Drogenhandel

„Berlin wird zu einem Drehkreuz für Kokain“

Die Behörden arbeiten intensiv gegen den illegalen Rauschgifthandel. Dennoch sind sie oft chancenlos.

Funde wie diese 140 Kilogramm Kokain, versteckt in Bananenkisten, sind in Berlin eine Seltenheit. Schon 20 Kilo sind für Ermittler „ein großer Fund“.

Funde wie diese 140 Kilogramm Kokain, versteckt in Bananenkisten, sind in Berlin eine Seltenheit. Schon 20 Kilo sind für Ermittler „ein großer Fund“.

Foto: Daniel Naupold / dpa

„Weißes Gold“, so wird Kokain in südamerikanischen Ländern schon lange genannt. Weil es neben dem Rausch vor allem um eines geht: sehr viel Geld. Das Leid der Abhängigen oder die Toten der Drogenkriege in Südamerika, wo aus den Blättern des Kokastrauches das Kokain gewonnen wird, geraten vor allem für Schmuggler und Händler in Europa zur Nebensache. Hauptsache, der Gewinn stimmt – und der lässt sich in großem Stil auch in Berlin erzielen. Hier wird „Koks“ zunehmend zum Problem, denn die Nachfrage nach der Aufputschdroge ist in der deutschen Bundeshauptstadt rasant gestiegen. Zwar arbeiten das Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg, das Landeskriminalamt (LKA) und Europol eng zusammen, um effektiv gegen den Handel und Schmuggel vorgehen zu können. Aber trotz aller Bemühungen haben die Beamten häufig das Nachsehen. Das Kokain ist längst in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen.

Allein 2017 hat das Landeskriminalamt in Berlin 17 Prozent mehr Handels- und Schmuggelfälle verzeichnet als im Vorjahr. Noch drastischer ist der Anstieg bei den allgemeinen Verstößen – also dem illegalen Besitz von Kokain: Die Anzahl der Delikte stieg innerhalb nur eines Jahres um ganze 40 Prozent. Zwar handelt es sich hierbei um ein Kontrolldelikt; je mehr kontrolliert wird, desto mehr Delikte gibt es. Aber: „Wir haben nicht mehr Personal eingesetzt“, sagt der Leiter des LKA 43, Rauschgift- und Arzneimittelkriminalität, Olaf Schremm. Er glaube deshalb nicht, dass es sich nur um einen kurzen Trend handele. „Kokain wird uns noch viele Jahre schwerpunktmäßig beschäftigen.“ Weil immer mehr des weißen Pulvers in der Hauptstadt konsumiert wird.

Wegen seiner leistungssteigernden und euphorisierenden Wirkung wird Kokain auch „Discoschnee“ oder „Sternenstaub“ genannt, vor allem in der Techno- und Partyszene ist es beliebt. Es stimuliert eine Zeit lang das „Vergnügungszentrum“ des Gehirns – dann kommt der Fall. Es folgen Depressionen und das Verlangen nach noch mehr Drogen. Weitere Nebenwirkungen: Halluzinationen, Angst und Verfolgungswahn. Hinzu kommt, dass die Reinheit der Droge in Berlin laut Schremm mit bis zu 70 Prozent im Verkauf „erstaunlich hoch“ ist. Schon eine Überdosis des Rauschgiftes kann zum Tode führen.

Trotzdem gehe der Konsum mittlerweile durch alle Gesellschaftsschichten, da sind sich Dezernatsleiter Schremm, Berlins Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara, und die Zollfahnder Christian Lanninger und Henner Grote einig. Sie gehen sogar noch weiter. Lanninger und Grote sagen: „Berlin wird immer mehr zu einem Drehkreuz für Kokain.“ Von hier aus werde der reine, ungestreckte Stoff mittlerweile weiter nach Skandinavien, Israel oder sogar Neuseeland geschmuggelt.

Von Südamerika kommt das Rauschgift zunächst per Schiff oder Flugzeug nach Europa. In der Regel nach Spanien oder in die Niederlande. Das seien die Länder, aus denen das meiste Kokain nach Deutschland komme, sagt Grote, der seit knapp 25 Jahren Drogenfahnder ist und den Flughafen Amsterdam Schiphol „das Einfallstor für Rauschgift“ nennt. Manches wird auch auf direktem Weg über den Frankfurter Flughafen oder den Hamburger Hafen ins Land geschmuggelt. Wie viel genau können die Zollfahnder nicht sagen. Aber „es sind große Mengen“, daran haben Lanninger und Grote keinen Zweifel.

