Stasiopfer-Gedenkstätte

Viele offene Fragen zur Akte Hubertus Knabe

Die Entlassung des Direktors der Stasiopfer-Gedenkstätte, Hubertus Knabe, ist zum Politikum geworden. Der Versuch einer Rekonstruktion.

Nach wie vor sind zahlreiche Fragen zu den Umständen der Abberufung von Hubertus Knabe offen. Mehrere Fürsprecher brechen eine Lanze für ihn. Doch was ist dran an den Vorwürfen?

Nach wie vor sind zahlreiche Fragen zu den Umständen der Abberufung von Hubertus Knabe offen. Mehrere Fürsprecher brechen eine Lanze für ihn. Doch was ist dran an den Vorwürfen?

Foto: Imago

Es ist vorbei: Die Stiftung der Stasiopfer-Gedenkstätte in Hohenschönhausen und ihr langjähriger Direktor Hubertus Knabe haben sich über das Ausscheiden Knabes aus der Gedenkstätte geeinigt. Vor Gericht schlossen sie Ende dieser Woche einen Vergleich, mit dem die Rechtsstreitigkeiten beendet werden. Zu den Details schweigen beide Seiten. Und so bleiben viele Fragen zum Fall Knabe offen. Es hilft nur ein Blick zurück, um zu erklären, was da geschehen ist – in der für Berlin so wichtigen Gedenkstätte Hohenschönhausen, und mit dem Direktor Hubertus Knabe, der dort 18 Jahre lang so erfolgreich arbeitete.

Knabe selbst sagt nichts. Er darf nicht, er möchte vielleicht auch nicht. Als er vor einer Woche zu einer dieser für ihn wichtigen Gerichtsverhandlungen geht, wirkt er müde. Zwar liegt ein dünnes Lächeln auf seinen Lippen, freundlich grüßt er die rund 20 Prozessbeobachter, die vor Saal 3123 des Berliner Landgerichts warten. Aber die vergangenen Wochen haben unübersehbar Spuren an dem 59-Jährigen hinterlassen. Seine blonden Haare wirken zerzaust, sein Gesicht leicht eingefallen.

Der „Kommunistenjäger“ Knabe, bislang Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, ist selbst zum Gejagten geworden: hinausgeworfen vom eigenen Stiftungsrat, weil er nicht entschieden genug gegen seinen Vize vorgegangen sein soll, der Mitarbeiterinnen sexuell belästigt haben soll – und weil Knabe, so weit gehen die Vorwürfe auch, selbst ein sexistisches Klima in der Gedenkstätte geduldet, ja gar gefördert haben soll.

Und doch, es bleiben Zweifel. Geht es wirklich allein um diese Vorwürfe, oder ist der Fall ein ganz anders gelagertes Politikum? Womöglich soll hier ein unbequemer Knabe, der immer eng mit den Opferverbänden des DDR-Unrechts zusammenarbeitete, entsorgt, ja um sein Lebenswerk gebracht werden. Federführend von einem Kultursenator, Klaus Lederer, der der Linken angehört, der Nachfolgepartei der PDS, die wiederum die Nachfolgepartei der SED war. Es ist eine unübersichtliche Lage, auch politisch. Nicht nur Lederer, auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und der Brandenburger CDU-Politiker Dieter Dombrowski haben die Abberufung Knabes eingeleitet. Sie alle wollen sich nicht mehr zu den Vorgängen äußern. Auch Knabe schweigt.

Dafür sprechen andere für ihn. Politiker wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz melden sich zu Wort, dessen Berliner Fraktionskollege Kai Wegner und Stefan Förster, der für die FDP im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. Sie alle haben Zweifel an der Argumentation, die der Stiftungsrat unter Führung von Lederer ins Feld führt, um Knabes Absetzung zu begründen. Der bei Lederer und der Linkspartei unbeliebte Knabe sei Opfer eines politischen Komplotts geworden – bei dem Grütters und Dombrowski mitgespielt haben.

