Pflegenotstand

„Wir sind einfach nur billige Arbeitskräfte“

Schülerinnen einer Berliner Krankenpflegeschule beklagen den schwierigen Klinikalltag und fehlende Anleitung. Sie wollen etwas ändern.

Alba, Paula und Kira (v.l.) machen eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Alba, Paula und Kira (v.l.) machen eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin.

Foto: Maurizio Gambarini

Höchstens zehn Minuten bräuchte Paula für die Eintragungen in die Patientenakte. Zehn Minuten am Stück? Die findet die 21-Jährige nicht. Schon nach einer Minute klopft ein Angehöriger an die Scheibe des Schwesternzimmers. Etwas ungehalten, immerhin ist er jetzt zum dritten Mal hier, froh, dass jetzt überhaupt mal jemand da ist. Natürlich kann Paula ihn verstehen. Aber ehe sie ihn beruhigen kann, klingelt das Telefon: Wo bleibt der Patient für die Untersuchung? „Ja, kommt gleich.“ Oder doch nicht gleich, denn in diesem Moment wird ein Patient aus der Rettungsstelle hochgebracht. Und dann leuchtet auch noch der Alarm in Zimmer 23.

Klingt wie eine Ausnahmesituation, ist für Paula aber Alltag. Oft findet sie nicht einmal Zeit, auf die Toilette zu gehen. Pause heißt für sie meistens: mal eben schnell vom Brötchen abbeißen und weiterhasten. „Ich bin während der Schicht die ganze Zeit auf Adrenalin und komme danach oft stundenlang nicht runter.“ Meist sind sie zu zweit auf einer Station, zwei Flure, jeweils etwa 15 ­Betten. Eigentlich müssten dafür mindestens drei Kräfte im Einsatz sein. Eigentlich liegt der Personalschlüssel in den meisten Abteilungen als Minimum bei eins zu zehn. Und eigentlich dürfte Paula nicht einmal zehn Patienten betreuen. Sie ist Schülerin im fünften Semester in der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Seit 2004 werden so ­offiziell Krankenschwestern genannt.

Nach über zwei Jahren fühlt sich Paula völlig ausgebrannt

Paula ist mit viel Euphorie im Herbst 2016 in die Ausbildung gestartet. Der ganze Medizinbereich hat sie gereizt, daher hat sie nach dem Abitur ein dreimonatiges Pflegepraktikum in einem Krankenhaus absolviert. „Ich war begeistert, Krankenpflege ist so ein sinnvoller Beruf, habe ich gedacht.“ Das denkt sie noch immer, aber nach gut zwei Jahren denkt sie auch: „So, wie die Bedingungen im Krankenhaus sind, kann ich ihn nicht sinnvoll ausüben. Und nicht einmal richtig erlernen, weil die Zeit für die Anleitung fehlt.“

Sie will nicht, dass es so weitergeht. Sie will etwas ändern. Darum hat sie Ende des Jahres einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin und den Bundesgesundheitsminister geschrieben und auf Facebook veröffentlicht. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Insider über den Krankenhausalltag auspackt. Bundesweit hatte kurz zuvor der Facebook-Brief der Kinderkrankenschwester Johanna Uhlig für solches Aufsehen gesorgt, dass sogar Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in einer Videobotschaft antwortete und Besserung in den Kliniken versprach.

Paula wollte nun die Perspektive einer Krankenpflegeschülerin darstellen, sie schreibt: „Wir werden vor Aufgaben gestellt, für die wir noch nicht qualifiziert sind. Wir können ja ablehnen, sagt die Schule, aber sagt das mal der verzweifelten Pflegekraft, die auf uns angewiesen ist.“ Also machen sie mit, „wir machen uns also strafbar“. Paula erzählt auch davon, dass sie von elf Diensten achtmal auf einer anderen Station aushelfen musste, dass sie ihre Praxisanleiterin, die eigentlich immer für eine Schülerin und ihre Beurteilung zuständig ist, erst am letzten Tag eines mehrwöchigen Einsatzes kennengelernt hat.

