Untersuchung

Lärm, schlechte Luft, Hitzestau: So betroffen ist Ihr Kiez

Die Senatsumweltverwaltung hat erstmals umfassende Daten zur Umweltbelastung in Berlin erfasst. Betroffen sind nicht nur arme Kieze.

Blick auf den Alexanderplatz von oben.

Blick auf den Alexanderplatz von oben.

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance/dpa

Berlin.  Frische Luft und Ruhe am Stadtrand, Lärm und Hitze im Zentrum: Erstmals liegen für Berlin umfassende Daten zur Verteilung von Umweltbelastungen in den einzelnen Stadtquartieren vor. Sie zeigen für jeden Kiez genau, wo dauernder Lärm und schlechte Luft den Anwohnern zu schaffen machen, wo Parks und Grünflächen fehlen und sich die Hitze im Sommer staut. Und sie wurden verglichen mit den Gebieten, in denen besonders viele Berliner von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen sind.

Untersuchung misst Umweltgerechtigkeit

Die von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz erarbeitete Untersuchung bietet für Berlin als europaweit erste Stadt ein Konzept, um Umweltgerechtigkeit zu messen. Die Ergebnisse sind am Donnerstag in der 450 Seiten umfassenden Studie „Basisbericht Umweltgerechtigkeit“ veröffentlicht worden. Im Kern betrachtet diese, wie die vier erarbeiteten Umweltindikatoren „Lärm“, „Luftgüte“, Bioklima“ und „Versorgung mit Grün- und Freiflächen“ mit sozioökonomischen Daten der Anwohner zusammenhängen. Die Studie zeigt so bis auf die Kiezebene für alle 447 lebensweltlich orientierten Räume (LOR) in Berlin wie sie abschneiden.

Besonders ärmere Gegenden stark von Lärm und schlechter Luft betroffen

Wenig überraschend zeigen die Daten, dass Lärm und dreckige Luft vor allem Berlins Zentrum betreffen. Die mit Stickoxid belasteten Gebiete ziehen sich von der City West entlang der Hauptverkehrsachsen Kufrüstendamm, Tauentzien und Kurfürstenstraße, über die Potsdamer und Leipziger Straße durch die gesamte historische Mitte bis zur Karl-Marx-Allee. Gerade in Berlins Mitte rund um Leipziger Straße und Alexanderplatz stört auch der ständige Lärm die Bewohner in hohem Maße.

Daneben ist jedoch die Belastung der Umwelteinflüsse häufig gerade in Kiezen mit hoher Arbeitslosigkeit und verbreiteter Kinderarmut hoch. Während die Luftwerte auch in Wedding, Gesundbrunnen oder Moabit für die Bewohner als problematisch gelten, sind die Anwohner im Afrikanischen Viertel, Tegel und in Teilen von Spandau täglich dem Fluglärm vom Flughafen Tegel ausgesetzt. „Quartiere, in denen Menschen mit weniger Einkommen leben, sind stärker von Umweltbelastung betroffen“, sagt Tidow.

Ergebnisse sollen sich im Luftreinhalteplan und Lärmaktionsplan niederschlagen

„Die ökologische Frage ist auch eine soziale Frage“, sagte Umweltstaatssekretär Stefan Tidow (Grüne). Umweltgerechtigkeit bedeute vor diesem Hintergrund, Umweltschutz, Gesundheitsförderung und Nachhaltigkeit auch mit sozialer Gerechtigkeit zu verbinden. Die nun vorliegenden Daten lieferten „eine wertvolle Arbeitsgrundlage“, um gezielt dort aktiv zu werden, wo sich die Umweltbelastungen häuften.

Konkrete Maßnahmen nannte der Staatssekretär nicht. Die Ergebnisse sollen sich jedoch im Luftreinhalteplan und im Lärmaktionsplan niederschlagen, die Ende März beziehungsweise noch vor der Sommerpause fertiggestellt werden sollen. Damit legt die von Senatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) geführte Senatsverwaltung fest, auf welchen Straßen in Berlin künftig Dieselfahrverbote und Tempo 30 gelten sollen.