Die Kernfragen lauten also: Hat Knabe tatsächlich zu wenig unternommen, um das sexistische Klima in der Gedenkstätte abzustellen? Oder hat man ihn gezielt ins Messer laufen lassen – um einen Grund zu kreieren, ihn als Gedenkstätten-Chef loszuwerden? Wer in der Gedenkstätte nach Antworten sucht, wird in diesen grauen Tagen nicht fündig. Der Betrieb wirkt normal, Mitarbeiter blocken Fragen ab. Was hilft, ist nur ein Blick zurück.

Es ist der Oktober 2014, in Berlin regieren noch SPD und CDU, als sich eine Volontärin der Gedenkstätte an die Frauenbeauftragte der Kulturverwaltung wendet, die damals von Staatssekretär Tim Renner (SPD) geführt wird. Die Frau beklagt sich über Knabes Stellvertreter, Helmuth Frauendorfer. Er habe sie, so der Vorwurf, sexuell belästigt. Von „nächtlichen SMS“ mit „privatem Charakter“ ist die Rede, von Umarmungen und körperlicher Nähe, die Vizedirektor Frauendorfer trotz Ablehnung der Volontärin gesucht habe. Die Frauenbeauftragte prüft den Bericht, leitet ihn jedoch erst ein Jahr später, Ende 2015, an Renner weiter. Neben der Volontärin haben sich inzwischen zwei weitere Frauen zu Wort gemeldet: eine Praktikantin sowie eine Frau, die in der Gedenkstätte ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert hat.

Knabe erfährt von diesen Vorwürfen erstmals am 29. Februar 2016, als ihn Renner zum Gespräch trifft. Dabei aber nennt Renner Knabe nur wenige Details, die über die grob umrissenen Anschuldigungen hinausgehen, bemängelt der CDU-Abgeordnete Vaatz: „Arbeitsrechtlich hatte Herr Knabe damals also kaum etwas in der Hand, um Herrn Frauendorfer beizukommen.“ Renner bestätigt das. Und sagt heute, er habe Knabe keine exakten Angaben machen können – „weil uns die Frauen um die Wahrung ihrer Anonymität gebeten hatten“.

Hätte der Direktor entschiedener gegen seinen Vize vorgehen können?

Mit den wenigen Informationen, die er damals hatte, führte Knabe tags darauf – am 1. März 2016 – ein Personalgespräch mit Frauendorfer, weist ihn an, sein Verhalten zu ändern, und droht ihm mit arbeits- und strafrechtlichen Konsequenzen. All das notiert Knabe anschließend in einem Vermerk, den er in Kopie auch an die Kulturverwaltung schickt. Genau diesen Vermerk hinterlegt er jedoch nicht in Frauendorfers Personalakte, und genau das wird Kultursenator Lederer später scharf kritisieren.

Der indirekte Vorwurf: Knabe und Frauendorfer seien auch privat befreundet, und der Vorgesetzte Knabe wollte so seinen Freund schützen, den Vorfall vertuschen. „Das ist falsch“, hält Vaatz dagegen. „Die wenigen Details reichten nicht für eine schriftliche Abmahnung, die hinterlegt werden muss. Zudem wusste die Verwaltung Bescheid, Herr Knabe hat den Vermerk schließlich an sie weitergeleitet.“ Zweieinhalb Jahre später aber findet Lederer genau dieses Schreiben in seinem Haus nicht. Was wiederum dessen Vorgänger Renner verwundert. „Wenn die Verwaltung eines kann, ist es Akten ablegen. Da kommt nichts weg“, sagt der.

In dem Jahr, als die Vorwürfe gegen Frauendorfer der Verwaltung bekannt werden, ist Knabe bereits 16 Jahre Leiter der Gedenkstätte. Seit dem Jahr 2000 hat er als Direktor das ehemalige Stasi-Gefängnis zu einem ungewöhnlich lebendigen Gedenkort entwickelt, den jährlich 440.000 Menschen, darunter vor allem viele Schulklassen, besuchen. Den gräulichen Hof, die dunklen Verliese im Keller, die Verhörräume, all das macht er nun zugänglich, zeigt es, inszeniert auch manches, um es besser vermitteln zu können. Fast wirkt es wie ein kleines Knabe-Königreich, mit hohen Mauern abgetrennt vom Plattenbau-Kiez Hohenschönhausen. Knabe ist meinungsstark, manche finden ihn beratungsresistent, selbstverliebt bis herrisch. Immer wieder eckt er an, beim Stiftungsrat, beim Senat, auch bei den Stasiopfer-Verbänden.

