Polizeiakademie-Leiterin

Tanja Knapp: „Es gibt ein Bedürfnis nach Regeln“

Die Leiterin der Polizeiakademie, Tanja Knapp, spricht im Interview mit der Morgenpost über Skandale, Reformen und Zukunftspläne.

Tanja Knapp, Leiterin der Polizeiakademie.

Tanja Knapp, Leiterin der Polizeiakademie.

Foto: Amin Akhtar

Seit Monaten kommt die Polizeiakademie nicht aus den Schlagzeilen – die von kriminellen Polizeianwärtern bis zu vielen Durchfallern in Prüfungen reichen. Im Interview mit der Berliner Morgenpost erklärt die neue Leiterin der Akademie Tanja Knapp, wie sie die Polizeiakademie wieder aus den Schlagzeilen bekommen möchte – und warum es dafür Regeln braucht.

Frau Knapp, Sie waren vorher am Kottbusser Tor. Wie hat sich die Arbeit für Sie geändert?

Tanja Knapp: Am Kottbusser Tor war ich total im Einsatzgeschehen und habe mich dort sehr eingebracht. Die Bekämpfung von Kriminalität und Missständen am Kottbusser Tor und im Görlitzer Park waren unter anderem meine Aufgaben. Ich war auch in die Einsatzplanung am 1. Mai involviert. Gerne erinnere ich mich an die letztlich friedliche Räumung der Ger­hard-Hauptmann-Schule. Ich habe daher konkrete Vorstellungen davon, was Polizistinnen und Polizisten an Kompetenzen in ihrem späteren Beruf benötigen. Ich selbst sehe auf 32 Berufsjahre zurück und glaube einiges an Erfahrung abgeben zu können. Ich bin daher sehr motiviert, weil ich die Investition in den Nachwuchs als lohnend empfinde. Es ist völlig anders, aber super spannend. Der Nachwuchs ist unsere Zukunft.

Wie waren die ersten Monate an der Polizeiakademie?

Ich habe mir sehr viel Zeit für Gespräche genommen. Ich habe an die 200 Gespräche geführt, um mir einen Eindruck zu verschaffen, wie überhaupt die Gefühlslage bei den Lehrkräften und Auszubildenden ist. Und es war zu spüren, dass die Bedürfnisse gar nicht so unterschiedlich sind. Alle eint das Bedürfnis, aus den negativen Schlagzeilen der letzten anderthalb Jahre herauszukommen. Die Auszubildenden sorgen sich vorrangig um einen erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung und kritisieren Lehrerwechsel und Unterrichtsausfall. Und bei den Lehrkräften gibt es den Wunsch nach einer Transparenz zu den beabsichtigten Maßnahmen sowie das Bedürfnis nach Beteiligung daran. Ich registriere aber auch Zeichen der Erschöpfung über den bisherigen Reform-prozess.

Was haben Sie seit Ihrem Amtsantritt schon verändert?

Die erste spürbare Veränderung ist die Wiedereinführung des morgendlichen gemeinsamen Dienstantrittes. Ich war selbst überrascht, mit welcher Intensität dieses morgendliche Ritual von den Auszubildenden gewünscht wurde. Es gab ein spürbares Bedürfnis danach, dass Regeln wieder eingehalten sowie deren Einhaltung wieder stärker kon­trolliert wird. Die Vermittlung der Regeln, die in der Polizei Berlin gelten, muss am Anfang in der Ausbildung geleistet werden. Wir haben eine sehr große Heterogenität bei den Auszubildenden. Unsere Azubis sind 16 bis 39 Jahre alt, männlich und weiblich, mit und ohne Migrationshintergrund, haben verschiedene Bildungshintergründe und sind ganz verschieden sozialisiert. Das ist Chance und Herausforderung zugleich. Zu vermitteln, was unsere gemeinsamen Werte und Regeln sind, ist Ziel und Aufgabe der Ausbildung und kann beispielsweise sehr gut beim morgendlichen Dienstantritt vermittelt werden.

