Antisemitismus

Wie die Kippa 2018 zum Symbol der Freiheit wurde

Im Frühjahr wurde ein Kippa-Träger von einem syrischen Flüchtling mit einem Gürtel verprügelt. Wie geht es ihm heute?

Berlin - Adam A. wurde Opfer eines antisemitischen Angriffes im prenzlauer Berg.

Berlin - Adam A. wurde Opfer eines antisemitischen Angriffes im prenzlauer Berg.

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Zwei Kleidungsstücke wurden im Jahr 2018 zu Symbolen. Weil durch sie ein Konflikt sichtbar geworden ist, der in Deutschland bislang eher unter der Oberfläche brodelte. Zum einen ist da die Kippa, die kleine, kreisförmige Kopfbedeckung jüdischer Männer aus Stoff oder Leder; zum anderen der Gürtel, dessen Hiebe Kinder früher fürchteten. Die Kippa symbolisiert für Juden die Bescheidenheit vor Gott; der Gürtel, kräftig genug geschwungen, schmerzt. Am 17. April 2018 treffen Träger dieser beiden Kleidungsstücke, treffen Kippa und Gürtel in Berlin aufeinander und werden Teil der Stadtgeschichte des Jahres 2018.

Adam Armoush möchte eigentlich kein Symbol sein. Aber er ist es geworden, weil er an diesem Abend im April die Kippa trug. Nach langem Zögern sagt er trotzdem ein Treffen zu. An einem regnerischen Dezembertag, es ist kurz vor Weihnachten, sitzt er nachmittags in einem kleinen Café in Prenzlauer Berg. Nicht weit von seiner Wohnung, nicht weit von dem Ort, an dem er am 17. April 2018 mit dem syrischen Flüchtling Knaan S. zusammentraf.

Ein Video, das um die Welt ging

Was damals passierte, hat Armoush mit seinem Handy gefilmt. Dieses einminütige Video hat er kurz nach der Tat ins Netz gestellt. Es verbreitete sich rasant, wurde millionenfach geklickt. Es löste nicht nur in Berlin eine Debatte über die Freiheit jüdischen Lebens aus, es hat auch das Leben des 21-jährigen Studenten verändert.

Adam Armoush spaziert an jenem Abend im April mit einem Freund durch den Prenzlauer Berg. Sie sind auf dem Weg zu einem Freund, beide tragen Kippa. Vor einem indischen Restaurant treffen sie auf den syrischen Flüchtling Knaan S. und dessen Begleiter.

Hier setzt das Video ein: Wütend schlägt der Syrer mit seinem breiten Gürtel auf den Israeli ein, seine Augen weit aufgerissen. Auf arabisch schreit S. „dreckiger Jude“ und stößt den 21-Jährigen Armoush weg. Am nächsten Tag beherrschen der „Kippaträger“ und der „Gürtelschläger“ die Schlagzeilen – deutschlandweit und auch in Israel. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt sich und verurteilt den „schrecklichen Vorfall“ im Fernsehen.

Die Kippa wird im April 2018 zum Symbol der Freiheit

Einige Tage später sammeln sich mehr als 2000 Menschen zu einer Solidaritätsveranstaltung. „Berlin trägt Kippa“, so ist das Motto. Der ehemalige grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck sagt auf der Kundgebung etwa: „Das ist eine Frage der Freiheit und darf nicht zu einer Frage des Muts und des Risikos des Einzelnen werden.“

Die jüdische Kopfbedeckung wird in diesem Moment zum Symbol der Freiheit. Dass jüdisches Leben – gerade in einem Land wie Deutschland – nicht frei möglich scheint, schockiert viele. Der Gürtel hingegen wird zum Symbol der Repression – ausgerechnet in der Hand eines jungen Mannes, der in Deutschland als Flüchtling Schutz suchte vor Tod und Gewalt. Es sind zwei Symbole, die eindeutig scheinen und doch ist alles komplizierter – wie immer in Berlin.

Armoush trinkt einen Detox-Tee, es ist kalt draußen. Über seine Anfangszeit in Berlin sagt er: „Es war echt perfekt, die beste Stadt in der man leben kann.“ Er kam 2015 nach Deutschland und erst Anfang 2018 zog er von Hannover nach Berlin. Tiermedizin wollte er hier studieren und aus der hannoverschen Ödnis fliehen. Er hat viele Freunde in Berlin, die bunte Party-Szene gefällt ihm. Außerdem, sagt er, sei es ja egal in Berlin, wie seine Haare aussähen, ob er mit dem Pyjama aus der Wohnung gehe oder lackierte Nägel trage. „Es juckt niemanden – das ist, was ich an Berlin liebe.“ Bis er ungewollt berühmt wurde, hatte er unbeschwerte Tage in Berlin.

Video zeigt Angriff auf Israeli mit Kippa in Prenzlauer Berg

Die Kippa war ein Geschenk

Eigentlich ist Armoushs Geschichte zu komplex, um symbolhaft zu sein: Er hat an diesem Tag im April zum ersten Mal Kippa in Berlin getragen. Er ist kein Jude, sondern arabischstämmiger Israeli. Das sorgte bereits kurz nach der Tat für Verwirrung: Warum trägt jemand Kippa, der kein Jude ist? Die Erklärung: Der 21-Jährige ist in einer arabischen Familie aufgewachsen, identifiziert sich aber mit Israel. Er ist kein Muslim, sondern Atheist, doch viele seiner Freunde sind Juden.

Die Kippa bekam er nur wenige Tage vor dem Überfall von einem jüdischen Freund geschenkt. Der hatte ihn noch gewarnt, dass es in Deutschland gefährlich sein könnte mit der Kippa auf die Straße zu gehen. Armoush glaubt ihm nicht. Nicht in Berlin, wo doch jeder tun kann, was er will. Er setzt also die kleine, jeansfarbene Kippa mit den roten Stickereien auf. Am Helmholtzplatz treffen sie auf Knaan S. – der Rest ist Geschichte.