Die Zahl derjenigen, die finden, dass ein Wechsel an der Spitze nötig sei, wächst. Er glaubte, er könne über Wasser laufen, sagen einige, die ihm nahestehen. Er habe einen bisweilen arroganten Führungsstil an den Tag gelegt, den Draht zu seinen Mitarbeitern verloren, sagen andere. Und Frauendorfer? Wollte Knabe vom übergriffigen Verhalten seines Freundes nichts mitbekommen, hat gar weggeschaut? Ja, sagen die, die ihn nun abgesetzt haben. Marianne Birthler, die frühere Leiterin der Stasiunterlagen-Behörde, die jetzt als Vertrauensperson und Ansprechpartnerin in der Gedenkstätte für die Belegschaft fungiert, hat bislang mit 33 Mitarbeitern, davon 15 Frauen, über das Arbeitsklima gesprochen.

„Die Vorwürfe gegen Frauendorfer schienen ein offenes Geheimnis zu sein, neue Mitarbeiterinnen wurden zum Teil vor ihm gewarnt“, sagt sie. „Und offenbar hatten einige Angst, sich vertrauensvoll an Herrn Knabe zu wenden, weil sie Benachteiligungen fürchteten.“ Dem entgegen stehen allerdings die Aussagen anderer Frauen, die heute Knabes „fürsorgliche“ Mitarbeiterführung loben, davon sprechen, die „schönste Zeit ihrer Berufskarriere“ in Hohenschönhausen verbracht zu haben, und die ganz klar „strukturellen Sexismus“ auf der Leitungsebene „ausschließen“.

Doch so einfach ist es nicht. Wieder ein Blick zurück: Im Juli 2017 nimmt eine neue Volontärin die Arbeit auf. Eigentlich hatte die Kulturverwaltung als Konsequenz aus dem Vorfall von 2016 der Gedenkstätte zunächst keine weiteren Auszubildenden genehmigen wollen. Nach viel Korrespondenz gibt die Verwaltung nach, unter einer Hauptbedingung: Die Volontärin darf nicht direkt Frauendorfer unterstellt sein. Doch schon im Dezember 2017 wendet sie sich an die Frauenbeauftragte der Verwaltung, sagt, sie habe ab Oktober unter ihm gearbeitet. Er habe sie ständig beobachtet, permanent ihre Kleidung kommentiert, sie als die „hübsche junge Frau in der Gedenkstätte bezeichnet“.

Anderen Frauen habe er „einen knackigen Arsch“ attestiert. Der Abgeordnete Vaatz, offenbar mit vielen internen Informationen vertraut, zweifelt diese Version an. Die Volontärin habe in der Abteilung Pädagogik damals unter einer anderen Abteilungsleiterin gearbeitet, könne mit Frauendorfer kaum in Berührung gekommen sein. Zumindest bis Ende 2017. Danach legt die Abteilungsleiterin ihre Arbeit plötzlich nieder. Unbestritten ist, dass die Volontärin im Januar 2018 zumindest für vier Tage formell doch Helmuth Frauendorfer unterstellt ist, dem nächsten in der Hierarchie. Die Kulturverwaltung zieht empört die Volontärin ab.

