Pendlerverkehr

So pendeln Passagiere im täglichen Berliner Gedränge

Am Montag starten Zehntausende Pendler ins neue Arbeitsjahr. Bezirkspolitiker und Anwohnerinitiativen fordern neue Verkehrskonzepte.

Astrid und Torsten aus Neuenhagen pendeln  seit 20 Jahren in die Berliner Innenstadt.

Astrid und Torsten aus Neuenhagen pendeln seit 20 Jahren in die Berliner Innenstadt.

Foto: Rita Schulze

Berlin. Mehr als 300.000 Menschen pendeln täglich aus dem Berliner Umland in die Innenstadt. Um den Stau auf den Straßen zu lösen, fordern die politisch Verantwortlichen in den Außenbezirken neue Park-and-Ride-Plätze, wo Pendler vom Auto auf öffentliche Nahverkehrsmittel umsteigen können.

„Die Verkehrsprobleme durch zunehmende Pendlerverkehre wachsten stetig an und bereiten Spandau erhebliche Sorgen. Dies belastet auch die Entwicklung neuer Quartiere“, sagt Bezirksstadtrat Frank Bewig (CDU), der die Deutsche Bahn aufgefordert hat, ihre Fläche neben dem Bahnhof Albrechtshof für die Schaffung von P&R-Plätzen zu veräußern.

Bewig sieht vor allem das Land Brandenburg für eine Ausweitung des Angebots in der Pflicht. Doch der Bau neuer Park-and-Ride-Plätze kommt seit Jahren kaum in Schwung, Berlin und Brandenburg schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Der Senat plant aktuell keine neuen Plätze, in Brandenburg verweist man auf neue Flächen, die in Gransee, Rangsdorf, Geltow, Erkner, Oranienburg, Zehdenick und Zeuthen bereits geschaffen wurden oder noch in der Entstehung seien. Allerdings könnten die P&R-Plätze nur auf Antrag des Betreibers der Eisenbahninfrastruktur oder der Kommune erfolgen, sagt eine Sprecherin des Infrastrukturministeriums.

In Pankow, wo Pendler vor allem in den Ortsteilen Buch, Blankenburg, Karow, Niederschönhausen und Wilhelmsruh die Straßen- und Schienenwege immer mehr an ihre Grenzen bringen, haben sich inzwischen mehrere Anwohnerinitiativen zum Verein für nachhaltige Verkehrsentwicklung zusammengeschlossen.Sie haben sich mit einer Petition an Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne), das Berliner Abgeordnetenhaus und den für Verkehr zuständigen Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) gewandt.

"Viele der Forderungen sind nachvollziehbar"

Darin wird ein langfristiges Verkehrskonzept für den Norden von Pankow und die angrenzenden Stadtteile gefordert. „Dieses muss die immer stärker werdenden Konflikte zwischen Schwerlast- und Pendlerverkehr einerseits und den gleichzeitig intensiv nachverdichteten Wohngebieten andererseits lösen“, heißt es in dem Papier, das auf der Plattform openpetition.org bislang rund 1500 Unterstützer unterschrieben haben.

Als konkrete Maßnahmen schlägt der Verein die Anordnung von Tempo 30 auch auf Straßen des übergeordneten Straßennetzes in Wohngebieten und den Bau von Entlastungsstraßen zur Umgehung von dicht bewohnten Siedlungen in Pankow vor. Dazu gehöre der Bau einer Tangentialverbindung nördlich von Rosenthal auf einer Fläche, die hierfür freigehaltenen wurde. Auch die konsequente Fahrbahnsanierung und Schlaglochbeseitigung könne Anwohner von Lärm entlasten, heißt es vom Verein.

„Viele der Forderungen sind nachvollziehbar“ erklärt Stadtrat Kuhn. In den meisten Punkten sieht er das Land Berlin in der Pflicht. Er werde den Wunsch der Petenten an die zuständigen Stellen weiterleiten, sagt Kuhn. Konsens sieht er im Wunsch des Vereins, die Wiederinbetriebnahme der Heidekrautbahn voranzutreiben, die Straßenbahn M1 und die U-Bahnlinie U8 bis ins märkische Viertel zu verlängern und die U2 nördlich des Bahnhofs Pankow weiterzuführen. Der ebenfalls geforderte Wiederaufbau der Heidekrautbahn, die nach Kriegsschäden nicht vollständig ertüchtigt wurde, sei sogar schon in der Investitionsstrategie für das Jahr 2030 der Länder Berlin und Brandenburg mit Deutschen Bahn enthalten.

