Entwicklungsplan

Kleingärten sollen Platz machen für Schulen und Kitas

In Berlin sollen ab 2020 voraussichtlich 15 Kleingartenkolonien verschwinden. Die Flächen werden unter anderem für Kitas gebraucht.

Die Kleingartenkolonie „Friede und Arbeit“ an der Götzstraße in Tempelhof.

Die Kleingartenkolonie „Friede und Arbeit“ an der Götzstraße in Tempelhof.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Günter Kunek hat sich von der Wettervorhersage nicht beeindrucken lassen. Gleich am Vormittag ging es für den 76-Jährigen wie gewohnt raus zu seiner Laube in Tempelhof. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert bewirtschaften er und seine Frau in der Kolonie Hansakorso einen Kleingarten. Sie seien extra in die Gegend gezogen, um einen möglichst kurzen Weg zu ihrer Parzelle zu haben.

Doch nun machte dort die Nachricht die Runde, dass der Anlage schon im nächsten Jahr das Aus droht. Für Kunek eine Hiobsbotschaft. „Es ist so schön, was wir alle hier aus den Grünflächen gemacht haben. Das sollen wir aufgeben, und nochmal neu irgendwo anfangen? Wir haben so viele Fragen und keine Antworten“, beschwert sich Kunek über jetzt bekannt gewordenen Senatspläne zur Zukunft der Berliner Kleingärten.

Die Kleingartenkolonie in Tempelhof ist kein Einzelfall. Voraussichtlich 15 Kleingartenkolonien in der Stadt sollen ab dem kommenden Jahr verschwinden, in drei weiteren muss zumindest ein Teil der Pächter seine Lauben verlassen. Das sieht zumindest ein Entwurf für den „Kleingartenentwicklungsplan 2030“ hervor, über den der RBB zuerst berichtete. Bei dem Papier handele es sich allerdings noch nicht um die aktuelle Fassung des Planentwurfs, sondern einen ersten verwaltungsinternen Vorschlag, sagte Jan Thomsen, Sprecher der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, gegenüber der Berliner Morgenpost.

Grafik vergrößern

Auf den frei werdenden Flächen sollen nach dem Willen des Senats dringend benötigte Schulen, Kitas, Krankenhäuser, Turnhallen sowie andere soziale Infrastrukturvorhaben entstehen. Zudem will er auch Platz schaffen für wichtige Verkehrsprojekte wie etwa den Ersatzneubau der Rudolf-Wissell-Brücke in Charlottenburg. Laut Thomsen sieht der Planentwurf vor, dass rund 900 Parzellen für soziale Vorhaben und rund 420 weitere Parzellen für Verkehrsprojekte weichen sollen. Dieser Entwurf der Kleingartenentwicklungsplans sei aber noch in der Diskussion mit Bezirken und Senatsverwaltungen und soll am 7. März an die Kleingartenverbände gehen. „Welche und wie viele Kleingärten genau betroffen sind, steht auch danach noch nicht fest“, betonte Thomsen. Denn bis April soll der Entwurf des Kleingartenkonzepts erneut überarbeitet und im Mai dem Senat vorgelegt werden. Erst im Herbst steht das Konzept dann im Berliner Abgeordnetenhaus zur Beschlussfassung an.

Diese Kleingartenkolonien könnten ab 2020 vom Aus betroffen sein:

Wilhelm-Kuhr-Straße (Mitte) - vollständig betroffen
Virchow, Luxemburger Str. 25 (Mitte) - teilweise betroffen
Lehrter Straße (Mitte) - teilweise betroffen
Hamburg, Bühringstr. 30 (Pankow) - vollständig betroffen
Bornholm II, Ibsenstr. 20 (Pankow) - teilweise betroffen
Am Fichtenberg, Rothenburgstr. 20 (Steglitz) - vollständig betroffen
Borussia, Ringbahnstraße (Tempelhof) - vollständig betroffen
Eschenallee, Marienhöher Weg (Tempelhof) - vollständig betroffen
Feldschlösschen, Eresburgstr. 7 (Tempelhof) - vollständig betroffen
Friede und Arbeit, Götzstr. (Tempelhof) - vollständig betroffen
Germania, Götzstr. 36 (Tempelhof) - vollständig betroffen
Hansakorso, Werner-Voß-Damm 45 (Tempelhof) - vollständig betroffen
Morgengrauen, Eisenacher Str. 53 (Tempelhof) - vollständig betroffen
Kaisergarten, Kaiserstr. 22 (Tempelhof) - vollständig betroffen
Wild-West, Richterstr. 38 (Tempelhof) - vollständig betroffen
Zähringer Korso, Hessenring 27 (Tempelhof) - vollständig betroffen
Ehrliche Arbeit, Büchnerweg 56 (Treptow) - vollständig betroffen
Immergrün, Lissaer Str. (Marzahn) - vollständig betroffen

