Waldzustandsbericht 2018

Berlin muss 300.000 Bäume nachpflanzen

Den Bäumen in Berlins Wäldern geht es grundsätzlich gut. Die Folgen der Dürre werden sich erst in den nächsten Jahren zeigen.

Der Berliner Tiergarten im herbstlichen Sonnenschein (Archivbild).

Der Berliner Tiergarten im herbstlichen Sonnenschein (Archivbild).

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlin. Anette Nayhauss

Eigentlich haben Stefan Tidow und Elmar Lakenberg gute Nachrichten: Den Bäumen in Berlins Wäldern geht es gut. Aber Umweltstaatssekretär Stefan Tidow (Grüne) und Landesforstamtsleiter Elmar Lakenberg treten bei der Vorstellung des Waldzustandsberichts 2018 dennoch mit besorgten Mienen vor die Presse. Denn wie stark die Bäume wirklich unter der Hitze gelitten haben, würden erst die kommenden Jahre zeigen, so Lakenberg.

Bei der Untersuchung von Stichproben im Spätsommer zeigten 15 Prozent der Waldfläche deutliche Schäden – das ist so viel wie im Vorjahr. Der Anteil mit leichten Schäden liegt bei 58 Prozent und damit sieben Prozent höher als im Vorjahr, der Anteil der Waldfläche ganz ohne Schäden sank um sieben auf 27 Prozent.

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Mehr Laubbäume sollen den Wald „zukunftsfähig“ machen

In den vergangenen Jahren habe sich der Wald deutlich erholt, sagt Umweltstaatssekretär Tidow. 2004 und 2005 hatten noch 40 beziehungsweise 41 Prozent der Bäume in Berlins Wäldern deutliche Schäden, nur elf Prozent waren vollkommen gesund. 2017 hingegen hatten 15 Prozent deutliche Schäden und 34 Prozent gar keine. Und das, obwohl die Bäume sich von der Trockenheit im heißen Sommer 2003 erholen mussten. Die trockenen Sommer 2015 und 2016 setzen ihnen schon wieder spürbar zu, dann die Stürme im Jahr 2017. Und nun der Rekordsommer in diesem Jahr. „Wir blicken auf zwei Jahre zurück, die es in sich hatten“, sagt Tidow bei der Vorstellung des Berichts, „zwei Jahre, in denen wir Berliner ein Gefühl dafür bekommen haben, worauf wir uns einstellen müssen.“ Der Klimawandel wirke sich auch auf den Zustand des Waldes aus.

Damit der Wald den Klimaveränderungen gewachsen sei, werde er „zukunftsfähig“ gemacht, so Tidow. Das bedeutet vor allem: mehr Laubbäume. Kiefernwälder seien anfälliger für Waldbrände, Sturmschäden und Insektenfraß, erklärt Elmar Kilz, der das Forstamt in Grunewald leitet. Zudem stamme das Grundwasser in Berlin auch aus den Wäldern – und Laubbäume verbrauchen über das Jahr weniger Wasser als Nadelbäume: Im Winter kommen sie ganz ohne Wasser aus.

Das Mischwaldprogramm des Berliner Senats soll deshalb aus den Kiefernwäldern Mischwälder machen: Der Anteil der Laubbäume soll von derzeit 35 auf 60 Prozent steigen. Seit 2012 sind nach Angaben Tidows 700 Hektar Wald auf Mischwald umgestellt worden, indem 2,3 Millionen Laubbäume gepflanzt wurden.

Die Bäume, die im Herbst 2017 neu gesetzt wurden, werden allerdings kaum etwas zum Mischwald beitragen: 75 Prozent von ihnen hätten den Sommer nicht überstanden, berichtet Tidow. „Sie waren einfach noch zu klein.“ Weil ihre Wurzeln nicht tief genug reichten, um den Baum mit Grundwasser zu versorgen, sind sie vertrocknet. 2019 sollen deshalb 300.000 Setzlinge nachgepflanzt werden.

Nach dem trockenen Sommer hungern die Eichhörnchen

Auch in diesem Jahr wurden im Spätherbst 400.000 Bäume gepflanzt – „wir haben lange gezögert und uns dann dafür entschieden, obwohl es eigentlich immer noch zu trocken war“, wie Lakenberg berichtete. In den letzten Jahren habe sich der Zeitraum für die Neuanpflanzungen immer weiter nach hinten verschoben, weil erst dann ausreichend Niederschläge zu erwarten seien. Inzwischen würden teils sogar im Dezember noch Bäume eingesetzt.

Wenn sie richtig angewachsen sind, haben die Bäume eigene Mechanismen, um mit wechselnden Klimabedingungen umzugehen: Kiefern etwa werfen die jüngsten Triebe ab, die Eiche ihre Seitentriebe – so wird die Verdunstungsfläche reduziert.

Außerdem haben die Förster im vergangenen Sommer beobachtet, dass die Bäume besonders viele Samen und Früchte bildeten, „um die Art zu erhalten“, wie Landesforstamtschef Lakenberg erklärt. Spaziergänger im Wald haben diese „starke Fruktifikation“ im Spätsommer und Herbst vor allem an den vielen Eicheln bemerkt, die von den Bäumen regneten.

Förster beobachten diese Mast allerdings mit Sorge, denn sie schwächt die Bäume zusätzlich. Und nicht einmal die Waldtiere profitieren davon: Die meisten Eicheln beispielsweise seien „taub“, berichtet Forstamtsleiter Kilz. Wenn man sie öffnete, sei nichts darin: „Die Eichhörnchen sind schon ganz dünn“, hat er beobachtet.

Und auch die Wildschweine haben nach dem trockenen Sommer mit Futtermangel zu kämpfen: Einige seien verhungert, es gebe auch weniger Nachwuchs. Auf der Suche nach Futter verließen sie noch häufiger als in den vergangenen Jahren die Wälder, sagt Kilz: „Wir haben mehr Meldungen als sonst, dass Wildscheine marodierend durch die Stadt ziehen.“