Am besten zweigleisig fahren

Astrid und Torsten pendeln täglich mit der S5 nach Berlin, seit sie vor 20 Jahren von Hellersdorf nach Neuenhagen gezogen sind. An diesem Freitagmorgen ist die Lage um neun Uhr relativ entspannt. Normalerweise würden sie zwei Stunden früher zur Arbeit fahren, da wäre es schon sehr voll und stressig. Besonders, wenn in Strausberg ein Regionalzug aus Küstrin-Kietz angekommen ist und die Pendler aus Polen in die S-Bahn umsteigen. Auch stört sie die Unpünktlichkeit der Züge. Wenngleich: Das Auto ist für sie keine Alternative.

Immer mehr Familien ziehen ins Umland. Der Fahrgastverband Igeb fordert schon lange, dass der Takt auf der S5 verdichtet werden muss. Aktuell fährt die Linie alle 20 Minuten und nur in der Hauptverkehrszeit zwischen Westkreuz und Mahlsdorf beziehungsweise Hoppegarten im Zehn-Minuten-Takt. Das Problem: Ab Hoppegarten ist die Strecke Richtung Osten eingleisig. Damit mehr Züge fahren können, wäre also ein Ausbau nötig, dieser soll auch geprüft werden. Doch der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg rechnet nicht mit einer Inbetriebnahme vor Mitte der 20er-Jahre.

Auch auf der Straße laufen mögliche Verbesserungen nur schleppend an. Auf der B 5 staut es sich im Berufsverkehr regelmäßig. Ein Planfeststellungsverfahren für den Bau der sogenannten Tangentialverbindung Ost erwartet der Senat nicht vor 2020. Seit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember gibt es immerhin eine Verbesserung bei der S75. Sie wurde bis Ostbahnhof verlängert und fährt alle 20 – im Berufsverkehr sogar alle zehn Minuten.

Eingequetscht in der Bahn durch Spandau

Dick eingepackt mit Mützen, Schals und Handschuhen stehen die Pendler am Bahnhof Falkensee. In der Bahn können sie das alles ablegen, denn dort sorgt nicht nur die Heizung für Wärme. Wer einsteigt, findet sich umringt von Menschen wieder. Spätestens nach den Haltestellen in Seegefeld und Albrechtshof wird es schwierig, sich umzudrehen. Es ist ein gewöhnlicher Morgen, kurz vor halb acht. Tausende Pendler fahren nach Berlin, laut VBB sind es aus Falkensee täglich mehr als 9000. Entsprechend voll ist es in der Bahn, die von Nauen nach Südkreuz fährt. So sehe es jeden Morgen aus, erzählt eine Pendlerin, die von Falkensee zum Hauptbahnhof will. „Ich kenne Leute, die fahren zwischen fünf und sechs Uhr. Da soll es noch gehen.“

An diesem Tag hat die Falkenseerin einen Sitzplatz erwischt, das sei jedoch längst nicht immer der Fall. „Aber in Albrechtshof und Seegefeld ist es noch schlimmer, da kann man sich nur noch reinquetschen.“ Die Folge: Weil sich die Menschen nur langsam aus den Zügen raus- oder reinschieben können, haben diese häufig Verspätung. „Das ist wirklich Mist“, sagt die Pendlerin. Dennoch ist Autofahren für sie keine Alternative – weil auch die Straßen überlastet sind.

Eine knappe Stunde später: Der Zug nach Cottbus ist ebenfalls überfüllt, obwohl er mit Doppelstockwaggons unterwegs ist. „Einen Sitzplatz in Spandau gibt’s nicht“, sagt Jan, der täglich zum Alexanderplatz fährt. Geplant ist, die Zahl der Sitzplätze der Linie RB10 ab dem zweiten Quartal 2019 zu erhöhen. Außerdem ist eine neue stündliche Verbindung zwischen Nauen und Berlin ab Dezember 2022 geplant.

Volle Züge nach Schönefeld

Wenn Erika Blume morgens gegen zehn Uhr in die S-Bahn in Schönefeld steigt, findet sie manchmal sogar einen Platz zum Sitzen. Sie fährt zum Arbeiten nach Schöneweide, als Teilzeitkraft kann sie sich die Zeit so einteilen, dass sie den Berufsverkehr früh morgens meidet. Da nämlich wird es auf der Strecke eng. Seit einigen Jahren seien die S-Bahn und Regionalzüge hoffnungslos überfüllt.