Inzwischen wird das Kulturressort im rot-rot-grünen Senat schon vom Linken Klaus Lederer geleitet. Auch ihn verbindet viel mit Hohenschönhausen: Der heute 44-Jährige erlebte die zwei letzten Jahre der DDR in dem Bezirk, wohin er 1988 aus Frankfurt (Oder) mit seinen Eltern zog. Das Verhältnis zwischen ihm und Knabe ist seit jeher schlecht. Schon vor Amtsantritt im Dezember 2016 warnte Knabe vor den Folgen, die eine Übernahme der Kulturverwaltung durch die Linkspartei haben könnte. Auch sonst ließ er keine Gelegenheit aus, um den Sozialisten ihre Parteivergangenheit vor Augen zu führen. Lederer selbst kritisierte er, als dieser 2006 zur Beerdigung des Stasi-Generals Markus Wolf erschien. Klar ist: Lederer mag König Knabe von Hohenschönhausen nicht. Will er ihn stürzen sehen?

Die Kritiker Knabes sagen, der Gedenkstättenleiter habe spätestens Anfang 2018 als Verantwortlicher für seine Mitarbeiter völlig versagt. Als ihm die Kulturverwaltung am 29. Januar in einem Brief von den neuerlichen Vorwürfen berichtet, von „sexueller Belästigung“ schreibt, davon, „dass die Situation der Volontärin in der Gedenkstätte sich analog zu den damaligen Vorfällen gestaltet“, hätte Knabe der Ernst der Lange bewusst sein müssen. Hätten die wenigen Hinweise nicht gereicht, damit sich Knabe Frauendorfer erneut zur Brust nimmt oder mit dem Stiftungsrat dessen Entlassung bespricht? Mehrere Mitglieder des Aufsichtsgremiums sehen das so. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sei das Vertrauen verloren gegangen, sei der Zug abgefahren, einen für Knabe günstigen Ausweg aus der Situation zu finden – etwa indem man Frauendorfer entlässt, Knabe selbst auf einen anderen Posten weglobt.

Tatsächlich geht Knabe in die Offensive, allerdings anders als jetzt von ihm erwartet. Er schreibt der Kulturverwaltung zurück, er habe „keinen Grund zu der Annahme“, dass Frauendorfer seiner Anweisung von 2016 nicht Folge geleistet habe. Um weitere Schritte einzuleiten, bittet er um eine Konkretisierung der neuerlichen Vorwürfe, auch um im Zweifel Strafanzeige gegen den mutmaßlichen Täter zu erstatten. Ferner weist er darauf hin, dass falsche Anschuldigungen über „sexuelle Belästigung“ als Verleumdung und üble Nachrede ausgelegt werden könnten. Diejenigen, die Knabe weiterhin nahestehen, beklagen: Er bekam von der Kulturverwaltung viel zu wenig konkrete Informationen, um überhaupt handeln zu können. Die hielt man vor ihm zurück.

Im Stiftungsrat und in der Verwaltung wertet man Knabes Antwort als Affront, Knabes Fürsprecher hingegen sehen kein Fehlverhalten. „Wie bitte sollte er sonst reagieren?“, fragt Stefan Förster. „Die Ankündigung der Strafanzeige belegt klar, dass er gewillt war zu handeln, es aber ob der fehlenden Details nicht tun konnte.“ Weil er auf mehrfache Nachfrage keine Details mitgeteilt bekommt, stellt Knabe am 26. April bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen unbekannt. „Aber eher aus Selbstschutz“, wie Kultursenator Klaus Lederer später einmal sagen wird, „aus Unvermögen, die interne Aufklärung selbst vorantreiben zu können“, wie Vaatz es darstellt.

Im Sommer 2018 schließlich überschlagen sich die Ereignisse: Bei Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Lederer geht Mitte Juni ein Brief ein, in dem sechs frühere Mitarbeiterinnen, die anonym bleiben wollen, weitere Vorwürfe gegen Frauendorfer erheben. Erneut geht es auch um nächtliche SMS, körperliche Berührungen. Grütters und Lederer lassen die Anschuldigungen durch eine Rechtsanwältin prüfen. Knabe bleibt außen vor – weil man ihm seit Frühjahr offensichtlich nicht mehr vertraut, die richtigen Schritte einzuleiten.