Wie muss man sich das vorstellen?

Die Auszubildenden kommen vor dem Unterricht in der Nähe ihrer Stuben mit den jeweiligen Ausbildern oder Klassenlehrern zusammen. Dann wird zum Beispiel die Lage in der Stadt kurz besprochen. Es wird dargestellt, was so von gestern zu heute in Berlin geschehen ist, und ob es ein besonderes Ereignis wie zum Beispiel einen Geburtstag gibt. Aber es wird auch geschaut, ob die Auszubildenden die Uniform korrekt tragen, der Kragen richtig sitzt und die Haare ordentlich liegen. Es wird auch überprüft, wer fehlt und wer nicht pünktlich zum Dienst gekommen ist. Danach geht man direkt in den Unterricht.

In der Debatte war auch das Zugführer-System. Sollte die Polizei in der Akademie dazu zurückkehren?

Der jetzt begonnene Prozess soll ergebnisoffen sein. Es gibt fachtheoretische Lehrkräfte und polizeipraktische Ausbilder. Meine Vorstellung ist eine noch bessere Verzahnung von theoretischen und praktischen Inhalten, was bedeutet, dass auch das Lehrpersonal enger zusammenarbeiten muss, am besten in Jahrgangsteams, wie wir es jetzt auch begonnen haben. In diese Richtung soll es gehen.

Was haben Sie nach dem Untersuchungsbericht noch geändert?

Wir haben eine „Think Group“ eingerichtet, an der ausschließlich Mitarbeitende der Polizeiakademie beteiligt sind. Wir haben uns in Bayern das dortige Ausbildungsmodell von Herrn Strobel, dem Sonderbeauftragten, angeschaut. Weiterhin ist es zum Beispiel gelungen, zwölf neue Lehrkräfte an die Akademie zu bekommen, was natürlich zu einer gewissen Entlastung geführt hat. Ich habe auch darum gebeten, ein Betreuungskonzept aufzulegen. Viele Auszubildende haben ganz spezifische, auch alterspezifische Probleme. Das betrifft zum Beispiel Probleme zu Hause, Prüfungsängste oder Beziehungsschwierigkeiten. Ein Klassenlehrer hat nicht immer die Zeit, sich ausreichend um jedes persönliche Problem zu kümmern. Deshalb haben wir jetzt an der Akademie ein Tandem aus einem sehr erfahrenen und in Konfliktlösung geschulten Polizeivollzugsbeamten und einem Sozialarbeiter eingerichtet.

Das Tandem gibt es schon?

Ja, das gibt es schon. Der Polizeibeamte ist bereits benannt und der Sozialarbeiter eingestellt. Er hospitiert aber gerade noch in der Behörde, um die Polizei in ihrer Struktur kennenzulernen, bevor er hier an der Polizeiakademie seine Arbeit aufnimmt. Wir hoffen, dass er dann im Januar zu uns stößt und das Tandem vollständig ist. Perspektivisch wünsche ich mir auch noch eine Frau, damit auch die Perspektiven von jungen Frauen in der Ausbildung hier zukünftig abgebildet werden. So etwas hat es vorher noch nicht gegeben.

Findet bald auch wieder regelmäßig Deutschunterricht statt?

Seit ich hier bin, ist es uns gelungen, vier neue Deutschlehrer einzustellen. Das ist wichtig, weil der Unterrichtsausfall dort hoch war. Diese Probleme gibt es nicht mehr, weil wir ab diesem Jahr für dieses Fach auskömmlich ausgestattet sind.

Sie wollen bis zum 1. März einen Masterplan für die Zukunft der Akademie vorlegen. In dem geht es auch um günstigen Wohnraum für Polizeischüler.

