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Germania-Pleite: Rund 260.000 Flüge werden nicht erstattet

Betroffen sind Reisende in etwa 260.000 Fällen in einem Zeitraum bis Ende Mai 2020, die direkt bei Germania gebucht hatten.

 Ein Flugzeug der Fluggesellschaft Germania. Die Berliner Airline hat Insolvenz beantragt.

Ein Flugzeug der Fluggesellschaft Germania. Die Berliner Airline hat Insolvenz beantragt.

Foto: Daniel Karmann / dpa

Berlin. Mehr als eine Viertelmillion Flugbuchungen bei der insolventen Germania werden von der Airline nicht erstattet. Betroffen sind Reisende in etwa 260 000 Fällen in einem Zeitraum bis Ende Mai 2020, die direkt bei Germania gebucht hatten, wie ein Sprecher des vorläufigen Insolvenzverwalters am Freitag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Nach derzeitiger Rechtslage bekommen demnach Passagiere für Direktbuchungen - anders als etwa Pauschalreisende - keinen Ersatz bei einer Insolvenz einer Airline. Seit Tagen gibt es deshalb immer wieder die Forderung nach einer Insolvenzversicherung für Fluggesellschaften. Zu Wochenbeginn hatte Germania Insolvenz angemeldet und den Flugbetrieb eingestellt.

Rund 20.000 Germania-Passagiere befanden sich zum Zeitpunkt des Insolvenzbeginns an ihrem Zielort - ihre Rückflüge fielen oder fallen aus, wie der Sprecher weiter auf Nachfrage sagte. Die Rückflüge beziehen sich auf einen Zeitraum bis Ende Februar. Rund ein Drittel dieser Fluggäste buchte demnach direkt bei der Airline online.

Insolvenzverwalter sucht Investor für Germania

Nach der Pleite der Berliner Fluggesellschaft Germania setzt sich der zuständige Insolvenzverwalter unterdessen für eine Investorenlösung ein. Dafür führe Germania-Insolvenzverwalter Rüdiger Wienberg bereits erste Gespräche mit Interessenten über mögliche Konstellationen einer Übernahme, hieß es am Freitag in einer Mitteilung.

Germania hatte am Montag Insolvenz angemeldet und am Dienstag den Flugbetrieb eingestellt. Von der Insolvenz sind drei Gesellschaften betroffen mit nahezu 1700 Beschäftigten. „Unser vorrangiges Ziel ist es, die Fluglinie betriebsbereit zu halten, um die Start- und Lande-Slots behalten zu können. Das ist die Grundvoraussetzung für eine Lösung, die den Geschäftsbetrieb als Teil oder als Ganzes erhält“, erklärte Wienberg weiter. Die Fluglinie müsse dafür weiter eine intakte Infrastruktur aus einsatzbereiten Flugzeugen, Crews und Wartungsleistungen vorhalten, hieß es. Deswegen führe Wienberg derzeit auch Gespräche mit dem Luftfahrtbundesamt und den Leasinggebern der 27 Germania-Maschinen.

In einem ersten Schritt sei es gelungen, in Absprache mit dem Luftfahrtbundesamt die Betriebsgenehmigung der Germania Technik Brandenburg GmbH aufrechtzuerhalten. Das Unternehmen mit 178 Mitarbeitern betreut überwiegend die Germania-Flotte, aber auch Flugzeuge anderer Airlines. Damit können die Germania-Maschinen weiter gewartet und betriebsbereit gehalten werden. Parallel dazu laufen fortgeschrittene Verhandlungen mit den Leasinggebern, um einen Weiterbetrieb während des vorläufigen Insolvenzverfahrens zu gewährleisten.

Laut Insolvenzexperten nur geringe Vermögenswerte bei Germania

Germania hatte zuletzt nach Morgenpost-Informationen keine eigenen Flugzeuge mehr. Insolvenzexperten hatten deswegen bereits erklärt, dass bei Germania wahrscheinlich nur geringe Vermögenswerte vorhanden seien. Es sei daher fraglich, ob die Masse für ein reguläres Insolvenzverfahren ausreiche, sagte etwa der Anwalt Werner Meier von der Wirtschaftskanzlei SimmonsSimmons. Die Lufthansa-Tochter Eurowings hatte am Mittwoch erklärt, vor allem an den frei werdenden Start- und Landerechte am Flughafen Düsseldorf interessiert zu sein. Germania verfügte in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt über attraktive Slots, die nun an den Flughafenkoordinator der Bundesrepublik zur Neuverteilung zurückgingen, sagte Eurowings-Chef Thorsten Dirks.

Unterdessen hat die Bundesagentur für Arbeit der Vorfinanzierung der offenen Januargehälter zugestimmt, so dass die rund 1700 Mitarbeiter in den nächsten Tagen ihr Geld erhalten. Bislang seien zudem auch noch keine Kündigungen ausgesprochen worden, so der Insolvenzverwalter. Je nach betrieblichen Erfordernissen würden die Mitarbeiter auch weiter eingesetzt. Ein Teil des fliegenden Personals (insgesamt rund 400 Piloten und 580 Flugbegleiter) sei derzeit noch damit beschäftigt, die 27 Flugzeuge der Fluglinie abzustellen. Darüber hinaus müssten die Flugzeuge alle zwei Wochen in die Luft, damit ihre Betriebsgenehmigung nicht verfällt. Auch dafür sollen laut Mitteilung ein Teil der Crews eingesetzt werden.

Rund 60.000 Reisende, die innerhalb der kommenden zwei Wochen mit Germania fliegen sollten, sind von der Insolvenz der Airline betroffen. Die Fluglinie hat vor allem Urlaubsziele in der Mittelmeerregion oder den Kanarischen Inseln angeflogen. Bei Pauschaltouristen sind die Reiseveranstalter für eine Ersatzbeförderung verantwortlich. Individualreisende hingegen müssen sich selbst um Ersatzflüge kümmern. Zahlreiche andere Airlines hatten bereits am Dienstag angekündigt, den Germania-Passagieren Sonderkonditionen anbieten zu wollen. Der Insolvenzverwalter hat im Falle von Direktbuchungen anderen Fluggesellschaften zudem anonymisierte Listen mit der Zahl der Passagiere, Abflugort und Ziel zur Verfügung gestellt, um diesen die Planung zu erleichtern, hieß es in der Mitteilung.

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