marzahn politisch aktiv ist. Sie studierte damals im Fernstudium und arbeitete in der Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt. „Der Frauentag war so wichtig, weil er die Arbeit der Frauen ehrte, im Beruf und in der Familie.“

In den Betrieben gab es kleine Feiern

Darüber habe es nie eine Diskussion gegeben. Der internationale Frauentag wurde von allen gewürdigt. In den Betrieben gab es kleine Feiern. Die Männer haben serviert und Rosen verteilt. Später nach der Wiedervereinigung, als Iris Spranger unter dem SPD-Senator Thilo Sarrazin Staatssekretärin in der Berliner Finanzverwaltung war, führte sie das auch in der Behörde ein, wo die Hälfte der Beschäftigten Frauen waren. „Ich bin dann nicht nur mit der Frauenbeauftragten und den Personalräten mit Rosen in jedes Zimmer gegangen, sondern haben eine kleine Feierstunde gemacht“, berichtet Spranger. Sogar Sarrazin habe dabei eine Rede gehalten.

Noch am Abend startete sie eine Online-Petition

Nachdem sie die Idee mit dem Frauentag als Feiertag in die Welt gesetzt hatte, war Iris Spranger schnell klar, dass sie etwas tun müsste, um für ihren Vorschlag zu werben. Noch am Abend startete sie eine Online-Petition. Sie wollte damit auch die Stimmung in der Bevölkerung ausloten. Das Echo war überaus lebhaft. Sofort fand die Sozialdemokratin Unterstützer. Schon der erste Tag brachte 1000 Unterschriften. Am Ende, nachdem das Abgeordnetenhaus das „Gesetz zur Änderung des Gesetzes über die Sonn- und Feiertage“ am 24. Januar in namentlicher Abstimmung mit der rot-rot-grünen Mehrheit beschlossen hatte, hatten sich 28.814 Personen für den Frauentag als Feiertag ausgesprochen. „40 Prozent davon waren Männer“, sagt Spranger, „das ist auf keinen Fall eine reine Frauengeschichte. Zwei Geschwister hätten ihr geschrieben, sie hätten „für ihre Männer“ mitgemacht. Sogar Berliner im fernen Australien sprachen sich via Internet für den 8. März aus.

„Es ist falsch, dass wir die Berliner nicht gefragt hätten“

Deswegen ärgert es Iris Spranger auch, wenn die Opposition kritisiert, es gebe für den Frauentag keinen Rückhalt aus der Bevölkerung. „Es ist falsch, dass wir die Berliner nicht gefragt hätten“, sagt sie mit Blick auf die erfolgreiche Petition. Ihr sei vor allem wichtig gewesen, einen Feiertag in Berlin einzuführen, der „alle Religionen verbindet“. Das wäre beim von vielen favorisierten Reformationstag, der in Brandenburg begangen wird, eben nicht der Fall gewesen. Aber die erfahrene Politikerin verließ sich natürlich nicht nur auf Volkes Stimme, sondern besorgte für ihren Plan Mehrheiten in den Gremien. Innerhalb kurzer Zeit brachte sie erst die frauenpolitische Sprecherin der SPD Derya Cagla auf ihre Seite, bald darauf die SPD-Fraktion insgesamt. Echten Schub brachte das einstimmige Votum des Landesvorstandes der einflussreichen Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen.

SPD-Landesparteitag musste die Entscheidung fällen

Spranger tingelte durch die Abteilungen ihrer Partei und warb für ihr Anliegen. Und sie zählte die einlaufenden Unterschriften ihrer Petition. Schließlich waren alle SPD-Kreise dafür bis auf Friedrichshain-Kreuzberg. Aber die Entscheidung musste der SPD-Landesparteitag am 16. November fällen. Am Tag zuvor hatten Landesvorstand und Fraktion der Linken sich für den Frauentag als Feiertag ausgesprochen. Beim SPD-Konvent im Maritim Hotel musste die Entscheidung fallen. Der Ausgang war immer noch ungewiss. Es lag ein Antrag aus Friedrichshain-Kreuzberg gegen den Frauentag vor. Auch der Regierende Bürgermeister und Landesvorsitzende Michael Müller war eigentlich für den 18. März, den Tag der Erinnerung an die Revolution von 1848. Familienministerin Franziska Giffey stellte sich in einem flammenden Plädoyer hinter Sprangers Vorschlag und überzeugte die Delegierten. Auch Müller erkannte die Stimmung und erklärte seine Unterstützung für den Frauentag. Anträge für den 8. Mai , den tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, oder den 9, November wurden zurückgezogen.

Nun ging es darum, Tempo zu machen

Auch der Landesparteitag der Grünen schwenkte wenige Tage später auf die Linie ein. Die Mehrheit war sicher. Nun ging es darum, Tempo zu machen, um den Tag schon im Jahr 2019 wirklich begehen zu können. Denn 2020, einem Schaltjahr, fällt das Datum auf einen Sonntag. Um in diesem Jahr den Freitag zu schaffen, brachte die Koalition das Gesetz so schnell wie kaum eines zuvor durchs Landesparlament. Schließlich wollte man etwas für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tun. Dass der Kampftag für Frauenrechte und Gleichberechtigung nach wie vor notwendig ist, davon ist Spranger überzeugt. „Bei der ersten Lesung im Abgeordnetenhaus saßen bei der Opposition fast keine Frauen im Plenum“, sagt die Sozialdemokratin empört.

„Das ist mein größter politischer Erfolg“

Und dass in Deutschland immer noch über den Paragrafen zur Information über Schwangerschaftsabbrüche diskutiert wird, findet sie skandalös. Am Vortag wird die Mutter des Frauentages wie früher Rosen verteilen und dann in Charlottenburg eine große SPD-Veranstaltung besuchen. Am 8. März selbst steht ein Frauenbrunch in der SPD-Fraktion auf dem Plan, danach gehen alle zur großen Kundgebung. „Ich bin seit 1999 im Abgeordnetenhaus“, sagt Iris Spranger, „aber das ist mein größter politischer Erfolg. Der Frauentag betrifft jede Berlinerin und jeden Berliner.“

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