Wildtiere in Berlin

Warum die Wildschweine immer weiter in die Stadt kommen

In Berlin gibt es zwar nicht mehr Wildschweine, aber sie sind in diesem Winter hungriger als sonst.

Wildschweine dringen in Berlin immer weiter in die Stadt vor

Wildschweine dringen in Berlin immer weiter in die Stadt vor

Foto: Jens Büttner / dpa

Berlin. Wildschweine rasen am hellichten Sonntag durch Kleinmachnow, ein Mann tötet ein Tier auf einem Supermarktparkplatz in Tegel, ein Keiler wird in einem Tempelhofer Keller erlegt, eine Rotte kollidiert mit einem ICE. Die Meldungen über Wildschweine häufen sich. Und damit wächst auch die Angst bei Berlinern vor dem Wildtier und die Befürchtung, dass es immer weiter in die Innenstadt vordringen könnte. Derk Ehlert, Berlins Wildtierbeauftragter, gibt aber Entwarnung: „Die Zahl der Wildschweine ist nicht gestiegen, allerdings sind sie zurzeit aktiv auf Futtersuche.“

Zwischen 3000 und 5000 Tieren leben nach seinen Schätzungen in der Großstadt, die Zahl sei seit Jahren stabil. Gefühlt sind aber mehr Tiere unterwegs. Durch den trockenen Sommer und Herbst konnten die Wildschweine weniger Nahrung finden als sonst und müssen sich darum jetzt ihren Winterspeck anfuttern, bevor die Frostperiode einsetzt. Das führt auch dazu, dass das Schwarzwild bevorzugt Gärten in Waldnähe aufsucht, weil dort das Futterangebot besonders vielfältig ist.

Schon im Sommer haben die Wildschweine zum Leidwesen der Gartenbesitzer gelernt, dass sie hier mehr Essbares finden als im Wald, weil die Gärten gesprengt wurden und daher hier mehr wuchs und mehr Kleingetier in der oberen Bodenschicht leben konnte. Und was die Schweine einmal gelernt haben, merken sie sich. Ein Umstand, den auch die Kleinmachnower Gartenbesitzer immer wieder zu spüren bekommen, sie haben häufig ungebetenen Besuch von Bache, Keiler und Frischling. „Der Ort ist umgeben von Kiefernwäldern, die nur wenig Nahrung bieten“, erklärt Ehlert, da würden die Tiere im grünen Kleinmachnow mit den vielen Gärten gern zum Essen kommen.

Wildschweine in Kleinmachnow sind fast alltäglich

Wildschweine in Kleinmachnow gehören also fast zum Alltag, aber dass eine so große Horde wie am Sonntag durch den Ort läuft, beeindruckt selbst den Experten. Normalerweise bestehe eine Rotte aus etwa sieben Tieren, hier waren es viermal so viele, sagt Ehlert. Drei Generationen waren vertreten, hat der Wildtierbeauftragte nach Sichtung des Videos erkannt: eine Bache mit Schwestern und zwei Generationen Kindern. Was Ehlert auch erkannt hat: „Die Tiere waren hochflüchtig, sie müssen von Jägern oder Hunden gejagt worden sein“, sonst wären sie nie so schnell und mitten am Tag unterwegs gewesen. Dass die Tiere auf der Flucht waren, hat der Experte auch daran gesehen, wie ihre Nackenhaare aufgestellt waren.

Gejagt werden dürfen Wildschweine in Berlin das ganze Jahr über. Das ist auch aus Schutz vor der Afrikanischen Schweinepest notwendig, versichert Derk Ehlert. Nicht geschossen werden allerdings Bachen mit sehr kleinen Frischlingen.

In der Stadt darf aber nicht jeder Jäger einfach sein Gewehr zücken, wenn er irgendwo Wild entdeckt. In den Wäldern sind die Förster oder Begehungsscheininhaber, also Menschen mit einer Jagderlaubnis für einen bestimmten Bereich, zuständig. Im besiedelten Gebiet sind es die Stadtjäger. In Berlin gibt es davon 20. Sie brauchen eine besondere Befähigung, denn sie müssen ja nicht nur jagen können, „sondern vor allem auch mit Menschen umgehen können“, erklärt Ehlert. Ein Stadtjäger müsse beruhigen und den Menschen ja auch erklären, was er da mit seiner Waffe vorhat. Manche Passanten haben Angst, andere wollen nicht, dass das Wildtier erschossen wird, das Schwein selbst wird wegen des Aufruhrs immer unruhiger. Da brauche es Besonnenheit.

In Kleinmachnow und Süd-Zehlendorf haben die Menschen schon viel Erfahrung mit den Tieren. Es sind schließlich die Hotspots des Schwarzwilds in und um Berlin, wie Ehlert weiß. Außerdem laufen sie einem in Berlin besonders am Wannsee, in Spandau, in Hakenfelde, im Tegeler Forst, in Tegel Ort und im Allende-Viertel in Köpenick über den Weg. Nur selten dringen sie weiter in die Stadt vor. Die Wildschweine am Alexanderplatz sind zwar nicht vergessen, aber ihr Auftritt am Verkehrsknotenpunkt Berlins liegt nun schon mehr als 15 Jahre zurück.

Für dieses Jahr rechnet Derk Ehlert mit einem leichten Rückgang des Wildschweinbestandes. Durch den trockenen Sommer sind die Tiere in einem schlechteren Zustand, sie gehen mit weniger Winterspeck in die Reproduktionsphase. Und dünnere Tiere würden weniger Junge bekommen.

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