Bauarbeiten

So will Regine Günther das U-Bahn-Chaos eindämmen

Die Linien U2 und U3 werden im Januar wochenlang unterbrochen. Auch bei der U7 geht nichts mehr. Diese Maßnahmen sollen helfen.

Berlin. Auch das noch: Nicht nur, dass es seit Wochen im Berliner U-Bahnverkehr wegen fehlender und defekter Züge zu zahlreichen Verspätungen und Ausfällen kommt. Nun wird auch noch ab Jahresbeginn der Zugverkehr an einer neuralgischen Stelle im U-Bahnetz fast lahmgelegt. Der Grund. Am U-Bahnhof Wittenbergplatz in Schöneberg lassen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ab 4. Januar Weichen erneuern. Auch auf der Linie U7 gibt es umfassende Baumaßnahmen. Den Berliner droht ein U-Bahn-Chaos.

Am Mittwoch meldete sich Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) zu Wort und versprach Abhilfe. "Auf der U1 werden doppelt so viele Züge fahren wie sonst und in der City West werden Buslinien bei Bedarf verstärkt, versprach die Senatorin. Günther erklärte, die Instandsetzungsarbeiten seien unbedingt notwendig. "In den vergangenen Jahren wurde viel zu wenig in die Infrastruktur und Züge investiert. Das rächt sich heute durch viele Störungen und Ausfälle", ließ Günther in einer Mitteilung verlautbaren.

Zehntausende Fahrgäste von Einschränkungen betroffen

Für die Arbeiten am U-Bahnhof Wittenbergplatz müssen laut BVG die wichtigen Ost-West-Linien U2 und U3 in diesem Bereich gut sieben Wochen lang ihren Betrieb einstellen. Bis zum 24. Februar kann zwischen der City West und Warschauer Straße nur noch die Linie U1 umsteigefrei genutzt werden, die fährt normalerweise aber nur im 10-Minuten-Takt.

Die Linie U2 (Pankow–Ruhleben) wird in dieser Zeit zwischen Gleisdreieck und Zoologischer Garten unterbrochen, die U3 fährt nur zwischen Krumme Lanke und Spichern­straße, wie aus einer Bau-Vorschau der BVG hervorgeht. Die Sperrung führt auch dazu, dass der von den Arbeiten nicht direkt betroffene U-Bahnhof Bülowstraße nicht genutzt werden kann. Ein Ersatzverkehr mit Bussen ist nicht geplant, so die BVG. Die Straßen in der westlichen Innenstadt seien schon jetzt überlastet, ein Fortkommen der SEV-Busse damit nicht gesichert.

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Betroffen von den Einschränkungen sind Zehntausende Fahrgäste. Ihnen wird empfohlen, den Baubereich mit anderen Linien zu umfahren. Das wird nicht immer einfach sein. Am U-Bahnhof Spichernstraße verhindert etwa eine Baustelle den direkten Übergang von der U3 zur U9. Dort wird bereits seit Monaten ein Aufzug eingebaut, aufgrund der Arbeiten ist der direkte Übergang zwischen U9 und U3 bis Mitte 2020 gesperrt. Der Weg für Umsteiger ist vor Ort ausgeschildert. Die Inbetriebnahme des Aufzugs ist erst für den Sommer 2020 angekündigt. Ein weiterer Aufzug, der den U3-Bahnsteig Richtung Warschauer Straße mit der Straßenebene verbindet, wird parallel gebaut. Hier ist eine Inbetriebnahme 2019 geplant.

Auch die Linie U7 wird ab dem 4. Januar für insgesamt acht Wochen unterbrochen. Zwischen Grenzallee und Britz-Süd werden dann im Südosten Berlins keine U-Bahnen mehr fahren. Im Bereich des U-Bahnhofs Parchimer Allee hatte es vor einiger Zeit im Deckenbereich einen Glimmbrand gegeben. Dort wurde in den 60er-Jahren offenbar mit mineralischen Stoffen und Leichtbauplatten gedämmt, die Holzwolle enthalten. Das soll nun ausgebessert werden.

Weitere Bauprojekte und Sperrungen im kommenden Jahr will BVG-Bauchef Uwe Kutscher am Dienstag der Öffentlichkeit vorstellen.