Den Handel gänzlich zu verhindern ist den Zollfahndern nach eigener Aussage nicht möglich. Was auch daran liege, dass das Zollfahndungsamt eine „wirtschaftsfreundliche Behörde“ sei, erklärt Lanninger, der einst selbst Ermittler war und jetzt Sprecher des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg ist. Eine Kontrolle jedes einzelnen Containers oder Lkw würde praktisch den Wirtschaftskreislauf lahmlegen, sagt er. Und so gingen den Zollfahndern kilo-, manchmal tonnenweise Kokain durch die Lappen. Sowohl Lanninger und Grote als auch Schremm sprechen deshalb von einer „Sisyphusarbeit“.

Flughafen BER könnte zur Schleuse für Kokain werden

Mit Lastwagen, Autos, dem Zug oder auch auf Booten werde das Kokain schließlich nach Berlin gebracht. Möglichst unauffällig, oder zumindest: unauffindbar. Die Fahrzeuge seien teilweise mit „sehr aufwendigen Umbauten“ versehen, erklärt Schremm. Hohlräume, elektronische Klappen, versteckte Schalter. Ein Mehraufwand, der sich für Schmuggler lohnt: Ein Gramm Kokain kostet in Berlin zwischen 40 und 60 Euro, ein Kilo bis zu 60.000 Euro. Ein Geschäft, an dem sich viele bereichern wollen.

„Wenn wir 20 Kilo finden, ist das für uns ein großer Fund“, sagt Lanninger. Zum Vergleich: In Hamburg haben Zollfahnder im November 2018 mehr als eine Tonne sichergestellt. In nur einem Lastwagen. Sollte der Flughafen BER doch irgendwann eröffnen, rechnet der Zoll-Sprecher damit, dass sich auch in Berlin die Einfuhrmengen durch weitere Direktflüge aus Mittel- und Südamerika merklich erhöhen werden (Metalldetektoren und Scanner schlagen bei dem Pulver nicht an). „Es wird so kommen“, prognostiziert Lanninger.

Die Familienclans „mischen hier alle mit“

Die Schwierigkeit liegt für die Zollfahnder wie für das LKA jedoch nicht nur darin, das Rauschgift und die Täter ausfindig zu machen. Eine wesentliche Hürde ist, sie zu überführen. Einerseits, weil es „keine speziellen Tätergruppen“ gibt – neben den bekannten kriminellen Familienclans, denn die „mischen hier alle mit“, so Lanninger. Andererseits, weil es immer weniger Ansatzpunkte gibt, um den illegalen Rauschgifthandel zu beweisen. Konsumenten haben kein Interesse, das Delikt anzuzeigen; Händler, Dealer und Schmuggler nutzen verschlüsselte Kommunikation, meiden persönliche Kontakte und nehmen Carsharing-Fahrzeuge, mit denen sie das Kokain stadtweit ausliefern wie Pizza. Mietwagen können die Beamten nicht einziehen. Deshalb seien die sogenannten Koks-Taxis laut Schremm vom LKA auch die „am weitesten verbreitete Art des Handels“ in Berlin.

Es ist eine ausgereifte Kurierlogistik, bei der die tatsächliche Übergabe an den Konsumenten oft die einzige Zugriffsmöglichkeit bietet. Und selbst diese wird seltener. Mittlerweile wird das „weiße Gold“ schon in DHL Packstationen hinterlegt. Zum Selbstabholen. Eine andere Variante sind „Omas, die Pakete entgegennehmen sollen“, berichtet der stellvertretende Sachgebietsleiter der Drogenfahndung, Henner Grote. Ältere Damen werden demnach von den Dealern angewiesen, Sendungen mit Kokain anzunehmen. Den wahren Inhalt kennen sie allerdings nicht. Sobald ein Paket in der Sendungsverfolgung im Internet als zugestellt angezeigt wird, holen die Dealer es ab. Für Grote und sein Team kaum zu überwachen, zumal der Absender „eh immer gefälscht“ ist, so der leitende Rauschgiftfahnder.

Schon Pubertierende verfallen den Drogen

Generell sei es „eine hohe Kunst“ für die Polizei und das Zollfahndungsamt, gerichtsverwertbar zu ermitteln, meint Grote. Denn ohne handfeste Beweise, ohne dass die Pakete, die Beteiligten, die Übergabe gesehen und dokumentiert wurden, wird es für die Staatsanwaltschaft vor Gericht schwer, die Schuld der Täter einwandfrei zu beweisen. „Die Beschuldigten verfügen über eine große Menge Geld, können sich teure Anwälte leisten“, sagt Lanninger. Für die Ermittler aber, die versuchten diesem nachtaktiven und gewaltbereiten Klientel das Handwerk zu legen, und sich dafür selbst einer Gefährdung aussetzten, Zielpersonen Tag und Nacht observierten und im Büro auf Klappbetten schliefen, gebe es nichts Ärgerlicheres, „als eine Bewährungsstrafe – und der Täter setzt sich in seinen Maserati oder Ferrari und fährt davon.“ Kokain ist aufgrund seines Preises „eine Droge für die etwas besser Verdienenden“, sagt Schremm.