Ja. Wir überprüfen im Masterplan unter anderem auch unsere Bedarfe an Gebäuden und Liegenschaften für die nächsten zehn Jahre, auch im Sinne eines attraktiven Ausbildungsstandortes. Das haben wir zweigeteilt, also in einen realistischen Teil, in dem wir rechnerisch prüfen, was erforderlich ist. Den zweiten Teil nenne ich den visionären Teil, in dem wir auch die Wünsche der Nachwuchskräfte abfragen und Visionen zulassen.

Gibt es schon konkrete Gespräche?

Ja. Für den Wohnraum gibt es konkrete Planungen. Wir sind interessiert, preiswerten und standortnahen Wohnraum für Auszubildende und Studierende zu schaffen. Bei diesem Thema ist auch unsere Polizeipräsidentin sehr engagiert unterwegs.

Sie legen sehr viel Wert auf Transparenz. Gleichzeitig gibt es immer wieder Berichte von Polizei-Schülern – auch in der Berliner Morgenpost – die eben jene Transparenz an der Polizeiakademie vermissen. Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zwischen den Darstellungen?

Ich habe mehr als 3000 Auszubildende und Studierende zu verantworten. Es ist unmöglich, dass ich allen persönlich zur Verfügung stehe. Dafür haben wir eine, wie ich finde, sehr engagierte Ausbildungsleitung und auch ein Ausbildungsbüro, und wir haben jeweils eine/n Klassenlehrer/in für jede Klasse. Es muss also möglich sein, sich vertrauensvoll dorthin zu wenden. Ich suche aber durchaus den persönlichen Kontakt zu den Auszubildenden. Bereits am ersten Tag habe ich die Klassensprecher und Klassensprecherinnen aller 56 Klassen persönlich kennengelernt. Wenn also ein Problem einmal unlösbar erscheint, kann man sich auch persönlich an mich wenden.

Sie kennen die Berichte, die auch zur Debatte in der Öffentlichkeit geführt haben. Ist es so schlimm, wie es dargestellt wurde?

Haben Sie Verständnis dafür, dass ich über die Art und Weise, wie die Akademie bisher geführt wurde, nichts sagen kann und möchte. Das steht mir nicht zu. Fakt ist, dass die Akademie in den vergangenen zwei Jahren große Herausforderungen zu bewältigen hatte. Einerseits ist sie ein eigenständiges Amt geworden, was sie zuvor nicht war, und gleichzeitig hat man das Herzstück reformiert: die Ausbildung des mittleren Dienstes. Das war auch erforderlich, da die hohen Einstellungszahlen eine Anpassung erforderlich gemacht haben. Solche Prozesse sind nicht einfach. Ich finde allerdings einiges, was in dem Untersuchungsbericht dargestellt wurde, auch in den vielen Gesprächen mit Lehrkräften und Azubis wieder.

Was begegnete Ihnen am häufigsten?

Dass die negative Berichterstattung, die sich vorrangig auf Einzelfälle bezieht, das Positive auf der Strecke lässt. Es gibt hier sehr viele Lehrkräfte und Auszubildende mit sehr hoher Motivation. Ich kenne zum Beispiel einen fachpraktischen Lehrer, der hier morgens 6 Uhr Lauftraining anbietet. Auch für die, die sich beim Sport noch schwer tun. Und dieser Ausbilder läuft immer mit den Schwächsten mit, und das bietet er neben seiner Arbeit an. Es gibt Lehrkräfte, die Förderunterricht auch am Samstag anbieten. Auch über die Azubis und Studierenden gibt es immer wieder viel Positives, zum Beispiel über gute Praktikumsleistungen oder außerdienstliches Engagement, zu berichten. Darüber wird leider nicht so oft gesprochen. Einzelfälle beeinträchtigen häufig das Bild, ausschließlich in negativer Weise. Wir hoffen, dass es uns gelingt, in eine Normalität überzugehen, die Problemfälle nicht ignoriert, aber in einem angemessenen Maß damit umgeht. Die Mehrzahl der Skandalisierungen, die in der Öffentlichkeit beschrieben wurden, etwa die Unterwanderung durch arabische Clans, haben sich als falsch erwiesen. Das hat auch schon der Untersuchungsbericht festgestellt.

