Berlin

Eine Zwangsstörung namens Liebe

Neuropsychologe Michael Niedeggen von der Freien Universität Berlin erklärt, was Liebe mit unserem Gehirn macht.

Neuropsychologe Michael Niedeggen

Neuropsychologe Michael Niedeggen

Foto: Michael Niedeggen Hirnforscher / Michael Niedeggen

Woher kommt das Herzpochen? Wieso ernähren sich Verliebte nur von Luft und Liebe? Michael Niedeggen ist Neuropsychologe an der Freien Universität Berlin. Und erklärt die Chemie hinter den Liebesgefühlen.

Herr Niedeggen, Liebe geht durch den Magen, oder?

Michael Niedeggen: Liebe findet weder im Herzen noch im Magen statt – sondern ausschließlich im Gehirn.

Aber Sie kennen doch die Schmetterlinge im Bauch?

Die kennt jeder: In der ersten Phase des Verliebtseins ist das Verlangen nach dem Partner sehr hoch. Er wird zur Belohnung und kann wie eine Droge im Gehirn wirken. Je länger ich den Partner nicht sehe, desto größer die Entzugserscheinungen. Man kann sich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren, denkt nur noch an die Partnerin. Wenn ich die Belohnung dann bekomme, also den Partner sehe oder höre, dann reagiert auch das autonome Nervensystem. Das betrifft dann auch unser Magen-Darm-System. Oder den Herzschlag.

Verliebte sind also Junkies auf Entzug?

Verliebtsein ähnelt in dieser Phase einer Zwangsstörung, etwa dem Drang, sich ständig die Hände waschen zu müssen. Tatsächlich ist die Hirnchemie, also die Transmitter, beim Zwangspatienten und Frisch-Verliebten in mancher Hinsicht vergleichbar.

Hm.

Man denkt ja, die erste Phase des Verliebtseins sei die schönste. Betrachtet man die hormonellen Zusammenspiele, dann sieht man eher ein Stressmuster. Die Leidenschaft ist groß, aber man weiß nicht, wohin die Reise geht, hat sich noch nicht sozial – etwa vor den Eltern – zum Partner bekannt. Man ist unsicher, hat ein hohes Kontrollbedürfnis.

Aber die negativen Seiten des Partners sehen wir nicht. Woher kommt das?

Der Anblick des Partners oder der Partnerin aktiviert im Gehirn die Belohnungs- und Motivationszentren. Gleichzeitig reduziert sich die Aktivität in Hirnregionen, die mit rationaler Urteilsfindung verknüpft sein sollen.

In der Regel werden wir ja irgendwann wieder zu rationalen Wesen. Aus Verliebtheit wird im besten Fall Liebe. Kann man neurobiologisch festmachen, welche Gehirne auch nach Jahren noch zueinander passen?

Bei dem Übergang ist ein Blick auf die Hormone interessant: Einerseits sollen sich die Stresshormone bei glücklichen romantischen Paaren reduzieren. Und auch das berühmte Oxytocin kommt ins Spiel.

Oxytocin, das Elixier des Glücks?

Das Elixier des Vertrauens. Das trifft es eher. Das Hormon ist interessant für die gesamte Bindungsforschung. Oxytocin hat einen Effekt darauf, ob wir die natürlichen Furcht- oder Abstandsbarrieren fallen lassen, reduziert also die Angst. Es stärkt anscheinend auch direkt die Partnerbindung: Wenn man Frauen Oxytocin als Nasenspray verabreicht, werden Partner als attraktiver wahrgenommen. Bei gebundenen Männern soll es das Annäherungsverhalten zu anderen Frauen reduzieren. Insgesamt scheint es für Partnerschaften gut zu sein, wenn auch das hormonelle Zusammenspiel aufeinander abgestimmt ist.

Es sollte hier eigentlich um Liebe gehen, und Sie sprechen von Zwangsstörungen und Nasensprays. Herr Niedeggen, gibt es sie im Leben eines Neuropsychologen noch, die Romantik?

Ich würde es so sagen: Ein Koch weiß auch, was im Essen drin ist, und es schmeckt ihm trotzdem. Und auch wenn Liebe am Ende Chemie ist – ob die Chemie zwischen zwei Menschen stimmt, kann die Wissenschaft noch lange nicht vorhersagen.