Terror in Frankreich

Berliner Schulklasse musste Anschlag in Straßburg miterleben

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Alexander Dinger, Andreas Gandzior, Jessica Hanack, Susanne Leinemann und Christian Latz
Einsatzkräfte der Polizei sichern in Straßburg einen Eingang zur Altstadt und damit zum Weihnachtsmarkt.

Einsatzkräfte der Polizei sichern in Straßburg einen Eingang zur Altstadt und damit zum Weihnachtsmarkt.

Foto: Christoph Schmidt / dpa

Eine Berliner Schulklasse aus Mitte war zum Zeitpunkt des Anschlags vor Ort. Geisel: Terrorgefahr in Berlin unverändert hoch.

Berlin. Nach Informationen der Berliner Morgenpost war zum Zeitpunkt des Anschlages in Straßburg am Dienstagabend auch eine Berliner Schulklasse vor Ort. Die 16 Schülerinnen und Schüler des zweiten Bildungsweges und zwei Lehrer sind derzeit auf Schülerfahrt in der Stadt. Die Schüler sind allesamt erwachsen und zwischen 20 und 30 Jahre alt. Die Schülerfahrt endet am heutigen Mittwoch offiziell. Nach Aussage der Schulleitung ist niemand körperlich verletzt, teilte die Bildungsverwaltung auf Nachfrage mit.

Die Klasse kommt aus Mitte. Gewalt- und Krisenpsychologen sind schon eingeschaltet. Sandra Scheeres äußerte sich bestürzt über das Attentat: „Menschen wollten friedlich gemeinsam feiern und die Vorweihnachtszeit genießen. Sie wurden Opfer eines hinterhältigen Attentats. Ein Teil der Berliner Schulklasse musste den Anschlag miterleben. Das ist eine furchtbare Erfahrung, die nur schwer zu verarbeiten ist. “

Nach dem mutmaßlichen islamistischen Anschlag nahe des Straßburger Weihnachtsmarktes gibt es nach Angaben von Innensenator Andreas Geisel (SPD) zunächst keine Maßnahmen, die über die bisherigen Sicherheitsvorkehrungen im Umfeld der Berliner Weihnachtsmärkte hinausgehen.

Geisel sagte der Berliner Morgenpost am Mittwoch, dass der Anschlag von Straßburg zeige, dass die Terrorgefahr unverändert hoch sei. „Das gilt auch für Berlin. Die Polizei ist entsprechend vorbereitet und schützt sichtbar und mit verdeckten Mitteln die Weihnachtsmärkte in unserer Stadt“, sagte Geisel. Man sei auf die unterschiedlichen Anschlagsszenarien vorbereitet – nicht nur auf Überfahrtaten.

„Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen muss uns aber allen klar sein: Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz in offenen Gesellschaften wie unserer“, so Geisel weiter. Diejenigen, die das behaupten, würden ein Sicherheitsversprechen abgeben, das sie nicht einlösen könnten. „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen und unseren Lebensstil ändern. Wenn wir das tun, haben die Terroristen ihr Ziel erreicht“, sagte Geisel.

So reagieren die Veranstalter der Berliner Weihnachtsmärkte

Der Angriff auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg hat auf die Sicherheitsmaßnahmen an den Berliner Weihnachtsmärkten zunächst keine konkreten Auswirkungen gehabt. Auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz war die Stimmung am Vormittag ruhig. Zwar standen entlang der Budapester Straße anders als sonst drei Mannschaftswagen der Polizei. Dies stehe jedoch nicht in Zusammenhang mit den Straßburger Ereignissen, sagte ein Polizist. „Das ist reiner Zufall, dass wir heute hier stehen.“ Zusätzliche Einsatzkräfte für den Platz, auf dem vor rund zwei Jahren der Anschlag verübt wurde, gebe es demnach heute nicht. Auswirkungen könnte der Angriff in Straßburg jedoch auf die Besucher haben, befürchtete die Verkäuferin eines Likör-Standes. „Ich denke, es werden heute weniger Gäste kommen“, sagte sie.

Auf dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt gibt es nach Straßburg keine zusätzlichen Maßnahmen. "Wir kontrollieren an allen vier Eingängen zum Weihnachtszauber Personen und die Taschen der Besucher", sagte Gunda Kniep, Geschäftsführerin des Weihnachtsmarktes in Mitte. Zudem sei die Polizeipräsenz in diesem Jahr bereits von Beginn an verstärkt worden, hieß es. "Wir wüssten jetzt nicht, was da noch zu verbessern ist."

Auch auf dem Weihnachtsmarkt am Roten Rathaus bleibt man gelassen. "Unser Anspruch ist, den Gästen aus dem In - und Ausland das größtmögliche Sicherheitsgefühl zu geben, und wir arbeiten jedes Jahr entsprechend anspruchsvoll, sogar über die vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen hinaus, an unserem Sicherheitskonzept. Wir verhalten uns dabei unauffällig. Es geht darum, Angst zu nehmen und nicht Angst zu schüren”, sagte Dunja Wolff, Sprecherin des Weihnachtsmarktes "Weihnachtszeit" am Roten Rathaus.