Sie bekam viel Zustimmung für ihren offenen Brief

Sie schreibt auch: „Nach über zwei Jahren fühle ich mich so ausgebrannt, dass ich mir nicht vorstellen kann, nach der Ausbildung in dem Beruf zu bleiben.“ Fast 4000 Likes bekam sie für den Brief und Hunderte Kommentare. Der Tenor: Ja, genauso ist es. Und endlich macht mal jemand den Mund auf. Auch eine Lehrerin an ihrer Schule hat ihr den Rücken gestärkt. Von Jens Spahn gab es übrigens keine Antwort.

Anlass zu ihrem Brief war die einzig positive Erfahrung, die sie bis dahin in ihrer Ausbildung gemacht hatte – im fünften von sechs Semestern: Acht Wochen war sie zuvor auf der Intensivstation. Und danach konnte sie zum ersten Mal auf dem Reflexionsbogen einen Haken hinter „Ich konnte meine Vorstellung von ganzheitlicher Pflege verwirklichen“ setzen. Auf der Intensivstation „wurde ich nicht als Hilfskraft eingesetzt, sondern das erste Mal als Schüler gesehen und zusätzlich eingeplant. Ich wurde gut und viel angeleitet und nicht alleine gelassen wie sonst.“ Ende November war diese Zeit aber vorbei, ihr stand der nächste Einsatz auf der Inneren Medizin bevor, zum dritten Mal während der Ausbildung. Sie wusste, dass sie dort wieder das Gegenteil erwartete. „Ich saß zu Hause auf dem Sofa und wurde so wütend, dass ich einfach diesen Brief geschrieben habe.“

Und sie will weiterkämpfen. Inzwischen ist sie nicht mehr allein. Zwei Mitschülerinnen, Kira und Alba, haben sich ihr angeschlossen. Die drei sind in einer Klasse, arbeiten im selben Krankenhaus. In welchem, sagen sie nicht, das spielt auch keine Rolle, die Personalnot ist in allen Berliner Kliniken ähnlich groß. Gemeinsam gehen sie nun an die Öffentlichkeit, gemeinsam suchen sie nach Wegen, etwas zu verändern oder zumindest anzustoßen. Darum erzählen sie der Berliner Morgenpost nach einem langen Arbeitstag, der für sie um 6 Uhr morgens begonnen hat, bis in den Abend hinein von ihrem Arbeitsalltag.

Ständig fehlt Zeit

Die 22-jährige Kira sagt: „Ich habe noch nie einen Katheter gelegt, aber das müsste ich längst schon im fünften Semester gemacht haben. Wenn ich das der examinierten Schwester sage, antwortet sie: ,Ach, dann mach ich das schnell, ich habe jetzt nicht die Zeit, dir das zu zeigen.‘“ Ja, die Zeit fehlt, das sieht Kira, darum traut sie sich manchmal gar nicht mehr zu fragen. „Oft heißt es auch: Ich zeige dir jetzt mal, wie wir es machen, wie es schnell geht, aber so darfst du es nicht in der Prüfung machen.“ Alba weiß gleich ein Beispiel: das Desinfizieren. Die Lösung sollte 30 Sekunden einwirken, aber die Zeit habe doch niemand, also mache es auch niemand.

Die Lücke zwischen Theorie und Praxis ist offenbar riesig. Und die Schülerinnen sprechen überdies von einer rechtlichen Grauzone, in der sie sich den ganzen Tag bewegen. „Wir haben noch nicht die Ausbildung, werden aber eingesetzt als ob. Wir sind einfach nur billige Arbeitskräfte“, sagt Kira. Ein Pflegeschlüssel von 1:10 ist ohnehin eine Herausforderung, wenn dabei auch Patienten mit besonderem Pflegebedarf oder Demenzkranke sind, für eine Schülerin ist das kaum zu schaffen. Auch körperlich nicht. Eigentlich sollte zum Beispiel das Umbetten zu zweit stattfinden, aber eine zweite Kraft steht selten zur Verfügung, erzählt Alba. Also muss sie es oft allein machen. Natürlich geht auch das dann nicht nach Lehrbuchmethode.