Auch im laufenden Verkehr Probleme bei der U-Bahn

Unabhängig von Bauarbeiten ist es auch am gestrigen Montag wieder zu Verspätungen und Ausfällen bei der U-Bahn gekommen. Bereits am Morgen hat die BVG über den Kurznachrichtendienst Twitter die Fahrgäste darauf vorbereitet, dass der U-Bahnverkehr auf den Linien U6, U7, U8 und U9 unregelmäßig ist. Diese Linien gehören wegen der breiteren Tunnelprofile zum sogenannten Großprofilnetz. Auf diesen Linien ist der seit Wochen anhaltende Mangel an einsatzbereiten Fahrzeugen besonders groß.

Am Montag machte sich die Wirtschaftssenatorin und Aufsichtsratsvorsitzende der BVG, Ramona Pop (Grüne), bei einem Besuch der U-Bahnwerkstatt in Britz selbst ein Bild von der teils dramatischen Lage. Gleich zu Beginn berichtete der neue Chef der Fahrzeuginstandhaltung, Steffen Kärgel, davon, dass inzwischen bereits 44 der 70 Wagen der Baureihe F79 (Auslieferung im Jahr 1979) wegen schwerer Schäden aus dem Verkehr gezogen werden mussten und auf die Verschrottung warten. Anders als ihre noch älteren Vorgänger der Baureihen F74 und F76 sind die Wagenkästen nicht aus Stahl, sondern aus Aluminium gefertigt. Die Reparatur von Rissen sei nicht nur schwierig und aufwendig, sondern in vielen Fällen nicht wirtschaftlich, so Kärgel, der sich seit April um die Instandhaltung der insgesamt knapp 1300 Wagen der Berliner U-Bahnflotte kümmert.

Die U-Bahnwerkstatt in Britz ist auf diesem Gebiet besonders gefordert. Weil der rund 850 Meter lange Waisentunnel in Mitte wegen Baufälligkeit gesperrt ist, können seit vier Jahren keine Großprofilzüge zwischen den Linien U5 auf der einen, sowie U6 bis U9 auf der anderen Seite wechseln. Um letztere kümmert sich nun die Werkstatt in Britz allein. Der Arbeitsaufwand ist enorm gestiegen. Dort müssen sich die aktuell 113 Werkstattmitarbeiter im Drei-Schicht-System um die Reparatur von 630 statt zuvor 380 Wagen kümmern. „Der Aufwand ist auch deshalb groß, weil die Wagen aus acht verschiedenen Baureihen stammen“, sagte Kärgel. Die ältesten kamen 1974 zur BVG, die jüngsten im Großprofil sind 17 Jahre alt. „Wir betreiben hier inzwischen liebevolle Oldtimer-Pflege“, sagte BVG-Chefin Nikutta.

Langfristig soll Flotte von Grund auf erneuert werden

Wirtschaftssenatorin Pop ist überzeugt, dass die BVG-Mitarbeiter aktuell alles tun, um den U-Bahnbetrieb am Laufen zu halten. „Die Berliner bekommen jetzt jedoch die Versäumnisse der Vergangenheit schmerzvoll zu spüren“, sagte sie. Um Geld zu sparen, sei fast 20 Jahre lang nicht in neue Züge investiert worden.

Um die Lage zu stabilisieren, soll, wie berichtet, voraussichtlich ab Frühjahr auf den Großprofillinien der Takt auf einheitlich fünf Minuten gestreckt werden. Aktuell fahren Züge im Berufsverkehr auch in kürzeren Abständen. Damit soll es möglich sein, dass es wieder auf allen Linien einen Reservezug gibt, der bei kurzfristigen Ausfällen „einspringen“ kann. „Im Moment können wir das leider nicht gewährleisten, was immer wieder zu Löchern im Fahrplan führt“, sagte Nikutta.

Langfristig soll die gesamte Flotte von Grund auf erneuert werden. Ein entsprechender Auftrag, den größten in der bisherigen BVG-Geschichte – das Volumen liegt bei rund vier Milliarden Euro –, soll der Aufsichtsrat im April bestätigen. „Vielleicht schaffen wir das auch eher“, hofft Pop.

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