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Lufthansa-Chef macht sich für Tegel stark

Der Vorstandsvorsitzende Carsten Spohr befürchtet Kapazitätsengpässe im Luftverkehr. TXL-Befürworter sehen sich bestätigt.

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Tegel. Es war ein Paukenschlag, noch bevor die Musik begann: Traditionell lädt die Lufthansa zu Jahresbeginn Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Diplomatie sowie Stammkunden zum Neujahrskonzert ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt. In diesem Jahr nutzte Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr seine Rede vor Konzertbeginn für ein überraschendes Statement zu Tegel.

Spohr verwies zunächst auf das anhaltend starke Wachstum im weltweiten Luftverkehr, das zu erheblichen Kapazitätsengpässen in der operativen Betriebsdurchführung speziell in Europa geführt habe. Angesichts dieser Probleme würden „inzwischen unsere Kunden und viele in der Öffentlichkeit zu Recht von allen Beteiligten erwarten, dass wir die Frage der Offenhaltung von Tegel mit Blick auf die aktuelle Entwicklung des Luftverkehrs neu bewerten“, sagte Spohr am Dienstagabend – und bekam dafür viel Beifall aus dem Publikum.

Für viele Luftfahrtexperten kam Spohrs indirektes Plädoyer für ein Offenhalten von Tegel überraschend. Hatten sich doch gerade die Vertreter von Europas größter Fluggesellschaft bisher stets für das Single-Airport-Konzept, also für den Betrieb von nur einem Flughafen in der Hauptstadtregion, ausgesprochen. Noch vor zwei Jahren etwa hatte der damalige Cheflobbyist der Lufthansa in Berlin, Thomas Kropp, eindringlich vor dem Betrieb von mehreren Flughäfen in der Hauptstadtregion gewarnt.

„Es gibt sachliche Gründe, den Luftverkehr in dieser Region an einem Standort, dem BER, zu bündeln“, sagte er damals mit Blick auf die laufende Unterschriftensammlung für einen am Ende erfolgreichen Volksentscheid für einen Weiterbetrieb von Tegel. Nur mit einem Single-Airport sei in Berlin ein ausreichend großes Passagieraufkommen für einen wirtschaftlichen Betrieb des Flughafens zu erreichen.

BER nur für 22 Millionen Passagiere ausgelegt

Doch nun scheinen sich auch bei der Lufthansa Zweifel zu mehren, dass der BER bei seiner derzeit für Oktober 2020 angekündigten Eröffnung ausreichend Kapazitäten bieten kann. So waren etwa am Flughafen Tegel im vorigen Jahr so viele Menschen wie noch nie verreist. Mit 22 Millionen abgefertigten Fluggästen werde das bisherige Rekordjahr 2016 um gut 700.000 Passagiere übertroffen, so die Bilanz der Flughafengesellschaft. Insgesamt sind in Tegel und Schönefeld 34,7 Millionen Passagiere gestartet und gelandet – fast 1,4 Millionen Fluggäste mehr als 2017. Die Delle nach dem Air-Berlin-Aus wurde damit mehr als ausgeglichen.

Demgegenüber steht die Kapazität des BER, der gerade einmal für die Abfertigung von 22 Millionen Passagieren im Jahr ausgelegt ist. Die Flughafengesellschaft verweist aber darauf, dass die Terminals von Schönefeld-Alt weiter in Betrieb bleiben werden. Zudem wurde mit dem Bau eines Zusatzterminals T2 begonnen, in dem weitere sechs Millionen Passagiere abgefertigt werden können. Und selbst wenn T2 nicht rechtzeitig zur BER-Eröffnung fertig sein sollte, würden die Kapazitäten am BER ausreichen, hatte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup noch im Dezember versichert.

„Es ist völlig unakzeptabel, dass der Lufthansa-Chef so etwas ohne Konzept in den Raum stellt“, kommentiert der Berliner SPD-Fraktionsvize Jörg Stroedter Spohrs Vorstoß. Für ihn sei dies ein weiterer Beleg dafür, dass die Lufthansa „Nullinteresse am BER“ habe. Ein Weiterbetrieb von Tegel sei nicht nur rechtlich und umweltpolitisch fragwürdig, sondern auch wirtschaftlich Unsinn.

Tegel-Befürworter sehen sich bestärkt

Befürworter eines Tegel-Weiterbetriebs sehen sich hingegen durch den Lufthansa-Chef bestätigt. „Das Bekenntnis der Lufthansa zu Tegel ist mehr als eine Orientierung an den aktuellen Entwicklungen im Luftverkehr, es ist eine Misstrauenserklärung an die Zukunftsfähigkeit des BER“, erklärte am Mittwoch FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja.

Die drohenden Kapazitätsengpässe am BER, die Aussicht auf eine Dauerbaustelle voller Einschränkungen und nicht zuletzt die Großflughafenpläne bei Warschau erforderten ein grundlegendes Umdenken für den Luftverkehrsstandort Berlin-Brandenburg. „Wenn Deutschlands größte Airline und eine Million Bürger diesen Zweifel äußern, muss der Senat sofort seinen Anti-TXL-Kurs ändern.“

Spohr beklagte zugleich „unhaltbare Zustände“ in Tegel. Vor allem bei der Lufthansa-Tochter Eurowings hatte es im Vorjahr zahlreiche Flugausfälle und Verspätungen gegeben. Spohr machte dafür auch Engpässe bei der Gepäckabfertigung und den Sicherheitskontrollen verantwortlich. Von der Berliner Flughafengesellschaft forderte Spohr weitere Investitionen in den alten City-Flughafen. „Wir werden weiterhin keine Ruhe geben, bis diese Situation verbessert wird.“

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