In der Spandauer Altstadt blieb es auf dem Weihnachtsmarkt am Mittwochnachmittag ruhig, besondere Anspannung war weder bei den Händlern noch bei den Besuchern zu spüren. Er habe erst am Morgen, auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt, im Radio von dem Anschlag gehört, erzählt Bodo Schößler, der seit sieben Jahren an seinem Stand Spirituosen verkauft. Er kennt den Straßburger Weihnachtsmarkt, seine Familie wohnt nur 30 Kilometer von dort entfernt. Klar habe er erst einmal zu Hause angerufen, nachdem er die Nachricht im Radio gehört habe. Dennoch steht er ohne mulmiges Gefühl auf dem Spandauer Markt. „Wenn ich mir darüber groß Gedanken machen würde, dürfte ich hier nicht arbeiten“, sagt er. Auch ein anderer Verkäufer betont, der Anschlag beeinflusse ihn nicht. „Wir sind das ganze Jahr auf Veranstaltungen unterwegs“, sagt er. „Sowas kann überall passieren.“

Ähnlich äußern sich die Besucher. Reiner und Sabine Hillebrandt sind gerade für zwei Tage in Berlin, um verschiedene Weihnachtsmärkte zu besuchen. An diesem Plan ändert auch der Anschlag von Straßburg nichts. „Darüber nachdenken tut man schon“, sagt Reiner Hillebrandt. „Aber abhalten lassen wir uns davon nicht.“ Ob man nun in Berlin oder in Hannover sei – die hundertprozentige Sicherheit gebe es eben nirgendwo.

Der Veranstalter des Weihnachtsmarktes vor dem Schloss in Charlottenburg sagte der Berliner Morgenpost, dass die Sicherheitsvorkehrungen vom ersten Tag an sehr hoch gewesen seien. „Wir haben in diesem Jahr 70 Poller aufgestellt und damit 20 mehr als im vergangenen Jahr“, sagte Tommy Erbe. Nach der Attacke am Weihnachtsmarkt in Straßburg am Dienstagabend habe er sich am Mittwochmorgen bei der Polizei gemeldet und gefragt, ob sich an der Sicherheitslage in Berlin etwas geändert habe. Eine Antwort habe er nicht erhalten. In einer Teambesprechung habe er seine Mitarbeiter noch einmal zur Wachsamkeit aufgerufen.

Polizei bewertet fortlaufend die Sicherheitslage

Im vergangenen Jahr führte Erbe einen Rechtsstreit mit Berlin. Im Kern ging es darum, wer für die Sicherheit auf Weihnachtsmärkten eigentlich zuständig ist. Die Betreiber des Weihnachtsmarktes vor dem Charlottenburger Schloss müssen die Kosten für behördlich angeordnete Sicherheitsmaßnahmen nicht übernehmen, urteilte das Berliner Kammergericht in einem Eilverfahren damals. Der Genehmigungsbehörde - also dem Straßen- und Grünflächenamt - bleibe es unbenommen, die von der Polizei geforderten Sicherheitsmaßnahmen selbst zu ergreifen, heißt es im Urteil. Im vergangenen Jahr waren die Auflagen allerdings erst nach der Genehmigung erteilt worden. In diesem gab es die Genehmigung mit der Auflage, dass der Veranstalter für die Sicherheit zu sorgen habe. Dagegen geht Erbe nun erneut juristisch vor. „Für den Schutz vor terroristischen Bedrohungen hat der Staat zu sorgen“, sagte Erbe der Berliner Morgenpost. Seine Mehrkosten durch zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen bezifferte er auf mehrere Zehntausend Euro.

Ein Sprecher der Berliner Polizei sagte: „Vor dem Hintergrund der bereits vor dem Anschlag bestehenden abstrakt hohen Terrorgefahr stellt die Polizei Berlin einen sehr umfassenden Grundschutz sicher, der unter anderem sichtbare polizeiliche Präsenz auf Weihnachtsmärkten, technische Sicherungen zum Schutz vor Kraftfahrzeugen und auch andere, zum Teil verdeckte Maßnahmen für andere Szenarien umfasst“.

Die Polizei Berlin bewerte fortlaufend die Sicherheitslage in der Stadt und lasse hierbei auch Ereignisse und Erkenntnisse aus dem In- und Ausland einfließen. Die bestehenden Maßnahmen würden unter Berücksichtigung der aktuellen Erkenntnisse ebenfalls überprüft und im Bedarfsfall angepasst. „Nicht immer sind dabei die Sicherheitsvorkehrungen in der Öffentlichkeit sichtbar“, so der Sprecher weiter.

Im Gegensatz zu Berlin hat sich Brandenburg dazu entschieden, die Sicherheitsmaßnahmen sichtbar zu verstärken. So werden etwa zusätzliche Bereitschaftspolizisten auf die Weihnachtsmärkte geschickt. Diese Beamten sollen die Maschinenpistole auch offen tragen, wie Polizeisprecher Torsten Herbst der Berliner Morgenpost sagte. Zudem seien die einzelnen Direktionen angehalten, eigene Lagebewertungen zu erstellen. Hebst betonte aber, dass es bislang keine Bezüge des Straßburger Attentäter nach Brandenburg gebe. „Wir erhöhen die Sicherheit, verbreiten aber keine Panik“, sagte Herbst.

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