Der Weg zum Kokain führt in der Regel über die „preiswertere“ Einstiegsdroge Marihuana. Diese verfange schon bei pubertierenden Jugendlichen: „Wir haben das Problem schon in den siebten und achten Klassen“, bestätigt Lanninger. Diese Schüler sind gerade einmal 13 oder 14 Jahre alt. Dagegen leisten die Drogenermittler persönlich Aufklärungsarbeit an Schulen. LKA-Mann Schremm spricht sich zudem dafür aus, dass Suchtprävention zur Pflicht an Berliner Schulen wird.

Verharmlosende Rap-Texte über Drogen verführen Jugendliche

Besonders verfänglich bei den Jugendlichen: die kulturelle Verwässerung der Gefährlichkeit der Drogen durch Musik. Harte, Kokain verherrlichende Texte werden in der deutschen Rap- und Hip-Hop-Szene mit eingängigen Rhythmen und coolem Beat unterlegt. „Die Taschen voll mit Geld wegen Kokain. Das Taxi wird bestellt, sie haben Bock zu ziehen.“ Oder: „Bald bin ich Großverdiener und sie fragen mich: Woher kommt das weiße Zeug?“ Das Lied „Kokaina“ von Miami Yacine war Anfang 2018 der erste deutschsprachige Rap-Titel, der auf der besonders von Jugendlichen genutzten Internetplattform Youtube mehr als 100 Millionen Mal angehört wurde. Der Tenor: Wer mit Drogen handelt, kann ein Luxusleben führen. Geht es nach den Drogenfahndern, lautet der Satz so: Wer mit Drogen handelt, landet im Gefängnis.

Die Berliner Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara stellt grundsätzlich fest: „Die Haltung der Gesellschaft gegenüber Drogen ist deutlich liberaler geworden, egal, um welche Substanz es sich handelt.“ Das sei in den vergangenen Jahren besonders bei Kokain der Fall. Mit aktuellen Zahlen belegen kann sie das jedoch nicht, die letzten Daten zum Konsum des Rauschgiftes in Berlin stammen aus dem Jahr 2012. Damals gaben in einer epidemiologischen Umfrage der Senatsverwaltung neun Prozent aller Befragten an, mindestens einmal in ihrem Leben Kokain konsumiert zu haben, knapp drei Prozent in den vorangegangenen zwölf Monaten. Köhler-Azara geht davon aus, dass sich diese Zahlen, wie bei den Delikten, inzwischen „deutlich“ verändert haben. In der aktuellsten Suchthilfestatistik lässt sich das bereits erkennen: 2016 suchten 843 Berliner ambulante Hilfe auf, über einhundert mehr als noch im Vorjahr. Bis Ende 2019 will Köhler-Azara einen neuen Bericht vorstellen.

Neue Gesetzeslage erleichtert den Ermittlern die Arbeit

Bis dahin werden Schremm, Grote und Lanninger weiter versuchen, den Kokainhandel und die Täter zu bekämpfen. Dabei hilft ihnen seit Juli 2017 auch ein rechtlicher Kniff, der es per Gesetz erlaubt, Vermögenswerte von mutmaßlichen Tätern abzuschöpfen. Selbst dann, wenn nur ein Verdacht des illegalen Rauschgifthandels besteht und eine Straftat bislang nicht nachgewiesen werden konnte. „Das hat wahnsinnig geholfen“, sagt Zollfahnder Lanninger und führt aus: „Gefängnis juckt die alle nicht, aber wenn man ihnen ihren Ferrari wegnimmt, das tut denen weh.“ Das deutsche Betäubungsmittelgesetz sieht im Falle des illegalen Drogenhandels bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe vor.

Zwar geht es bei der gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift beider Behörden, LKA und Zollfahndungsamt, vor allem um die Schmuggler, Händler und Dealer. An die Konsumenten richtet sich der Dezernatsleiter des Landeskriminalamtes, Olaf Schremm, aber trotzdem eindringlich: „Jeder, der hier Kokain nimmt, sollte sich bewusst werden, was er da konsumiert.“ Und wen er damit unterstützt. Denn, so Schremm: „An jedem Gramm klebt auch Blut.“