Mehr als die Hälfte hat die Ausbildung abgebrochen

Alba ist mit 19 Jahren die jüngste Schülerin in der Klasse. Am Anfang waren sogar einige Mädchen in der Klasse, die erst 16 Jahre alt waren, aber von denen ist längst keine mehr dabei, die Ersten waren schon in der Probezeit weg. „Der Druck ist einfach zu groß, besonders wenn man so jung ist“, sagt sie. Auch sie hatte schon Momente, in denen sie fast aufgegeben hätte, aber ich habe mich irgendwie durchgebissen, weil ich den Beruf mag, weil es mir Spaß macht, Verantwortung zu übernehmen.“ Aber sie weiß auch, es hätte ihr geholfen, wenn sie mal jemand an die Hand genommen hätte. Auch als sie am Ende ihrer ersten Woche im Krankenhaus einen Toten im Zimmer sah, gab es niemanden, der sie aufgefangen hat. „Ich musste die ganze Zeit weinen“, aber selbst für Trost fehlte die Zeit.

Die Arbeitsbedingungen in den Kliniken sind schwierig, da helfen auch jüngst beschlossene Personaluntergrenzen nichts, wenn es das Personal gar nicht gibt. Um diese Grenzen trotzdem nicht zu unterschreiten, würden daher oft Zimmer geschlossen, sagen die Schülerinnen.

Wegen der großen Belastung gehen viele Pflegekräfte in den Krankenhäusern mit ihrer Stundenzahl runter. Zusätzlich heuern sie für die Reststunden in einer Leasingfirma an, dort verdienen sie nicht schlechter und können über ihre Arbeitszeiten besser bestimmen. „Die Arbeit mit den Leasingkräften ist aber oft kein gleichwertiger Ersatz“, sagt Kira, „es gibt einige, die sich richtig reinhängen, aber auch viele, die nur kurz kommen, sich auf einer Abteilung ja gar nicht auskennen und sich auch nicht so verantwortlich fühlen wie eine Pflegekraft aus dem Team.“

Auch die Patienten leiden

Die Stärkung der Ausbildung könnte mehr Personal bringen, aber so, wie es jetzt läuft, lassen sich die Schüler offenbar nicht halten oder erst gar nicht zur Ausbildung bewegen. Von ursprünglich 28 Schülerinnen ist die Klasse von Paula, Kira und Alba heute auf 13 geschrumpft. Und selbst von diesen 13 werden wohl nur wenige nach der Ausbildung weiter in dem Beruf arbeiten. Und damit ist diese Klasse keine Ausnahme. Viele wollen nicht unter diesen Bedingungen arbeiten, andere sehen die Ausbildung ohnehin als Sprungbrett ins Medizinstudium. Auch Kira hatte die Ausbildung eigentlich begonnen, weil sie nicht gleich einen Studienplatz bekommen hat. „Aber dann habe ich Krankenpflege als schönen und vielfältigen Beruf kennengelernt, in dem ich mir auch hätte vorstellen können zu bleiben“, sagt sie. Nach zwei Jahren aber weiß sie: „Durch die Bedingungen kommt man gar nicht zu dem, was es schön macht.“ Und dann sagt sie noch: „Ist doch traurig, wenn man so etwas sagen muss.“

Auch an den Patienten geht das alles nicht vorbei, das sehen die Schülerinnen, und auch das finden sie traurig. Immer öfter erleben die drei, dass Patienten Dinge allein machen, die sie nicht allein machen sollten. „Nach einer Operation soll ein Patient beim ersten Mal nicht allein auf die Toilette gehen“, erklärt Alba, weil der Kreislauf instabil sein kann. Oft klingeln die Patienten aber gar nicht, wenn es so weit ist, und sagen später: „Ach, ich sehe doch, was sie alles zu tun haben.“

Und da ist noch etwas. „Eine Patientin sagte mir mal, ich sei die erste Person während ihres Aufenthaltes, die ihr in die Augen schaut und lächelt“, erzählt Paula in ihrem Post. Sie solle sich ihre positive Art und dieses Lächeln bloß bewahren. Das will Paula. Aber ob sie das als ­Krankenpflegerin schafft, das weiß sie nicht.

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