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Polizist soll betrunken tödlichen Unfall verursacht haben

Im Fall eines tödlichen Verkehrsunfalls im Januar 2018 an der Grunerstraße in Mitte ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Beamten.

Bei dem Unfall vor einem Jahr kam Fabien M. aus Reinickendorf ums Lebens. Das Polizeiauto war zu schnell unterwegs.

Bei dem Unfall vor einem Jahr kam Fabien M. aus Reinickendorf ums Lebens. Das Polizeiauto war zu schnell unterwegs.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Berlin.  Die Ermittlungen im Fall eines tödlichen Verkehrsunfalls im Januar 2018 an der Grunerstraße in Mitte, in den ein Polizeiwagen verwickelt war, stehen vor dem Abschluss. Das erfuhr die Berliner Morgenpost aus Justizkreisen.

Das Verfahren war durch anonyme Hinweise, dass der Fahrer des Funkstreifenwagens betrunken gewesen sein soll, ins Stocken geraten. Da nach dem Unfall bei dem Fahrer keine Alkoholkontrolle durchgeführt worden war, ließ die Berliner Staatsanwaltschaft nun die Patientenakten der Beamten beschlagnahmen.

Aus ihnen geht laut Staatsanwaltschaft hervor, dass bei dem Fahrer des Polizeiautos zum Zeitpunkt der Blutentnahme im Krankenhaus rund ein Promille festgestellt worden sein soll.

Junge Frau war für Behördengänge in der Stadt

Bei dem Unfall am 29. Januar 2018 mittags war ein Funkstreifenwagen auf dem Weg zu einem gemeldeten Raubüberfall mit dem Kleinwagen von Fabien M. aus Reinickendorf kollidiert. Die junge Frau starb noch am Unfallort. Die Polizisten wurden verletzt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun nicht nur wegen fahrlässiger Tötung, sondern auch wegen Straßenverkehrsgefährdung durch Trunkenheit. Klarheit besteht nun auch über den Unfallhergang. Den Ermittlern kam dabei zugute, dass nicht nur der Datenspeicher des Polizeiautos ausgewertet werden konnte, sondern auch der des Kleinwagens von Fabien M. Die 21-Jährige hatte ein entsprechendes Gerät in ihrem Fahrzeug. Manche Versicherungen bieten diese Art der Kontrolle für günstigere Tarife an.

Aus den Auswertungen geht nach Informationen der Berliner Morgenpost hervor, dass die junge Frau auf dem Mittelstreifen einparken wollte, als der Funkstreifenwagen in die Fahrerseite des Pkw raste. Eine Analyse des Handys ergab zudem, dass Fabien M. nicht telefoniert hatte. Das Mobiltelefon war damals im Fußraum des Autos gefunden worden.

Polizeiauto soll laut Gutachten mit 134 km/h gefahren sein

Fabien M. war am Unfalltag in Mitte, um Behördengänge zu erledigen. Sie wollte einen eigenen Laden in Berlin eröffnen. Recherchen dieser Zeitung hatten bereits im vergangenen Jahr ergeben, dass das Polizeiauto deutlich zu schnell unterwegs gewesen sein soll. Laut einem Gutachten soll es mit 134 Kilometern pro Stunde gefahren sein. Als es mit dem Kleinwagen kollidierte, war es noch mehr als 90 Kilometer pro Stunde schnell.

Nach einer vorläufigen Einschätzung des Gutachters hätte der tödliche Ausgang des Unfalls wahrscheinlich verhindert werden können, wenn das Polizeiauto nicht mit 134 Kilometern pro Stunde, sondern nur 100 Kilometer pro Stunde gefahren wäre.

In der vergangenen Woche hatten sich die Eltern des Opfers an die Öffentlichkeit gewandt. Wenn es zu einem Prozess kommt, werden sie als Nebenkläger auftreten. Bei einer Mahnwache in der Nähe des Unfallortes hatten mehrere Beteiligte Unmut gegenüber den Behörden geäußert. Fabiens Mutter sagte bei der Veranstaltung: „Wir möchten heute unserer Tochter Fabi gedenken.“ Nichts sei auch zwölf Monate nach dem Unfall passiert, sagte die Mutter und fragte: „Gelten für Beamte andere Gesetze?“

Fahrer wurde im Krankenhaus Blut abgenommen

Auf Nachfrage der Berliner Morgenpost wies die Staatsanwaltschaft diesen Vorwurf zurück. Die Ermittlungen hätten bereits im vergangenen Jahr im Herbst kurz vor dem Abschluss gestanden. Dann seien aber über die Nebenklage die Anschuldigungen bekannt geworden, dass der Fahrer des Polizeiwagens alkoholisiert gewesen sein soll.

Die Nebenklage hatte ihrerseits einen anonymen Tipp erhalten. Zunächst seien die Vorwürfe aber nicht ausreichend genug gewesen, hieß es. Im Laufe der Ermittlungen konnten sie aber konkretisiert werden, sodass die Staatsanwaltschaft schließlich die Patientenakte beschlagnahmen ließ.

Dem Fahrer des Streifenwagens war nach dem Unfall im Krankenhaus Blut abgenommen worden. Dass eine Kontrolle nicht am Unfallort geschah, ist laut Staatsanwaltschaft nicht ungewöhnlich. Nur wenn es einen Verdacht gebe, werde so verfahren. Das sei zunächst nicht der Fall gewesen. Wann die Staatsanwaltschaft nun Anklage erhebt, ist noch unklar. Behördenintern rechnet man aber mit einer zeitnahen Entscheidung.

Berliner Polizeipräsidentin: "Der bloße Verdacht erschüttert"

Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik nahm am Mittwochmorgen Stellung zur Morgenpost-Berichterstattung. Über den Twitter-Account der Polizei teilte sie mit: "Der Unfall war entsetzlich, an Schwere kaum zu übertreffen. Auch wenn Fragen nach Schuld und Verantwortung grundsätzlich erst nach Ende der Ermittlungen mit dem Urteil des Gerichts geklärt werden können, erschüttert der bloße Verdacht." Sie sicherte der Familie der Getöteten zu, "mit vollem Nachdruck und rückhaltlos alles zur Aufklärung Erforderliche" beizutragen.

Innen-Staatssekretär Torsten Akmann teilte mit: „Der im Raum stehende Verdacht wiegt schwer und lässt den ohnehin sehr tragischen Unfall nun nochmal in einem anderen Licht erscheinen. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass die Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft in dem gesamten Fall noch nicht abgeschlossen sind und von dort weiterhin akribisch fortgeführt werden." Er befürworte, dass die Polizei bereits ihre volle Unterstützung zur umfassenden Aufklärung des Sachverhalts zugesagt habe.

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