Verkehr in Berlin

Berliner Autofahrer stehen 154 Stunden im Stau

Autofahrer in Berlin brauchen im Bundesvergleich die meiste Geduld. In Rom, Paris, London und Moskau allerdings ist es schlimmer.

 Der abendliche Berufsverkehr fließt auf dem Kaiserdamm im Zentrum von Berlin.

Der abendliche Berufsverkehr fließt auf dem Kaiserdamm im Zentrum von Berlin.

Foto: Michael Kappeler / dpa

Berliner Autofahrer brauchen gute Nerven und bundesweit die meiste Geduld. Im vergangenen Jahr verloren sie im Schnitt 154 Stunden in dichtem Verkehr und Stau, wie der Verkehrsdatenanbieter Inrix in einer am Dienstag veröffentlichten Studie errechnet hat. Leidgeprüft sind auch Münchner und Hamburger, die 140 beziehungsweise 139 Stunden einbüßten. Im Durchschitt standen Autofahrer in Deutschlands Städten 2018 rund 120 Stunden im Stau.

Die Warterei ist nicht nur ärgerlich, sondern auch teuer. Für die Stau-Hauptstadt kamen 2018 laut den Berechnungen von Inrix 1,7 Milliarden Euro an staubedingten Kosten zusammen. Für den einzelnen Fahrer wurden jährlich 1340 Euro ermittelt. Der Bundesdurchschnitt lag bei 1052 Euro.

Berlin ist im Inrix-Ranking unter den sechs staureichsten Streckenabschnitten Deutschlands gleich viermal vertreten: Der am dichtesten befahrene Stadtstraßen-Abschnitt ist demnach der Tempelhofer Damm. Autofahrer verlieren auf dem Abschnitt der B96 zwischen Stadtautobahn und Landwehrkanal täglich sieben Minuten, hieß es. Auf das Jahr berechnet kommen da 28 Stunden zusammen. Mehr Zeit einplanen muss man auch auf der Budapester Straße/Tiergartenstraße bis zur Ebertstraße (22 Stunden), der Skalitzer Straße in Kreuzberg (16 Stunden) und auf der Greifswalder Straße aus der Innenstadt Richtung Danziger Straße in Prenzlauer Berg (15 Stunden).

ADAC: Staus auch Folge des jahrelangen Sanierungsstaus

Ursachen für die Staus sind nicht nur die Größe und das Wachstum Berlins, sagt Sandra Hass, Sprecherin des ADAC Berlin Brandenburg. „Die Staus sind auch eine Folge des jahrelangen Sanierungsstaus in Berlin“, sagt Hass. Nun müsse sehr viel gleichzeitig repariert und investiert werden. Verfehltes Baustellenmanagement verstärke die Probleme. „Die Koordinierung klappt oft nicht, eine Umleitung führt häufig direkt zur nächsten Baustelle“, so Hass.

Auch das Pendlerthema wurde in Berlin viele Jahre lang vernachlässigt, kritisiert der ADAC. Der öffentliche Nahverkehr müsse massiv verstärkt werden. Für die 300.000 Pendler fehlen zudem Park und Ride-Angebote außerhalb der Stadt. Von fließendem Verkehr mit funktionierenden grünen Wellen sei man noch weit entfernt.

Das sieht die Senatsverkehrsverwaltung anders. In Berlin gebe es in weiten Bereichen die grüne Welle für Autofahrer, so eine Sprecherin. Sie sei die Basis für die Steuerung der 2100 Berliner Ampelanlagen an Hauptverkehrsstraßen. Allerdings sei diese für Tempo 50 programmiert. „Wenn sich Autofahrer nicht an die Höchstgeschwindigkeit halten oder der Verkehr zu langsam ist, weil zu viel Verkehr ist, wird die grüne Welle gebrochen.“

Platzierung Stadt Straßenname Von Bis Tägliche Verspätung (Minuten)  Jährliche Verspätung (Stunden)
1 Berlin B96 Tempelhof Hallesches Tor 7 28
2 Hamburg B4/B75 Hittfelder Landstraße Bei den Mühren 6 23
3 Berlin Budapester Straße, Übergang in Tiergartenstraße Lietzenburger Straße Ebertstraße 6 22
4 Köln Kreuz B55/B9 Roonstraße Turiner Straße 4 17
5 Berlin Skalitzer Straße, Übergang in B98a Kottbusser Tor B1 4 16
6 Berlin Greifwalder Straße Potsdamer Platz Danziger Straße 4 15
7 Hamburg Mittelweg Harvestehuder Weg Gänsemarkt 4 14
8 Hamburg Spalding Stra0e, Übergang in B5 A1 Deichtorplatz 3 10
9 Frankfurt Schwanheimer Ufer Europabrücke Friedensbrücke 3 10
10 Frankfurt B521, Übergang in B3 Frankfurt-Friedberger Landstraße Bleichstraße 3 10

Das mittel- und langfristig beste Mittel gegen Stau sei daher die Förderung des Bahn-, Bus-, Rad- und Fußverkehrs, sagte Jan Thomsen, Sprecher von Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne). Damit mehr Menschen das Auto stehen lassen können, weil sie es nicht mehr brauchen.

Um Staus in der Innenstadt zu entgehen, rät der ADAC den Pendlern mit Auto, die stärksten Stoßzeiten zu meiden oder gleich auf öffentliche Verkehrsmittel auszuweichen. Doch dieser Rat hilft nur bedingt weiter. Denn auch Busse und Straßenbahnen kommen inzwischen immer langsamer vorwärts. So hat sich etwa die Durchschnittsgeschwindigkeit der BVG-Busse von 19,3 Kilometern pro Stunde im Jahr 2009 auf 17,9 km/h im vorigen Jahr reduziert. Straßenbahnen kamen vor zehn Jahren noch mit 19,2 km/h durch die Stadt, heute sind es im Schnitt nur noch 18,8 km/h. Auch die BVG bemängelt schon länger, dass immer mehr Baustellen und Demonstrationen den Verkehr speziell in der Innenstadt behinderten.

Zu Staus gibt es unterschiedliche Statistiken. Während Inrix die Städte und ihre Straßen im Blick hat, untersucht der ADAC die Staulängen auf Autobahnen. Auch hier liegt Berlin in Bezug auf Autobahnkilometer bundesweit an der Spitze. 2018 hat der ADAC für Berlin insgesamt 26.502 Staumeldungen, 14.637 Staustunden und 38.471 Staukilometer gezählt.