Nahverkehr in Berlin

U-Bahn-Krise: Die BVG dünnt den Takt aus

Einige Linien der U-Bahn fahren ab kommenden Montag seltener. Der Fahrgastverband warnt vor noch mehr Ausfällen.

Eine U-Bahn der Linie U7 am Bahnhof Konstanzer Straße (Archivbild).

Eine U-Bahn der Linie U7 am Bahnhof Konstanzer Straße (Archivbild).

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Jetzt bekommen die Fahrgäste die U-Bahn-Krise ganz direkt zu spüren. Weil sie nicht genügend Wagen haben, lassen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) die Züge auf mehreren Linien künftig seltener fahren. Entsprechende Pläne hatte BVG-Chefin Sigrid Nikutta bereits in der Vorwoche angekündigt. Nun aber werden sie konkret.

So werden ab kommendem Montag die Takte auf den Linien U6 (Alt Tegel–Alt Mariendorf) und U9 (Osloer Straße–Rathaus Steglitz) verlängert. Die U6 fährt im Berufsverkehr künftig im Fünf-Minuten-Takt. Bislang soll laut Fahrplan alle gut vier Minuten ein Zug kommen. Auf der U9 verlängert sich der Takt um 40 Sekunden auf einen abstand von knapp fünf Minuten. Ab 4. März ist auch eine Taktverlängerung auf Berlins längster Linie, der U7, vorgesehen. Statt im Abstand von viereinhalb Minuten sollen die Züge zwischen Rudow und Rathaus Spandau im Berufsverkehr nur noch alle fünf Minuten fahren. 30 oder 40 Sekunden – das klingt im ersten Moment nach wenig, bedeutet aber eine Reduzierung der Leistung um rund zehn Prozent.

Mit den als „Taktanpassungen“ bezeichneten Leistungskürzungen reagiert die BVG auf den seit Monaten bestehenden Fahrzeugmangel bei der U-Bahn, speziell auf den sogenannten Großprofillinien (U5 bis U9). Allein von der auf diesen Strecken eingesetzten Baureihe F79 (Baujahr 1979) musste die BVG bereits 44 der 70 Wagen aus dem Verkehr ziehen, weil sie irreparable Schäden aufweisen. Wegen des hohen Alters und der großen Beanspruchung fielen zuletzt aber auch Züge anderer Baureihen häufiger aus.

Mit Taktverlängerungen sollen Wagen eingespart werden

Mit den Taktverlängerungen will die BVG rund 50 Wagen gegenüber dem heutigen Fahrplan einsparen. „Mit der Anpassung gewinnen wir nun die ansonsten fehlenden Wagenkapazitäten, können einen wieder sauberen Takt anbieten und bei technisch bedingten Ausfällen auf der Strecke schnell Ersatz stellen“, begründete U-Bahnbereichsleiterin Nicole Grummini die Einschränkungen. Vor allem die Ausfälle im Berufsverkehr sind für Fahrgäste, aber auch die BVG-Mitarbeiter eine echtes Problem. Fehlt ein Zug, sind die nachfolgenden U-Bahnen noch voller als ohnehin. „Weil der Fahrgastwechsel an den Bahnhöfen dann auch entsprechend länger dauert, nimmt die Verspätung des Zuges zu, die Taktlücke wächst, der Andrang wird noch größer“, so Grummini.

Für den Berliner Fahrgastverband Igeb ist ein ausgedünnter Fahrplan zwar ärgerlich, „aber besser als ein Fahrplan, der nicht verlässlich gefahren werden kann“. Den Fahrgastvertretern genügt das Krisenmanagement nicht. „Wir fordern eine schonungslose Offenlegung des Zustandes des Wagenparks. Dabei gehen wir davon aus, dass die Ausfälle weiter anhalten und sich zunächst noch verschärfen werden“, heißt es in einem Brandbrief unter der Überschrift „Zur Lage der BVG und Auswege aus der Krise“, der der Morgenpost vorliegt.

„Die Fahrgäste werden auch in den nächsten Jahren insbesondere mit einer U-Bahn leben müssen, die nur noch ein Schatten ihrer einstigen Leistungsfähigkeit ist“, heißt es in dem Igeb-Brief. Die für die BVG zuständigen Senatorinnen Ramona Pop (Wirtschaft, Grüne) und Regine Günther (Verkehr, parteilos, für Grüne) müssten von der BVG einen Plan zur Krisenbewältigung einfordern. So müssten Instandhaltungskonzepte ausgearbeitet und eingeführt werden, die die Verfügbarkeit von Fahrzeugen substanziell verbessern. Dazu sei auch externe Kompetenz hinzuzuziehen.

Koalitionsspitzen streiten über neue U-Bahnlinien

Die Lage im Nahverkehr sorgte auch beim Koalitionsausschuss am Mittwoch für Streit. Die Spitzen von SPD, Linken und Grünen debattierten ausgiebig, aber ergebnislos, ob Berlin nun zusätzliche U-Bahnstrecken benötigt und bestehende verlängern sollte. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) warf den Grünen vor, aus ideologischen Gründen gegen neue U-Bahnen zu sein. Diese konterten, das Beharren auf Verlängerungen sei ebenfalls ideologisch und helfe nicht, die aktuelle Krise zu beheben.

Die derzeit zwischen den Senatsressorts abgestimmte Planungsunterlage für die Zukunft, der Nahverkehrsplan, müsse schon ausweisen, ob etwa zum Märkischen Viertel oder zum neuen Stadtviertel auf dem Tegeler Flughafengelände eine U-Bahn gebaut werde oder es andere Verkehrsanbindungen geben solle, so die Sozialdemokraten. Die Grünen hingegen befürchten, dass die für die U-Bahn eingesetzten Ressourcen dann für die im Koalitionsvertrag verabredeten neuen Straßenbahnlinien fehlen würden. Wie die Lage kurzfristig verbessert werden kann, soll ein weiterer Koalitionsausschuss erörtern. Dann sollen auch Verkehrssenatorin Günther und die Fachpolitiker aus den Fraktionen dabei sein.

Die Linke-Fraktion hat nach einem Gespräch mit BVG-Chefin Nikutta einen Maßnahmenkatalog vorgelegt, um die BVG schneller voranzubringen. Unter anderem fordert die Fraktion, die zeitliche Begrenzung von Busspuren zu beenden und endlich die Verordnung zu verabschieden, mit der die BVG selbstständig Falschparker auf Busspuren abschleppen darf. Bislang ist sie auf die Unterstützung der Polizei angewiesen. In einer konzertierten Aktion sollten Senat und BVG in diesem Halbjahr Maßnahmen zur Beschleunigung des Busses auf den verspätungsanfälligsten Straßen anordnen, fordern die Linken. Außerdem müssten die Busse endlich Vorrang bei Ampelschaltungen bekommen.

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