Für Kai Wegner ein fadenscheiniges Argument: „Es wirkt, als habe man ihm erneut gar nicht erst die Möglichkeit einräumen wollen, aktiv zu werden.“ Grütters und Lederer wollen zu diesem Vorwurf keine Stellung nehmen. Fakt ist: Erst am 6. August trifft Lederer Knabe zum Gespräch und eröffnet ihm, ohne ins Detail zu gehen, den Eingang des Briefes und bittet um die Herausgabe von Frauendorfers Personalakte. „Sie hätten Herrn Knabe viel eher in Kenntnis setzen müssen“, sagt Wegner. „Auch fragt man sich, wieso es überhaupt fast zwei Monate dauerte, um gegen Frauendorfer aktiv zu werden. Schließlich hätte Gefahr im Verzug sein können.“ Im Parlament erklärt Lederer später dazu lediglich, dass in der Akte der Vermerk über das Personalgespräch von 2016 fehlte, auch in seiner Verwaltung sei er nirgends aufzufinden. „Glaubt man Herrn Renner, ist auch das komisch“, so Wegner.

Zum endgültigen Vertrauensbruch kommt es im September

Zum endgültigen Vertrauensbruch aber kommt es am 24. September, einen Tag ehe der Stiftungsrat Knabe kündigt und ihn freistellt. Auf den letzten Drücker zieht Knabe die Reißleine, beurlaubt Frauendorfer. Eigenmächtig und ohne die dafür nötige Personalhoheit zu haben, wie es aus Stiftungsratskreisen heißt. Vaatz hingegen sieht darin einen Beleg dafür, dass Knabe sehr wohl gehandelt hat – „obwohl er de facto nichts Schriftliches gegen ihn in der Hand hatte“.

Am 25. September schließlich kommt es zum Showdown im Stiftungsrat. Anders als es Knabes Fürsprecher bemängeln, bekommt Knabe dort, so berichten es übereinstimmend mehrere Teilnehmer, sehr wohl Raum für eine ausführliche Stellungnahme. Diese aber nutzt Knabe wohl primär, um seine Verdienste darzustellen. „Ein selbstherrlicher Auftritt. Von den Frauen und den Vorwürfen gegen Frauendorfer sprach er nicht“, heißt es. Förster und Vaatz bestreiten das nicht, sagen aber auch, dass Knabe gar nicht mit den Vorwürfen konfrontiert worden sei und deshalb nicht darauf einging.

War dem wirklich so, war nicht klar, was im Raum steht? Fest steht lediglich, dass Knabe im Anschluss hinausmuss, später wieder hereingerufen wird, um zu erfahren, dass der Stiftungsrat ihm das Vertrauen entziehe, ihm ordentlich zum 31. März 2019 gekündigt werde, bis dahin von seinen Aufgaben freigestellt sei. „Für mich ist klar: Er hatte keine Möglichkeit, sich zu verteidigen“, sagt Vaatz. „Das und all die anderen Ungereimtheiten deuten für mich darauf hin, dass es sich vielmehr um ein politisches Komplott handelt, dass man ihn hat loswerden wollen.“

Der Rest ist Geschichte: Birthler wird als Vertrauensperson in der Gedenkstätte eingesetzt, Knabe zieht vor Gericht, gewinnt zunächst, verliert dann doch, muss nach nur wenigen Stunden, die er am 26. November am alten Arbeitsplatz verbringt, die Gedenkstätte wieder verlassen. Knabe wird daraufhin vom Stiftungsrat mit sofortiger Wirkung als Vorstand abberufen, an seiner Stelle übernimmt Jörg Arndt übergangsweise die Leitung des Hauses, bis ein neuer Direktor gefunden ist.

Dann die außergerichtliche Einigung in der vergangenen Woche. Zwischenzeitlich äußern sich viele zu dem Fall. Drei Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats der Gedenkstätte treten aus Protest über Knabes Absetzung zurück, während zahlreiche freie Mitarbeiter in einem offenen Brief sein Ausscheiden unterstützen. Zuletzt rufen 40 Historiker und DDR-Bürgerrechtler, unter ihnen Wolf Biermann, dazu auf, dass endlich Ruhe einkehren möge, um das Ansehen der Gedenkstätte nicht weiter zu beschädigen.