Erika Blume gehört zu jenen über 4000 Pendlern, die aus Schönefeld zur Arbeit in die Hauptstadt fahren. Die Verkäuferin weiß aber, dass die Strecke Berlin zum Flughafen Schönefeld doppelt so stark ausgelastet ist: Exakt 9439 Erwerbstätige aus Treptow-Köpenick und anderen Berliner Stadtteilen benutzen den öffentlichen Nahverkehr, um nach Schönefeld zu fahren. Viele von ihnen arbeiten am Flughafen.

Die Strecke nach Schönefeld ist eine der am stärksten frequentierten Verbindungen der Stadt. Sie steht auf Platz drei der Pendlerrelationen – mit einem Zuwachs von 15 Prozent. Um die Situation zu verbessern, soll es ab 2019 mehr Sitzplätze in der Regionalexpresslinie RE7 geben.

Durch die Hintertür ins Zentrum

Der Fernsehturm weist auf der Autobahn A114 den Weg. Durch die Windschutzscheiben betrachtet, wirkt er wie eine kleine, leuchtende Nadel. Die Annäherung für Pendler aus dem Landkreis Barnim erfolgt zur Stoßzeit oft nur im Schneckentempo. Schlimmer als die Pendler auf der Autobahn trifft es die, die sich über die Bundesstraße 2 durch die Stadtrandsiedlung Malchow ins Zentrum bewegen. „Das ist die Hintertür Berlins“, scherzt Holger, der hier wohnt und seinen Nachnamen für sich behält.

So wie Holger ergeht es auch den Anwohnern in Karow, Buch und Blankenburg. Beschauliche Stadtteile, gezeichnet von immensem Verkehr. Nach den neuesten Erfassungen des VBB fahren rund 7575 Bernauer täglich nach Berlin. Damit liegt diese Strecke auf dem fünften Platz der meistgefahrenen Verbindungen der Region.

Wer in Pankow auf der Schiene pendelt, hat es auch nicht leichter. Volle S-Bahnzüge aus Bernau auf der Linie 2 und der jüngste Baustellenmarathon am Karower Kreuz machen Pendler unzufrieden. „An sich ist die Verbindung ins Zentrum ja gut. Aber die ständigen Bauarbeiten in Karow sind kaum auszuhalten“, meint Anwohnerin Renate Scholz. Besonders hart treffen Sperrungen Pendler, die mit der Niederbarnimer Eisenbahn aus Richtung Wandlitz anreisen. Die Trasse ist Teil der sogenannten Heidekrautbahn, die seit dem Krieg eingleisig in Karow endet. Die Strecke soll schrittweise reaktiviert werden. Weiter sind die Planungen für die Schorfheidebahn. Testweise für drei Jahre fahren auf der Linie RB63 seit Dezember wieder Züge zwischen Eberswalde und Templin in der Uckermark.

Starke Nerven auf der Autobahn

Nur langsam fahren die Autos auf der A 111 Richtung Innenstadt. Die leuchtenden Stau-Schilder machen kurz vor der Abzweigung Kurt-Schumacher-Platz/Charlottenburg darauf aufmerksam, dass starke Nerven gebraucht werden. So geduldig sind nicht alle, permanent wird gehupt und wild gestikuliert. Als dann ein Rettungswagen versucht, den Tunnel zu passieren, wird das Ausmaß des Staus deutlich – eine Rettungsgasse gibt es nicht, lange Zeit hallt die Sirene durch den Tunnel.

Bevor die A 111 in den kommenden Jahren ausgebaut wird, könnte es noch voller werden. Denn die Bahn ist zumindest für Pendler mit einem OHV-Kennzeichen ab Frohnau und Hermsdorf keine Option. Der Bezirk hat in den Ortsteilen um die Bahnhöfe Parkzonen eingerichtet, in denen maximal für zwei Stunden geparkt werden darf. So sollen Pendler aus dem Umland davon abgehalten werden, genau dort den gesamten Tag ihr Auto abzustellen und somit Anwohnern und Geschäftsleuten eine Parkmöglichkeit zu nehmen. Ordnungsstadtrat Sebastian Maack (AfD) kündigte bereits an, an diesen Stellen vermehrt kontrollieren zu wollen.

Die CDU setzt sich für Park-and-ride-Plätze ein, die es nach Ansicht der Politiker gerade in Brandenburg geben müsse. Ebenso plädieren sie für eine Ausweitung der Tarifzone A/B bis nach Brandenburg, damit eine Fahrt mit der Bahn bis in die Innenstadt attraktiver wird. Eine weitere Idee ist die Einführung einer Express-S-Bahn, die von Brandenburg auf dem Weg in die City, nur an Knotenpunkten hält. Auch Taktverdichtungen der Züge werden überprüft.

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