Seitdem ist in Deutschland eine Diskussion darüber entbrannt, wie sicher Juden oder Menschen, die jüdische Symbole tragen, generell in Berlin sind: Eine Studie aus dem Dezember 2018 ergab, dass 85 Prozent der deutschen Juden in den vergangenen fünf Jahren einen wachsenden Antisemitismus wahrgenommen haben. 44 Prozent von ihnen dachten schon daran, auszuwandern.

"Dramatischer Anstieg des Antisemitismus in Berlin"

Nur für Berlin gibt es solche Zahlen nicht. Allerdings sprach auch Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee Berlin, bei einer Pressekonferenz kürzlich von einem „dramatischen Anstieg des Antisemitismus in Berlin“. Zahlen der Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) zeigen: Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Berlin ist auf einem konstant hohen Niveau. Im ersten Halbjahr 2018 wurden dort 527 Fälle gemeldet – im Vorjahr war die Zahl antisemitischer Vorfälle um 60 Prozent gestiegen.

Auch Monate später wirkt Armoush ungläubig über das, was passiert ist. Er hätte nicht gedacht, sagt er dann, dass solch eine Tat hier möglich sei. „Ich dachte, es sei sicher in Berlin.“ Seitdem ist der 21-Jährige vorsichtiger geworden, geht nachts kaum allein auf die Straße. Sein Studium der Tiermedizin pausiert gerade. Wie oft er noch an den Angriff denkt? Er überlegt lange. „Ich versuche, das Ganze zu vergessen.“

Wer Adam Armoush im Dezember 2018 trifft, erlebt einen nachdenklichen Mann. Fragt man ihn nach Knaan S., braucht er lange, um zu antworten. Was er ihn fragen würde, wenn er ihn trifft? „Ob er seine Meinung über Juden geändert hat“, sagt Armoush dann.

Adam Armoush versteht das milde Urteil nicht

Knaan S., der 19 Jahre alte Gürtelschläger, wurde im Juni wegen Körperverletzung und Beleidigung zu vier Wochen Arrest verurteilt, außerdem muss er das Haus der Wannsee-Konferenz besuchen. Der Richter versteht das milde Urteil als Chance für den 19-Jährigen Flüchtling. Adam Armoush versteht das milde Urteil nicht.

Warum zog der syrische Flüchtling seinen Gürtel? War er nicht gekommen, um in Deutschland Schutz zu finden? Die Geschichte des Jungen, der mit dem Gürtel schlug, geht so: S. ist nur zwei Jahre jünger als Armoush, 2015 kamen beide fast gleichzeitig nach Deutschland, beide stammen aus palästinensischen Familien und doch könnten ihre Leben unterschiedlicher kaum sein.

Knaan S. möchte nicht in der Öffentlichkeit stehen, nicht reden über den Fall. Er kam als Flüchtling aus Syrien, wohnte erst in einer Flüchtlingsunterkunft. Heute lebt er in Neukölln, spielt Fußball und ist stolz, Palästinenser zu sein. An dem Tag im April half er einem Cousin beim Umzug. Judenfeindlich sei er nicht, sagte er beim Prozess im Juni. Dass er Armoush als Jude beschimpft habe, sei nur „ein Spruch“ gewesen. Das sei üblich, auch sein Vater benutze das als Schimpfwort.

Israel existiert in syrischen Lehrbüchern gar nicht

Nicht verwunderlich: In vielen syrischen Schulbüchern ist der Staat Israel nicht mal auf der Landkarte verzeichnet, Antisemitismus ist Staatsdoktrin des syrischen Regimes. Auch deshalb wird dieser Fall, werden Kippa und Gürtel, zum Symbol: Er zeigt, wie die verworrenen Konflikte des Nahen Ostens mehr und mehr auch nach Deutschland schwappen. Trotz der komplizierten Lebenswege der beiden ist das Bild, das sich bei vielen eingeprägt hat, ein einfaches: Arabischer Gürtelschläger verprügelt jungen Israeli. Das bleibt.

Zurück im Café mit Armoush, draußen regnet es. Der Israeli wohnt noch immer in der Nähe des Tatorts, muss täglich dort vorbei. Er wollte schon wegziehen, fand aber keine Wohnung. Ganz weg aus Berlin? „Nein, eine andere Stadt käme gar nicht infrage für mich“, sagt er. Berlin, das ist immer noch seine Traumstadt. Wegziehen würde er nur, wenn rechte Parteien wie die AfD noch stärker würden. Aber bis dahin, sagt er: „Wenn unsere Generation nicht für die Freiheit kämpft – wer soll das machen?“

Es ist spät geworden. Adam Ar­moush steht wieder an der Stelle, an der Knaan S. ihn mit dem Gürtel schlug. Vor dem indischen Restaurant, direkt am belebten Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg. Die Hände hat er tief in den Jackentaschen vergraben. Er versucht sich zu erinnern, wie alles war damals im April. Vieles sei verschwommen, es ging so schnell, sagt er.

Plötzlich dreht er sich weg, schaut einem Mann hinterher, der schnell an ihm vorbeiläuft. Dann lacht Armoush laut los. Es ist der 7. Dezember 2018, 19 Uhr, es regnet wie aus Eimern und dieser Mann, er trägt eine riesige Schwimmbrille. Wieder so ein Symbol: jeder nach seiner Fasson. Und niemanden stört das. Im indischen Restaurant essen die Menschen ihre Suppe. „Dafür liebe ich Berlin“, sagt Armoush.

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