„Keiner bestreitet, wie verdient sich Hubertus Knabe um die Gedenkstätte gemacht hat“, sagt Kulturstaatsministerin Grütters jetzt. „Dass nun trotzdem alle nur über ihn und sein berufliches Schicksal reden, ist angesichts der belastenden Situation für die betroffenen Frauen ein Unding“, setzt sie den Satz fort. Verärgert. Das liegt aber auch daran, dass diese Frauen bis heute anonym bleiben. So bleiben viele Fragen offen – auch nach dem Ausscheiden von Hubertus Knabe.

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

Die Gedenkstätte Hohenschönhausen gilt als deutschlandweit wichtigster Erinnerungsort für die Oper des Stasi-Regimes in der ehemaligen DDR. Sie befindet sich in den historischen Räumlichkeiten der früheren zentralen Untersuchungshaftanstalt der Staats­sicherheit in Hohenschönhausen. Von 1951 bis 1989 internierte und folterte die Stasi dort vor allem politische Gefangene, die sich gegen die SED-Regierung des DDR-Unrechtsstaates auflehnten. Insgesamt mehr als 10.000 Gefangene saßen in diesen Jahren Zeit in den Kellerverliesen des Gefängnis ein.

Einen Tag vor der Wiedervereinigung Deutschlands wurde die Haftanstalt am 2. Oktober 1990 offiziell geschlossen, 1994 wurde auf dem Gelände die heutige Gedenkstätte eingerichtet. Erster wissenschaftlicher Direktor wurde am 1. Dezember 2000 der Historiker Hubertus Knabe, der sich schon zuvor unter anderem in der Stasiunterlagen-Behörde unter Joachim Gauck mit dem SED-Regime beschäftigt hatte. Knabe machte die Gedenkstätte zu dem, was sie heute ist: ein lebendiges Museum, in dem Besucher die früheren Hafträume weitgehend im Originalzustand zu sehen bekommen.

Die Führungen durch den früheren Stasi-Knast übernehmen heute vornehmlich Zeitzeugen, also ehemalige Insassen, die aus ihrer eigenen Vergangenheit berichten. Die überwiegende Zahl der Besucher sind Schüler, die bei speziellen Projekttagen in der Gedenkstätte den Haftalltag aus Sicht eines Inhaftierten kennenlernen können. Sie durchlaufen dabei mehrere Stationen, bei denen sie unter anderem 15 Minuten still sitzen und Briefe schreiben müssen, die anschließend einer Zensur unterliegen.

In den Straßen rund um die Gedenkstätte erinnern seit 2006 vier Gedenktafeln an die „Opfer der kommunistischen Diktatur“, für deren Aufstellung sich auch Knabe eingesetzt hatte. Diesem Schritt waren lange und kon­troverse Diskussionen in der Bezirksverordnetenversammlung Lichtenberg vorausgegangen, in der damals die SED-Nachfolgepartei PDS über zahlreiche Sitze verfügte.

Die Führungen der Zeitzeugen in der Gedenkstätte wurden in der Vergangenheit immer wieder durch frühere Stasi-Offiziere wie Siegfried Rataizick gestört, der noch heute in direkter Nachbarschaft lebt und bestreitet, dass den politischen Häftlingen in der DDR Unrecht widerfahren sei.

Die Gedenkstätte wird gemäß der Stiftungssatzung von einem Vorstand geleitet, der gleichzeitig ihr Direktor ist. Bis zu seiner Abberufung war das Hubertus Knabe. Als Kontrollgremium steht ihm der fünfköpfige Stiftungsrat vor, in dem der Kultursenator qua Amt den Vorsitz innehat, derzeit also Klaus Lederer (Linke). Neben dem Stiftungsrat gibt es einen wissenschaftlichen Beirat, in dem unter anderem frühere DDR-Bürgerrechtler und Vertreter von Stasiopfer-Verbänden sitzen. Zusätzlich gibt es einen privaten Förderverein, der die Arbeit unterstützt.

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