Kleingärten in Berlin: Betroffene sollen entschädigt werden

Der Landesverband Berlin der Gartenfreunde zeigte sich derweil von der aktuellen Veröffentlichung überrascht. „Im Detail sind wir bislang nicht einbezogen worden“, sagte Marion Kwart, im Verband verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit. Erst am 20. Februar habe es ein Treffen mit Vertretern der rot-rot-grünen Regierungskoalition gegeben, bei dem es um die Zukunft der Kleingärten in der Stadt gegangen sei. Über konkrete Schließungsabsichten sei da aber nicht gesprochen worden. „Für jeden Pächter ist dies ein schwerer Schlag, den er hat viel Zeit und Arbeit in seinen Garten investiert“, sagte Kwart. Der Verband fordert, dass bei bei einer Schließung von Gartenkolonien den Pächtern in jeden Fall Ersatzflächen bereit gestellt werden.

Dies soll laut der Senatsumweltverwaltung auch geschehen. „Die betroffenen Kleingärtner werden entschädigt und es wird ihnen Ersatz angeboten“, sagte Sprecher Thomsen. Die Rede ist aktuell von einer Entschädigungszahlung von etwa 7000 Euro pro Parzelle. Ob aber rechtzeitig genügend Flächen für neue Gartengrundstücke zur Verfügung stehen und wo sie sein werden, ist allerdings noch offen.

Rot-rot-grün will Kleingartenanlagen möglichst wenig antasten

Über die traditionsreichen Berliner Laubenpieper-Kolonien und ihre Zukunft in der Stadt wird seit vielen Jahren kontrovers diskutiert. Erst kürzlich sorgte die Berliner Baukammer für einen Aufschrei, als sie forderte, Kleingartenanlagen mit bereits erschlossenen Straßengrundstücken in Bauland für die öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften umzuwandeln.

Die rot-rot-grüne Regierungskoalition will dagegen Kleingartenanlagen – nicht zuletzt wegen ihrer Bedeutung für ein gesundes Stadtklima – möglichst wenig antasten. So sieht der künftige Kleingartenentwicklungsplan vor, die 2020 auslaufende Schutzfrist für Kleingartenanlagen, die laut dem Flächennutzungsplan oder den B-Plänen der Bezirke perspektivisch für Wohnungsbau oder Gewerbeentwicklungen vorgesehen sind, bis 2030 zu verlängern. Das betrifft laut Jan Thomsen immerhin 6630 Parzellen, was mehr als neun Prozent des Gesamtbestandes von Parzellen in Berlin entspreche.

890 Kleingartenanlagen mit knapp 71.500 Parzellen

Insgesamt gibt es in der Hauptstadt 890 Kleingartenanlagen mit knapp 71.500 Parzellen, davon liegen gut 65.000 auf landeseigenen Flächen. Von den 6630 Parzellen mit Bestandsschutz sollen rund 900 Parzellen bis 2030 für gemeinnützige Zwecke genutzt werden. Damit sei lediglich knapp 1,3 Prozent des Gesamtbestandes an Kleingärten betroffen.

Die Flächen würden dabei nicht selten direkt in der Nachbarschaft etwa einer Schule liegen, die sich vergrößern muss. „Das ist kein Räumungsplan, sondern eine vernünftige, stadtgrünschonende Abwägung von Allgemeininteressen“, betonte der Sprecher der Senatsverwaltung.

Auffällig ist, dass zehn der derzeit 15 vom Aus bedrohten Kleingartenanlagen in Tempelhof liegen. Laut Oliver Schworck (SPD), Bezirksstadtrat von Tempelhof-Schöneberg, ist aber noch keine endgültige Entscheidung darüber gefallen, welche Anlagen im Bezirk tatsächlich geschlossen werden. „In einem Sichtungsverfahren wurden bisher nur potenzielle Flächen ermittelt, die für den Ausbau sozialer Infrastruktur infrage kämen“, sagte er der Berliner Morgenpost am Montag. Unter anderem hätten Schulen Bedarf angemeldet. Schworck verweist auf noch ausstehende Diskussionen in der Bezirksverordnetenversammlung.

Bebauung der Kleingärten: Viele Tiere würden Lebensraum verlieren

Für Pächter Günter Kunek bleibt damit weiter die Unsicherheit. Als Gartenfreund sieht er indes nicht nur sein eigenes Glück und das seiner Parzellennachbarn von den Senatsplänen bedroht, er sorgt sich auch um den Naturraum. Bei einer Bebauung der Kleingärten würden viele Tiere, darunter Vögel, Eichhörnchen, Füchse und Insekten ihren Lebensraum verlieren, befürchtet er. Gerade im Innenstadtbereich seien diese aber oft auf Kleingärten angewiesen, meint Kunek. Er hofft, dass für er und die anderen Pächtern in der Kleingartenkolonie Hansakorso bald klare Informationen vom Bezirksverband der Gartenfreunde und dem Senat erhalten.