Stadtentwicklung

Investor will Wohnungsbau statt „Kleingartenirrsinn“

In Zeiten der Wohnungsknappheit rücken Laubenkolonien ins Visier von Investoren.

Kleingärtner in Berlin (Archivbild).

Kleingärtner in Berlin (Archivbild).

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

Berlin. Mehr als 400 Obstbäume und -Sträucher alter und exotischer Sorten säumen die Wege in der Kleingartenanlage „Am Kienberg“ in Marzahn. „Hier wächst unser Naschobst, an dem sich auch Besucher bedienen können“, sagt der Vorsitzende Burkhard Träder. Auch sonst zeigt sich die Anlage offen: Es gibt einen öffentlichen Spielplatz, zu Sommerfesten oder Pflanztauschbörsen sind die Nachbarn eingeladen. „Und natürlich freuen wir uns immer über nette Gespräche. Sich hinter hohen Hecken zu verstecken und sich nur um Gartenzwerge zu kümmern - das gibt es bei uns nicht“, ergänzt Täder.

Die Anlage hat erst vor wenigen Wochen einen ersten Preis im Bundeswettbewerb Gärten im Städtebau gewonnen. Auch weil hier das praktiziert wird, was Kleingartenanlagen nach Ansicht von Experten in Zukunft auch brauchen, um in Ballungszentren weiter bestehen zu können: ein Miteinander mit der Nachbarschaft. „Wenn Sie Akzeptanz in der Bevölkerung haben wollen, geht das nur, in dem Sie sich öffnen“, sagt Burkhard Träder. Auch viele andere Anlagen haben das laut Bundesverband bereits erkannt.

Berlin ist mit mehr als 70.000 Parzellen Deutschlands Hochburg der Kleingärtner. Auch in anderen Städten boomt die Sehnsucht nach grünen Oasen. „Das geht durch alle Altersgruppen und alle Schichten“, sagt die Hamburger Kleingärtnerin und Autorin Sylvia Doria („Lust auf Laube“), die für ihr Buch viele Geschichten von Kleingärtnern zusammengetragen hat.

Kleinere Parzellen für mehr Gärten auf gleicher Fläche

Während Vereine in dünn besiedelten Regionen mitunter so starke Nachwuchsprobleme haben, dass Anlagen geschlossen werden müssen, geraten in Zeiten der Wohnungsknappheit Flächen in Großstädten immer wieder in den Fokus von Investoren. „Es ist höchste Zeit, dem Kleingartenirrsinn ein Ende zu bereiten und für eine soziale und familiengerechte Stadt einzutreten“, heißt es in einem Aufruf des Berliner Projektentwicklers Arne Piepgras, der gegen Laubenpieper wettert.

„Die Verdrängungsdiskussion gibt es in allen Metropolen mit wachsender Bevölkerung, auch in München, Köln oder Hamburg“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde, Stefan Grundei. Aus seiner Sicht müssen Kleingärtner künftig offen und kompromissbereit sein, was ihre Flächen angeht. „Wir können nicht in die Komplettverweigerung gehen“, betont Grundei und plädiert für eine „intelligente Nutzung“ der Flächen.

„Eine Lösung wäre zum Beispiel, die Größe der Parzellen zu reduzieren und somit mehr Gärten auf der gleichen Fläche zu schaffen“, schlägt der Verbandsvertreter vor. Dann wäre es aus seiner Sicht auch möglich, in Ausnahmefällen Teile von Kleingartenflächen für wichtige Infrastrukturprojekte abzutreten. Insgesamt müsse die Zahl der Parzellen aber gehalten werden, betont er - notfalls auch auf Ersatzflächen. Einzelne Parzellen seien heute mitunter 600 oder 700 Quadratmeter groß. „Das ist viel mehr, als viele Leute brauchen. Sie müssen ja auch auf der Fläche gärtnern“, betont Grundei. In Hamburg sei das Modell der Nachverdichtung bereits sehr erfolgreich

Auch die Präsidentin der Architektenkammer Berlin, Christine Edmaier, plädiert für Verhandeln und Kompromisslösungen. Sie hat zum Beispiel an Straßen gelegene Flächen im Blick. „An einigen bestehenden Kleingärten in gut erschlossenen Gebieten könnte man doch zumindest am Rand entlang der Straßen bauen. Da braucht man kein neues Bauland zu erschließen“. Die Gebäude könnten sich ja auch anpassen, etwa durch viel Grün und Terrassen.

Garantien für Kleingärtner auf landeseigenen Flächen

Im Gegenzug könne man Kleingärtnern für den Rest der Fläche langfristige Sicherheiten geben, schlägt sie vor. „Wir können nicht das Berliner Wohnungsproblem auf Kleingartenflächen lösen, aber wir können einen Teil der Wohnungen dort bauen“, so die Präsidentin. Berlins rot-rot-grüne Regierung hat Kleingärtnern gerade erst neue Garantien für landeseigene Flächen angekündigt. Darüber, dass Kleingärten erhalten bleiben müssen, besteht hier Konsens. Auch aus Sicht von Klimaforschern und Stadtplanern spielen Kleingärten als Grünflächen eine wichtige Rolle in Städten.

„Die reflexartige Darstellung „Wir brauchen Wohnraum und dafür brauchen wir die Flächen“ hat zwar kurzfristige Effekte, ist aber langfristig nicht sinnvoll“, warnt etwa Jürgen Kropp vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Schon jetzt sei die Zahl der Hitzetage in Städten doppelt so hoch wie auf dem Land. „Je dichter wir eine Stadt bauen, desto größer ist der Hitzeeffekt“, so Kropp. Im ungünstigsten Fall werde sich die Zahl der Hitzetage bis zum Ende des Jahrhunderts verzehnfachen. Grünflächen seien hier als Verdunstungsflächen mit Kühleffekt ein wichtiges Mittel, um das Stadtklima zu verbessern. In Zukunft reichen sie laut Kropp aber nicht aus: „Wir brauchen auch vertikale Gärten – also Gärten in Gebäuden“.