Sie schließen eine Unterwanderung aus?

Wir haben das nicht festgestellt. Ich lerne hier wirklich jeden Tag sehr viele junge, engagierte und sehr höfliche Menschen kennen, die einfach einen guten Ausbildungsabschluss anstreben und gute Polizistinnen und Polizisten werden wollen. Und dazwischen gibt es eben immer welche, bei denen das nicht der Fall ist. Das Ziel der Ausbildung ist es, in zweieinhalb Jahren bestehende Defizite so abzubauen, dass wir guten Gewissens tolle junge Leute an die polizeiliche Praxis herausgeben können. Kein Auswahlverfahren der Welt kann Bewerbern hinter die Stirn gucken. Unsere Aufgabe ist es, während der Ausbildung damit umzugehen.

Sie trennen sich also auch wieder von Auszubildenden?

Ja, das tun wir in einem gewissen Maße. Wir wollen nicht von unseren Ansprüchen an das Niveau und die sozialen Kompetenzen abrücken. Wir brauchen fachlich und sozial kompetente Polizeibeamte. Wir wollen von der bestehenden Ausbildungsqualität keinesfalls abweichen. Wir müssen uns aber zum Teil auf andere junge Leute vorbereiten und auf sie anders eingehen als es vielleicht vor zehn Jahren der Fall war. Dabei müssen wir uns noch mehr Zeit für die Vermittlung gemeinsamer Werte nehmen. Wir treffen gerade nicht immer ausgereifte Erwachsene, sondern auf junge Menschen, die sich mehrheitlich noch in einer Entwicklung befinden. Diese Entwicklung im Verlaufe der zweieinhalbjährigen Ausbildung positiv zu beeinflussen sehe ich als Aufgabe der Ausbildung an.

Was heißt das?

Wir stellen zum Teil eklatante Schwierigkeiten beim Verfassen von Texten und durchaus auch in der Aussprache fest. Auch was die sportliche Leistungsfähigkeit betrifft, gibt es bei manchen Azubis starken Nachholbedarf und eben auch bei der allgemeinen Anstrengungsbereitschaft. Auch die realitätsnahe Einschätzung des Berufes gelingt manchen nicht. Bei einigen kann man auch den Eindruck gewinnen, dass sie sich nicht genau überlegt haben, auf welchen Beruf sie sich hier beworben haben. Deshalb sind auch Praktika in der Ausbildung wichtig, weil man dann noch mal überprüfen kann, ob das überhaupt der Beruf ist, den man wollte. Ob man beispielsweise damit klarkommt, wenn man regelmäßig mit Leid, Elend und Gewalt konfrontiert ist. Es ist eben wirklich ein physisch und psychisch sehr anspruchsvoller Beruf.

Zur Person

Bis zum Aufstieg in den höheren Dienst im Jahr 2002 arbeitete Tanja Knapp bei der Kriminalpolizei und zuletzt als Schichtleiterin bei der Sofortbearbeitung der Kripo in der Direktion 2.

Zwei Jahre war die gebürtige Charlottenburgerin auch an der damaligen Polizeiführungakademie in Münster. Nach ihrer Rückkehr wurde sie 2004 zur stellvertretenden Leiterin des Polizeiabschnittes 13 in Reinickendorf ernannt. Von 2007 bis 2011 war Knapp Personalreferentin des damaligen Polizeipräsidenten Dieter Glietsch. Im Jahr 2011 wurde die heute 51-Jährige Leiterin der Zentralstelle für Prävention im LKA und 2015 Leiterin des Schwerpunkt-Abschnitts 53 in Kreuzberg. Seit dem 1. Juli 2018 ist Knapp Leiterin der Polizeiakademie.

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