Gerichtsprozess

So wurde Clan-Chef Abou-Chaker im Gerichtssaal verhaftet

Arafat Abou-Chaker soll wegen eines Streits mit dem Musiker Bushido die Entführung von dessen Ehefrau und den Kindern geplant haben.

Bereits im September vergangenen Jahres durchsuchten mehr als 100 Beamte das Anwesen von Arafat Abou-Chaker in Kleinmachnow.

Bereits im September vergangenen Jahres durchsuchten mehr als 100 Beamte das Anwesen von Arafat Abou-Chaker in Kleinmachnow.

Foto: Morris Pudwell

Berlin. Er war schon fast auf dem Weg in die Freiheit, doch dann klickten die Handschellen: Am Dienstag ist mit Arafat Abou-Chaker (42) einer der bekanntesten Clan-Chefs Berlins verhaftet worden. Der Zugriff erfolgte für das Oberhaupt der polizeibekannten Neuköllner Großfamilie und dessen Anwälte überraschend im Amtsgericht Tiergarten. Abou-Chaker war zuvor erstmals verurteilt worden.

Er bekam zehn Monate auf Bewährung wegen Körperverletzung und Bedrohung eines Hausmeisters in einem Sportstudio in Charlottenburg. Eigentlich wollte der Clan-Chef nach der Urteilsverkündung gehen, als ihm der Richter in aller Ruhe mitteilte, er habe noch etwas anderes zu verkünden und zwar einen Haftbefehl. Den hatte die Staatsanwaltschaft am Tag zuvor wegen eines anderen Verfahrens erwirkt. In dessen Zentrum steht ein seit Monaten schwelender Streit mit dem Berliner Rapper Bushido.

Dabei soll es offenbar um eine möglicherweise geplante Entführung von Familienmitgliedern des Rappers Bushido gehen. Abou-Chaker, der ehemalige Geschäftspartner des Rappers, sei dringend der Verabredung zu einem Verbrechen verdächtig, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Die Staatsanwaltschaft bestätigte der Berliner Morgenpost, dass ein Haftbefehl wegen Flucht- und Verdunklungsgefahr gegen Arafat Abou-Chaker vorliege. Der Clan-Chef wurde noch am Dienstag in eine Zelle an der Turmstraße gebracht. Der Staatsanwaltschaft spielte auch die örtliche Begebenheit im Gericht in die Hände. Denn das Gericht ist über ein Tunnelsystem mit der Untersuchungshaftanstalt Moabit verbunden.

Mehr als 100 Beamte bei Durchsuchung im Einsatz

Der Berliner SPD-Innenexperte Tom Schreiber (SPD) äußerte sich auf Twitter zufrieden über das Vorgehen gegen den Clan-Chef: „Arafat Abou-Chaker wurde im Gerichtssaal festgenommen. Eine gute Nachricht und ein starkes Signal an die OK&Clankriminalität.“ Benjamin Jendro, der Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei, kommentierte auf Twitter: „Berlin hat den großen Einfluss bestimmter Protagonisten in der organisierten Kriminalität durch jahrelanges institutionelles Wegsehen und Kleinreden sowie mangelndes Durchgreifen mit zu verantworten. Es ist ein wichtiges Zeichen unseres Rechtsstaates, dass Arafat Abou-Chaker den Gerichtssaal mal ohne ein Lächeln auf den Lippen verlässt.“

Der Konflikt zwischen Bushido und Arafat Abou-Chaker hatte sich seit Monaten zugespitzt. Erst Ende November des vergangenen Jahres durchsuchte das Berliner Landeskriminalamt das Grundstück des Clan-Chefs im brandenburgischen Kleinmachnow mit mehr als 100 Beamten, darunter auch Kräfte des Spezialeinsatzkommandos (SEK). Schon damals ging es um den Vorwurf einer geplanten Entführung. Damals sollen mehrere Beweismittel gesichert worden sein.

Reportage: So sieht die abgeschottete Welt der Clans aus

In Berlin gibt es inzwischen mächtigere Clans

Clan-Chef Arafat Abou-Chaker und der Rapper Bush­ido hatten sich im Frühjahr des vergangenen Jahres geschäftlich getrennt. Bushido suchte Schutz bei einem anderen Clan. Gerüchten zufolge soll es sich dabei um Ashraf R. handeln. Nicht offiziell, aber in Ermittlerkreisen heißt es, in den Umständen der Trennung liege eines von mehreren Motiven für die Schüsse im Juni auf den Imbiss „Papa Ari“ von Arafat Abou-Chaker In einem Interview mit dem Magazin „Stern“ sprachen Bushido und seine Ehefrau Anna-Maria Ferchichi darüber, wie sehr sie unter Arafat Abou-Chaker und seinem Clan gelitten hätten. Mehrere Mitglieder dieser arabischen Familie gelten als hochkriminell.

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Erfahrene Berliner OK-Ermittler schätzen den Einfluss des Clans von Abou-Chaker in Berlin allerdings als nicht übermäßig groß ein. Die Familien R., Al.-Z., C. und M. gelten in Berlin als mächtiger. Allerdings, heißt es aus Ermittlerkreisen, hätte kein anderer Familienclan es so sehr verstanden, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Auftritte von Arafat Abou-Chaker auf roten Teppichen gemeinsam mit Bushido waren ein wichtiger Teil in der öffentlichen Darstellung. Mit der Trennung von Bushido steht das Geschäftsmodell vor dem Aus.

Berlin hatte in den vergangenen Monaten den Druck auf kriminelle Großfamilien spürbar erhöht. So hatten mehrere Behörden und Verwaltungen etwa eine engere Zusammenarbeit angekündigt und einen Fünf-Punkte-Plan beschlossen. Polizeipräsidentin Barbara Slowik hat zudem ein Zentrum für Analyse und Koordination zur Bekämpfung krimineller Strukturen (ZAK BkS) ins Leben gerufen. Es gelte der Null-Toleranz-Ansatz, hieß es aus Polizeikreisen. Bereits kleinste Regelverstöße sollen konsequent bestraft werden.

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