Bezirk Mitte ist besonders stark belastet

Insgesamt leben rund 185.000 Berliner in den 20 Gebieten mit der höchsten Belastung. Der Bezirk Mitte ist dabei mit Abstand am stärksten betroffen. 98.000 Bewohner leben in den acht Gebieten des Bezirks, die zu den höchstbelasteten in ganz Berlin zählen. Ausgenommen von den Umweltbelastungen ist in Mitte nicht ein einziges Quartier.

Es folgen das dicht bebaute Friedrichshain-Kreuzberg und Charlottenburg-Wilmersdorf. Während im West-Bezirk die Viertel um den Grunewald sauber und ruhig sind, steigen die Belastungen innerhalb des S-Bahnrings und sind meist hoch. Ganz anders das Bild in Treptow-Köpenick und Steglitz-Zehlendorf. Jeweils rund drei Viertel der Bewohner in den Randbezirken leben in vollkommen unbelasteten Gebieten.

Zentrum ist trotz Lärm und schlechter Luft begehrt

Doch bei näherer Betrachtung sind selbst die genauen Daten zu ungenau, wie das Beispiel Mitte zeigt. Innerhalb der dortigen Viertel verändert sich die Sozialstruktur massiv. Während sich in den ruhigen Wohnstraßen rund um die Birkenstraße in Moabit oder das Nordufer in Wedding längst eine zahlungskräftige Klientel die gestiegenen Mieten leistet, wohnen an der Turm-, Müller- oder Osloer Straße immer noch sozial schwächere Milieus.

Gerade hier weisen die Daten und ihre Interpretation Schwächen auf. Wohnten früher die Wohlhabenden am Stadtrand und Arbeiter in zentrumsnahen Mietskasernen, hat sich das Bild nun gedreht. Berlins Zentrum ist trotz Lärm und schlechter Luft bei vielen Menschen extrem begehrt. Randlagen, zumal mit schlechter Anbindung, hingegen nicht, so ruhig und sauber es dort auch sein mag. „Hippe Orte sind oft vielfach belastet“, sagt Tidow. Die Umweltbelastung sei nicht die alleinige Entscheidung, ob eine Gegend attraktiv ist, gesteht der Staatssekretär. Doch die Daten sind auf dem Stand von 2014 – auch wenn sie ab nun laufend aktualisiert werden sollen.

Senat will Grünflächen besser schützen

Was also können sie leisten? „Wir versprechen uns davon, den Senatsverwaltungen und Bezirken eine Grundlage zu bieten für ihre Maßnahmen“, sagt Tidow. „Ziel ist, die Lebenssituation in den mehrfachbelasteten Orten zu verbessern.“ Der Senat habe dazu vor wenigen Wochen eine ressortübergreifende Initiative ins Leben gerufen. Berücksichtigung fänden die Erkenntnisse auch in der Stadtentwicklungsstrategie „Berlin 2030“.

Der Berliner Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND Berlin) begrüßte die Untersuchung. Der Umweltverband forderte Senat und Bezirke auf, gemeinsam mit den Anwohnern gezielte Lösungen für eine ökologische und soziale Quartiersentwicklung zu erarbeiten. „Es gibt ein Recht auf Teilhabe an Natur und auf eine saubere Umwelt“, sagte Herbert Lohner, Naturschutzreferent des BUND Berlin. Berlin müsse deshalb die grünen Klimaoasen in der Stadt dauerhaft sichern und das innerstädtische Grün aufwerten.

„Und zwar so, dass gerade diejenigen, die bislang keinen wohnortnahen Zugang zur Stadtnatur haben, davon profitieren.“ Lohner schlug dafür die Berücksichtigung von Frischluftschneisen vor, damit sich die dichtbebaute Innenstadt auch im Sommer nicht zu stark erwärmen. Gleichzeitig müssten insbesondere die durch den Straßenverkehr verursachten Umweltbelastungen durch geeignete Maßnahmen gesenkt werden.

Was die Erkenntnisse für das Handeln der Bezirke in stark belasteten und häufig mit Grünflächen unterversorgten Gegenden bedeuten, wollte der Staatssekretär nicht vorgeben. Es gebe keine automatischen Implikationen. „Aber bei der Quartiersentwicklung wollen wir, dass das Stadtgrün berücksichtigt wird.“ Helfen soll dabei auch die „Charta Berliner Stadtgrün“, eine Selbstverpflichtung des Senats, Grünflächen in der Stadt zu sichern und zu fördern, die bis zum Jahresende erarbeitet werden soll.